Text: Andreas Krüger aus De:Bug 42

Nieder mit den Generationen!

Als die “Spex” vom November “brandeins” zur “Spex der Generation @” erklärte, war dies mehr als nur ein Bankrotterklärung. Der Generationenbegriff ist zum alles ordnenden Erklärungsprinzip geworden. Es wird nicht mehr diskutiert, sondern nur noch verortet: “Was Du sagst, ist nicht interessant, denn Du bist ein stinkender 68er.” “Sie können mich nicht verstehen, denn Sie gehören der blöden Flak-Kämpfer-Generation an.” “Diese Jugendgeneration ist halt rechtsradikal, die davor war unpolitisch, die davor links, das ist halt so …”

Genauso scheint es heute ein allgemein akzeptiertes sozialdarwinistisches Gesetz zu sein, dass es die gen-gegebene Aufgabe der jüngeren Generationen ist, die älteren Generationen von den Futtertrögen, wo es Geld, Macht und Sex gibt, zu verdrängen. Erbittert wird zwischen 68ern, 77ern und 89ern um Diskurshoheit gekämpft, als sei’s die Luftschlacht über England. Der Kampf zwischen den Generationen hat schon längst die Gefilde der Kultur verlassen, immer häufiger wird, nicht nur bei der Rentendebatte, von “Generationengerechtigkeit” gesprochen, davon, dass “die Alten” den Jungen etwas wegnehmen (Renten, Arbeitsplätze, saubere Umwelt, fossile Brennstoffe).

Natürlich kann der “Generationenbegriff” bestimmte soziale und kulturelle Phänomene beschreiben. “Wohl in keiner Klasse wirkt sich der Gegensatz zwischen jugendlichen und älteren Platzhaltern, aber auch der Gegensatz zwischen denjenigen, die aus derselben Klasse stammen, und den Emporkömmlingen so entscheidend aus wie in der herrschenden Klasse (….) Die Differenzen zwischen den Generationen (und die Wahrscheinlichkeit von Generationskonflikten) steigen um so mehr, je bedeutendere Veränderungen in der Definition beruflicher Positionen oder in deren institutionellen Zugangsvoraussetzungen eintreten, d.h. im Generierungsverfahren, dem die Individuen unterzogen werden, die diese Positionen (die der herschenden Klasse) besetzen sollen”. Wer glaubt, diese Analyse Bourdieus von 1979 hätte sich mittlerweile erledigt, mag Werthers Echte lutschen.

Das Problem ist nun, dass angesichts der fast weltweit akzeptierten Gültigkeit eines Gesellschaftsmodells der Generationenkonflikt die Rolle des guten alten “Hauptwiderspruchs” ursupiert hat. Die Generationenfrage eignet sich vortrefflich, um jegliche politische Diskussion zu verhindern. Politik braucht die Fiktion, dass es eine gemeinsame Diskussionsgrundlage gibt, und eine Agora, wo diskutiert werden kann. Wo diese von ‘generation gaps’ durchfurcht ist, gibt es eben nur noch Grabenkämpfe. Das (Carl) Schmitt’sche Politikprinzip wird auf die Generationenabfolge übertragen. Bist Du nicht mein Jahrgang fein, so leg Dich doch ins Altersheim.

Statt dem Ende der Geschichte werden nun sämtliche Differenzen auf eine angeblich allgemeingültige geschichtliche Schiene projiziert. Sie werden somit zugleich erklärbar wie unlösbar. Nur ein Verfallsdatum bleibt.

Junge Rassisten haben mit alten Rassisten mehr gemein als mit ihren nichtrassistischen Altersgenossen. Ob einer Anzüge trägt oder nicht, ist mir so oder so völlig wurscht. Und ich fuhr nie einen Golf.

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Elektronische Lebensaspekte.