Begonnen als Parodie, rasant gewachsen als Webarbeiter-Spielplatz, berühmt geworden als Dotcom-Friedhof: Fuckedcompany ist zum Inbegriff des Scheiterns der New Economy geworden. Jetzt zeigt uns die Site, wie man im Netz Geld machen kann: Mit Gerüchten im Premium-Abo.
Text: Janko Roettgers aus De:Bug 54

Scheitern als Chance: Gerüchtehandel
Fuckedcompany verkauft Pleiten-Gossip

Eigentlich war ja alles nur ein Scherz. Im Dotcom-Todesjahr 2000 bastelte Philip “Pud” Kaplan innerhalb von zwei Tagen eine Website als Parodie auf das New Economy-Jubelblatt F@stCompany. An Stelle der Erfolgs- und Durchhalte-Geschichten hatten es Kaplan die schmutzigen Stories des Scheiterns angetan. Die Kündigungen, die Pleiten, die flüchtenden Investoren. Eben die Fucked Companies. Als Glücksgriff für die Site erweisen sich zwei wichtige Mitmach-Faktoren: Ärger und Spieltrieb. Ersterem verdankt Kaplan mittlerweile täglich rund 400 gezielte Indiskretionen über Pleiten und Entlassungen in der neuen Wirtschaft. Frisch gekündigte Mitarbeiter lassen ihren Frust raus, geneppte Firmen berichten über die Zahlungsschwierigkeiten ihrer Auftraggeber. Auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft wird bei Fuckedcompany keine dieser Meldungen, Kaplan trifft lediglich eine grobe Auswahl der Gerüchte.
Trotzdem sind die Top-News der Site oftmals erstaunlich akkurat, was wiederum am Spieltrieb liegt. Um die ganze Sache ein bisschen interessanter zu machen, bastelte Kaplan ein kleines Spiel zur Site. Beim “Dot Com Deadpool” kann jeder wöchentlich seine persönlichen Prognosen abgeben, welche Firma als nächstes ins Gras beißen wird. Für erfolgreiche Tipps gibt es Punkte und wer oft richtig liegt, landet ganz weit oben in den Charts der Site.

Sorry Jungs, einer muss ja Geld machen

Das kollektive Todesraten wurde im Sommer 2000 innerhalb kurzer Zeit zum angesagtesten Hobby der New Economy. Yahoo und der Rolling Stone erklärten Fuckedcompany zur Website des Jahres, und die Logfiles wiesen mehr als zwei Millionen Besucher pro Monat aus. Zwischenzeitlich sah Kaplan sich sogar schon zu mäßigenden Worten genötigt. Man solle doch bitte, bitte die eigene Firma nicht in den Sand setzen, nur um in die Fuckedcompany-“Hall of Fame” der beerdigten Startups aufgenommen zu werden. Aber vielleicht war auch das nur wieder ein geschickt eingesetztes Gerücht, um die eigene Site bekannter zu machen.
Denn mit Gerüchten kennt Kaplan sich mittlerweile aus. Er weiß, wie er sie an den Mann bringt. Und er hat erkannt, dass auch ein Gerücht über eine anstehende Pleite einer Firma nützen kann. Vor gut einem Jahr bot er Fuckedcompany auf Ebay zum Verkauf an. Innerhalb weniger Stunden lag das Gebot bereits bei 13 Millionen Dollar. Tja, was macht man in solchen Situationen, wenn der Erfolg so laut an die Tür klopft? Vielleicht erst einmal ein paar Grundsätze über Bord werfen. So steht heute auf der Fuckedcompany-Website zwar immer noch “Ich mache mit dieser Site kein Geld, und ich plane dies auch nicht”. Nur eben mittlerweile mit -Tag. Was nichts anderes heißt als durchgestrichen, