Luftgitarren statt Drumbox. Zweites Album: Peaches denkt an Rock'n'Roll, spielt Punkrock und klebt sich fürs Cover Bärte an.
Text: Jan Kage aus De:Bug 74

Normativer Sex

Gender, Gender und kein Ende. Im alten Ägypten klebten sich die Pharaoninnen Barthaare als Zeichen ihrer Macht ins Gesicht. Peaches trägt ebenfalls einen eleganten Abe-Lincoln-Bart auf Kinn und Wangen, zumindest auf dem Cover ihres zweiten Albums “Fatherfucker”. Überwogen in ihrem Debüt doch eher Elektroklänge und HipHopiges, um die Punkattitüde zu untermalen, ist auch der Sound inzwischen eindeutig Punk. Ein bisschen, als hätte man Lou Reed ’73 mit einem Mitachtziger-Drumcomputer in Alec Empires Frohnauer Elternhaus-Keller geschickt. Zumindest ungefähr so. Ihr Hauptthema ist geblieben: Sex.

Peaches:
Als ich mit Peaches angefangen habe, hab’ ich an drei Dinge gedacht: Iggy Pop (der auf Fatherfucker featuret; JK) und Joan Jett, Rock’n’Roll und seine rohe Power, die Attitüde wollte ich auch haben. Außerdem habe ich an HipHop-Lyrics gedacht. Die haben auch die Rock’n’Roll-Attitude, weil sie so stark sind. Ich bin zwar kein Rapper, aber benutze gerne Rap-Lyrics. Aber ich wollte klarmachen, dass sie von mir als Frau kommen, die sagt, was sie zu sagen hat. Und die Minimalität der HipHop-Beats. Und drittens, was die Elektro-Musik angeht, wollte ich zeigen, dass man kein nerdy knöpfchendrehender Intellektueller sein muss, der wie Indie-Rocker runter auf seine Schuhe guckt, sondern dass man da auch Persönlichkeit reinlegen kann.

DEBUG:
O.K. Du sprichst sehr viel von Sex. Was soll die ganze Aufregung. Wir haben nicht mehr die Sechziger, wo alle miteinander poppen.
Peaches:
Natürlich tun sie das!

DEBUG:
Tun sie das? Ich dachte, die ganze Gesellschaft guckt Dienstags Sex in the City und ist sonst voll auf Porno und der Imitation von Sex, aber sie ficken nicht mehr wirklich.
Peaches:
Ich versteh’, was du meinst.

DEBUG:
Warum ist Sex dann dein großes Thema?
Peaches:
Weil Sex eines der fünf Grundbedürfnisse ist. Du isst, du schläfst, du brauchst ein Dach, musst dich irgendwo zugehörig fühlen und du brauchst Sex. Wir müssen Sex zu dem machen, was er wirklich ist: down and dirty and fun. Wenn du dir das Britney Spears Video anguckst, das von Porno-Regisseuren gemacht wurde, und sie da am Ende so was wie gruppenvergewaltigt wird, aber dazu singt: “I’m a slave to love.” Das ist ein Haufen Müll! Und wir werden mit diesen Bildern gefüttert, insbesondere weil Männer visueller geprägt sind, fügt man diese sublimen Botschaften ein. Ich will aber die Dinge auch aussprechen und nicht nur tun, also ob das unterbewusst wäre. Was ich tue, sollte normal sein.

DEBUG:
Wir hatten die 60er mit ihrer sexuellen Revolution, aber es scheint immer noch anstößig, offen und direkt über Sex zu sprechen.
Peaches:
Rapper können das!

DEBUG:
Und die drücken ihre männlichen Phantasien offen aus, aber wir sind es von Frauen nicht gewohnt?
Peaches:
Nicht nur das. Wir akzeptieren das auch nur, wenn es schwarze Männer machen. Das ist aber für die auch scheiße. “Ey, das ist ein Schwarzer, der kann so was sagen!” Es ist nicht deren Fehler.

DEBUG:
Nein, es ist deren Image und das ist gerade recht populär, also kann man ihnen nicht vorwerfen, dass sie mit ihren Fantasien ein bisschen Geld verdienen.
Peaches:
Genau! Und ich will meine Fantasien auch ausleben. Und meine Fantasien bringe ich in eine direkte Form. Ich mache die Musik direkt und die Lyrics direkt. Ich bin kein Rapper. Aber ich benutze Rap-Lines. 50 Cent sagt: “I’m not into making love, I’m into making sex!” Aber wenn ich das sage, dann sagen die Leute: “Komm schon, Peaches, du bist ein weißes, jüdisches Mädchen. You are into making love.” Ich sehe mich eher als sexuelles Kabel. Ich will nicht, dass alle mit mir Sex haben. Es ist mir auch egal, ob ihr Sex mit mir habt oder nicht. Darum geht es nicht. Es geht eher darum, die Idee von Sex zu bringen. Und einfach Spaß zu haben!

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Elektronische Lebensaspekte.