Die Lage in schlecht zugänglichen Weltgegenden kann durch die geschickte Kombination von Landkarten, Satelliten-Bilder und weiteren Informationen oft detailliert aus der Ferne erfasst werden.
Text: Verena Dauerer aus De:Bug 124


Die Lage in schlecht zugänglichen Weltgegenden kann durch die geschickte Kombination von Landkarten, Satelliten-Bilder und weiteren Informationen oft detailliert aus der Ferne erfasst werden. Noch vor wenigen Jahren Militärs und Geheimdiensten vorbehalten, stehen die Informationen inzwischen auch NGOs zur Verfügung.

Die Darstellung der Welt mittels Karten war die längste Zeit eine Geheimwissenschaft im Sinne der Binsenweisheit “Wissen ist Macht”. Ganz konkret galt dies, als sich die Europäer daran machten, die Welt zu “entdecken”. Wer als Erstes an einer Küste entlangschipperte und seine Reise dokumentierte, konnte umgehend Herrschaftsansprüche geltend machen. Dementsprechend exklusiv war der Kreis der Auserwählten, die überhaupt Karten zu Gesicht bekamen, drastische Schutzmaßnahmen inklusive:

Wer eine portugiesische Karte an den spanischen Hof brachte, konnte sich in Portugal nur noch zur eigenen Hinrichtung blicken lassen. Nun hat sich das Herrschaftswissen per Kartografie über die Jahrhunderte arg abgenutzt und nach dem Ende des Kalten Krieges gibt es kaum noch Flecken, von denen es keine allgemein zugänglichen Karten gibt. Dafür ist mit den Satellitenbildern eine Darstellungsform auf den Plan getreten, die anfangs einen ähnlich exklusiven Status hatte wie Karten im Zeitalter der Entdeckungen.


Foto: AAAS

Und auf diesem Feld ist die Demokratisierung des Wissens trotz Google-Earth noch lange nicht so weit gediehen wie in der klassischen Kartografie. Mit Projekten wie der OpenStreetMap, bei der Freiwillige mit GPS-Empfängern in Wikipedia-Manier eine Weltkarte erstellen, werden Karten nämlich gerade zu echtem Open-Source-Wissen. Bei den Satellitenbildern liegt der Fall allerdings komplizierter, denn diese sind ohne Spezialwissen und qualifizierte Aufbereitung in der Regel eher bunt und wertlos.

Die Techniken zur Nutzbarmachung von Satellitenaufnahmen werden “geospatial” genannt und gelten sowohl kommerziell als auch politisch als neues heißes Ding: “Wir werden die Welt geospatial organisieren”, fasste Joe Francica vom Directions Magazin die Aufbruchstimmung des ersten “Location Intelligence”-Kongresses im April in Kalifornien zusammen.

Dumme Masse
Die Idee einer Demokratisierung der Weltdarstellung funktioniert inzwischen auf der Kartenebene schon recht gut, wie das rasante Schwinden weißer Flecken in der OpenStreetMap zeigt. Geht man einen Schritt weiter zu geospatialen Techniken, wird es sofort ungleich komplizierter, wie man letzten Herbst im Fall von Steve Fossett sehen konnte.

Der Weltumflieger war irgendwo in der Wüste von Nevada verschwunden und der Mechanical Turk, Amazons Jobbörse, teilte Satellitenbilder des Gebiets, also 17.000 Quadratmeilen, in Stückchen auf und verschickte es an 50.000 Freiwillige. Die durften dann ihren zufällig zugewiesenen Ausschnitt nach der Heunadel in der Sanddüne suchen – wenn sie gewusst hätten, an was man ein Flugzeugwrack erkennen kann. Zum Beispiel, wenn sie ein Vorher-und-nachher-Bild vom jeweiligen Landschnipsel zum Vergleich gehabt hätten.


Foto: AAAS

Denn das ist der Knackpunkt: GoogleEarth hatte zwar gerade sein Zweijähriges gefeiert und geospatiale Mittel sind damit langsam auf vielen PCs angekommen. Aber auch wenn seine 3D-Oberfläche nicht nur Gamern gut gefällt, scheitert es im Moment noch am professionellen Wissen, die Bilder lesen und auswerten zu können. Immerhin macht das Auswerten von Satellitenbildern schon einigen Sinn, zum Beispiel beim Tracken von Feuerbränden, weil sich mit deren Auswerten besonders umwelttechnische Angelegenheiten verfolgen lassen:

Waldbrände, Abholzung oder illegaler Bergbau. In Madagaskar, zum Beispiel, werden Brände auf Satellitenbildern von dem “Fire Alert System” der gemeinnützigen Umweltorganisation Conservation International in beinahe Echtzeit geortet. Entwickelt wurde es im Verbund mit der Uni Maryland und der NASA, die einen so genannten “Web Fire Mapper”, eine interaktive Webseite, mit Brandmeldungen gebaut haben:

Erkennt das System nun ein Feuer, wird das JPG des Satellitenbildes automatisch als E-Mail an lokale Organisationen verschickt. Für Madagaskar wird gerade an einem satellitenbasierten Frühwarnsystem gearbeitet, das Mappen nach Vorhersage generiert und die mit den aktuellen Daten von Bränden kombinieren soll.

Satelliten-Intelligenz für NGOs
Ein Meilenstein bei der Etablierung geospatialer Techniken im Dienst der Allgemeinheit stellt wohl Googles “Outreach”-Programm dar. Mit dem Anfang des Jahres angekündigten Programm sollen gemeinnützigen Organisationen die Möglichkeiten von Google Maps und Earth zugänglich gemacht werden.

