Text: anton waldt aus De:Bug 07

Gerhard: Mieselsucht regiert! Anton Waldt Gehard ist so eine Art Helge Schneider der elektronischen Musik. Auf seinem Debut-Doppel-Album zappt er ziemlich gekonnt durch die Sparten, das Ganze ist eine große Zitat- & Karikatursammlung. Ein wenig Ehrfurcht wird bezeugt, meist dienen die souverän abgespulten Genre-Merkmale aber nur als Träger für Pöbeleien. Mit ungelenker Stimme vermeiden Gerhards Vocals möglichst jede Pointe, und die nachvollziehbarste Geschichte ist die von Harald 808: Der ist Rockmusiker und deshalb verkauft er seine 808 ganz billig, dazu das Abziehbild einer typischen 808-Wichserei. Die meisten Tracks sind kryptischer, wie z.B. “Winter in Frankfurt” : Zum Klaviersample aus Falkos Jeanny poltert ein wirklich fetter HipHop-Beat und Gerhard erzählt was von kleinen Tieren, die Reisig sammeln. So weit so schön obskur, nur wird man danach den Eindruck nicht mehr los, daß Gerhard Frankfurt am Main gerne niederbrennen würde. Das alles klingt nach jemand, der schon eine Ewigkeit als Producer und/oder DJ arbeitet und hier ordentlich Dampf abläßt bzw. Ballast abwirft: Psychoschrott auf Vinyl, sollen sich doch andere damit abmühen, hier durchzusteigen. So stelle ich mir das auf jeden Fall vor, bevor ich Gerhard zum Interview treffe. Das Café Stein ist eine Milchkaffe-Hölle direkt bei der Universität, die niemand außer Studenten freiwillig betritt. Gerhard studiert Germanistik. Als ich frage, wie ich ihn erkennen würde, fällt ihm nichts ein. Solchermaßen vorgewarnt wundere ich mich nicht allzusehr, als er mir dann gegenübersitzt, kein Wort rausbringt und aussieht, als würde Mama ihm immer diese praktischen Klamotten kaufen. Vorerst dreht Gerhard sich also Zigaretten, raucht und hat dauernd Tabakkrümel auf der Zunge, während ich nach einem Thema suche, auf das er anspringt: alte analoge Synthesizer. Gerhard fängt an über Filter zu dozieren. DE:BUG: Du scheinst ein beeindruckendes Studio zu haben…. Gerhard: Ich habe noch längst nicht alle Geräte erwähnt, die ich besitze! DE:BUG: Wie hat’s angefangen? Gerhard: Ich habe bis 1992 ausschließlich Punk und Industrial gehört. Dann bin ich aus Versehen zu einer Techno-Party gegangen und das war toll! Leider sank das Niveau der Partys danach sehr schnell und zwar sowohl was das Publikum betrifft, als auch die Musik. Aber seitdem beschäftige ich mich intensiv mit elektronisch generierter Musik. Ich sammle systematisch auch ältere Platten aus diesem Bereich. Und natürlich mein Studio! Vor allem die analogen Geräte! DE:BUG: Mir kamen die Sounds auf deiner Platte aber ziemlich konventionell vor! Gerhard: Natürlich! Die Platte habe ich nur mit einer Roland MC303 und einem Mikrofon produziert! Aber diese Platte ist für mich musikalisch auch nicht wichtig. Ich habe in diesem Jahr endgültig einsehen müssen, daß sich niemand für wirklich niveauvolle Musik interessiert. Als ich dann eine Gelegenheit, bekam etwas zu veröffentlichen, habe ich die Platte innerhalb von 10 Tagen fertiggestellt. Es ging mir darum zu zeigen, daß ich mit diesem absolut minderwertigen Equipment alle aktuell erfolgreichen Sounds generieren kann. DE:BUG: Aber wieso hast du nicht einfach eine Platte nach deinen Vorstellungen gemacht? Gerhard: Das will ja offensichtlich niemand hören, und abgesehen davon kann ich mir ja nicht alles gefallen lassen! Wenn Labels wie Cheap oder Rephlex sich nie bei mir gemeldet haben, obwohl ich denen einige brilliante Tracks angeboten habe, war ich nie ernsthaft böse, aber diese Idioten von Sabotage, wenn die sowas bringen, das ist zu hart! DE:BUG:?????? Gerhard:Wenn ich nur an diesen Jelinek denke, kriege ich zuviel! Sabotage war doch zuerst ein reiner Looserverein, und alle, die zu schlecht für andere Wiener Label waren, haben da veröffentlicht. Aber