Und auch wenn es sich dabei um eine Image-Kampagne des Internet-Konzerns handelt, wurde dadurch auch das öffentliche Bewusstsein für das Thema geschärft. Denn lange bevor Google zur großen PR-Kampagne blies, war es üblich, Menschenrechtsverletzungen mit dem Auswerten von Satellitenbildern und mit GoogleEarth und Microsofts Virtual Earth nachzuweisen. Nur fehlte es NGOs wie Amnesty International oft sowohl an den finanziellen Mitteln als auch am Wissen, mit den Programm-Tools umgehen zu können.


Foto: AAAS

Gott sei Dank gibt es aber Leute wie Lars Bromley. Der ist bei der amerikanischen AAAS, der American Association for the Advancement of Science, als Projektleiter der Abteilung Geospatiale Technologien und Menschenrechte und beschafft und wertet seit drei Jahren Satellitenbilder ehrenamtlich für Hilfsorganisationen aus. Will heißen, er benutzt Geographic Information Systems (GIS), um nach Unregelmäßigkeiten in Darfur, Nordkorea, Burma oder dem Gazastreifen zu suchen.

Das kann von Bränden und Abholzung, Verwüstungen und Zwangsumsiedlungen über militärische Stützpunkte oder Straßensperren bis zu versteckten Gräbern und Massengräbern gehen. Wie kam der Wissenschaftler auf die Idee, dass Amnesty International anzubieten? “Teils hat uns ein Report der US-Regierung über Satellitenbilder von Darfur dazu gebracht, andererseits war ich damals überrascht, wie wenig sich die NGOs des Mappings und der geospatialen Techniken bedienen”, erklärt er.

So weist er nach, dass, wie im Fall von Darfur, die sudanesische Regierung das Militär gegen die Zivilbevölkerung seit 2005 eingesetzt hat, obwohl sie das offiziell im Jahr davor eingestellt haben wollte. Aktuelle Bilder von bestimmten Landstrichen wurden mit Bildern in der Zeit davor verglichen und das Ergebnis in die Website EyesonDarfur.org von Amnesty für jedermann ersichtlich eingebaut. Sie können aber auch vor Gericht helfen: Bromleys Untersuchungen über verwüstete Dörfer in Zimbabwe bekräftigen im Moment eine Gerichtsverhandlung der afrikanischen Union.

Macht-Nivellierung
Dabei darf man aber nicht vergessen, dass geospatiales Mappen auf ganz herkömmliche Informationsbeschaffung angewiesen ist. Bei den Ausschreitungen in Burma im letzten Herbst bekam Bromleys Abteilung Nachrichten über Flüchtlingsbewegungen und Zwangsumsiedlungen von Organisationen vor Ort, wie den Free Burma Rangers. Erst auf deren Info hin kann Bromley Archivbilder und neuere Daten zum Vergleich bestellen.

“Manchmal bekommen wir Berichte mit den GPS-Koordinaten, aber meistens haben wir nur den Namen eines Dorfes, das Gebiet oder den Distrikt als Anhaltspunkt. Dazu kommt, dass es in der Regel von Regionen oder Ländern wie Darfur oder Burma nur veraltete Karten als Referenz gibt. Also brauchen wir eine ganze Weile, um die eigentlichen Koordinaten zu ermitteln”, erklärt Bromley. Erst damit kann er dann das Archiv von zwei Satellitenbilder-Providern, GeoEye und DigitalGlobe, nach “alten” Ansichten absuchen. Die kosten allerdings mindestens 250 Dollar, aber oft noch sehr viel mehr.

Wenn Lars’ Abteilung bei der AAAS genug Sponsorengelder zur Verfügung hat, kann er danach aktuelle Luftansichten bestellen – die gibt es für ungefähr 2.000 Dollar. Damit ist es aber immer noch nicht getan: Die Erstellung neuer Bilder kann Monate dauern, je nachdem welcher Satellit gerade wo seine Runden dreht oder wie viele Wolken die Flächen verdecken. Im besten Fall bekommt die AAAS die Bilder innerhalb einer Woche, aber selbst dann braucht es eine Menge Glück, schließlich muss das Satellitenbild zum richtigen Zeitpunkt aufgenommen worden sein, um etwa die Wirkung völkerrechtswidriger Kriegshandlungen nachzuweisen.


Foto: AAAS

Trotzdem: “Die meisten Informationen über Attacken bekommen wir nach wie vor von Leuten vor Ort, die Bilder dienen letztendlich nur zur Untermauerung”, erklärt Bromley. Das Auswerten der Bilddaten kann Monate dauern, denn die Details entscheiden. Unterschiede zwischen Militärtrucks und Fahrzeugen der Zivilbevölkerung oder auch die Anbausorten auf den Feldern können wichtig sein.

GoogleEarth und Virtual Earth benutzt Bromley eigentlich nur für Präsentationen, abhängig von der Zielgruppe: “Oft sind aber die Leute, mit denen wir zusammenarbeiten an irgendwelchen entlegenen Orten. Dann drucken wir die Karten großformatig aus und schicken sie mit der Post.” In Zukunft will er mehr GPS-Handys und Satellitentelefone einsetzen (wie 2002 in Eritrea, als er mit GPS-Empfängern die Lage von zerstörten Gebäuden lokalisierte). Radarsatelliten, unbemannte Flugzeuge und natürlich Fotomaterial von Bürgern sollen stärker mit einbezogen werden. Klingt alles gut.

Trotzdem und bei aller Hilfe, meint Bromley, bleiben die NGOs am Ende ziemlich machtlos. Denn die eingangs bemühte Formel “Wissen ist Macht” gilt absolut nur in Situationen, in denen viele unwissend bleiben. In Zeiten allgemein verfügbaren Wissens ist diese Machtwährung dagegen radikal entwertet.

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Elektronische Lebensaspekte.