dann haben verblödete und korrupte Medienleute da einen Hype draus gemacht. Sabotage Platten hat man immer sofort erkannt, weil die mit Abstand am schlechtesten produziert waren! Und plötzlich hieß es, das sei deren Stil! Ich habe denen dann helfen wollen ihr Niveau zu heben, und die hatten die Frechheit, meine Tracks nicht zu veröffentlichen! Nach dem Artikel über Sabotage habe ich auch mein Spex-Abo endgültig gekündigt, nach 13 Jahren! Und diesmal meine ich es ernst. Ich habe nämlich schon des öfteren gekündigt, aber das waren eher Warnungen, weil… In Gerhards Tasche piepst ein Handy, seine Mutter ist dran, was ihm peinlich zu sein scheint. Er sagt mindestens zehnmal “Ja, Mama!”. Gehard: Also die Spex, gut sind die ja schon lange nicht mehr, früher haben die wenigstens noch meine Leserbriefe gedruckt. Dauernd machen die aus irgenwelchem Schrott einen Hype! Mouse On Mars! DJ Spooky! Oder Kruder & Dorfmeister! Alles dumme Scheiße, die mit Hilfe einer gekauften Presse an die dumpfe Masse verkauft wird! DE:BUG:…..Ja….Vieleicht reden wir noch über deine Platte. Wie kamen die Texte zustande? Gerhard: Das sind teilweise Ergebnisse einiger Sprach-Laut-Experimente. Das würde zu weit führen, das einem Laien alles zu erklären, aber der Input bestand zum Teil aus dem Sprachschatz der sogenannten Raver, passend zu den zum größten Teil ordinären Sounds. DE:BUG: Die Platte ist der erste Release des Labels Wiener Stadtwerke, wer steckt dahinter? Gerhard: Gregor habe ich an der Uni kennengelernt, der arbeitet jetzt für die Wiener Stadtwerke, der Name ist also kein blöder Markenartikel-Witz. Gregor macht da PR-Arbeit, aus seinem Etat haben wir die Press-Kosten bezahlt. Eigentlich sollte ich denen dafür Musik für einen Radiojingle produzieren, irgendwas, um die Zahlungsmoral von Jugendlichen zu heben. Aber dann haben die mir erzählen wollen, wie ich das zu machen habe. Die wurden total frech, mit Gregor möchte ich auch nichts mehr zu tun haben! Deswegen liegt auch eine 7″ auf Eis, was schade ist, weil ich da mit Djax Up abrechne. Gerhard spielt mir den Track auf seinem Walkman vor: “Saskiaaa – Blondes Haaaar….”. Da sind früher mal ein zwei gute Platten rausgekommen, aber jetzt kann man Marusha und Miss Djax nur noch an den Augenbrauen unterscheiden. Natürlich hat Gerhard auch schon zu Djax Up Tapes geschickt und keine Antwort erhalten…..ich erspare euch das. Nur um meinen Verdacht zu bestätigen, stelle ich noch eine Frage. DE:BUG: Warum der Track über Frankfurt im Winter? Gerhard: Natürlich weil die immer schon die schlechteste Musik machen. Außerdem war ich da mal und bin nicht ins Omen reingekommen, das war im Winter und echt kalt, aber ich habe trotzdem die halbe Nacht im Auto gesessen und mir die Idioten angeguckt, die da reingingen. Die sahen alle scheiße aus, und ich war schon fast froh drüber, daß ich nicht reingekommen bin. Dann hat die Polizei mich für einen Drogendealer gehalten, ich hatte keinen Ausweis dabei, also haben sie mich mitgenommen. Eine totale Unverschämtheit! Als ob ich wie ein Dealer aussähe! DE:BUG: Danke für das Gespräch. Gerhard: Bevor du gehst, will ich noch wissen, wer dich bezahlt. DE:BUG: Da kriegt irgendwie niemand Geld… Gerhard: Ich warne dich! Wenn du irgenwelche Unwahrheiten über mich schreibst, verklage ich dich und dein Schmierblatt! Herbst in Wien: Die japanischen Touristen sind in Gore-Tex eingemümmelt, die tschechischen Studenten, die, als Mozart verkleidet, den Touristen Konzertkarten aufschwätzen, müssen frieren: Mozart hat immer so auszusehen wie auf den Mozart-Kugeln. Die Straßen abseits der Sehenswürdigkeiten wirken noch verlassener als sonst, die wenigen Passanten sind zu 50% Rentner mit Gehbehinderungen.

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Elektronische Lebensaspekte.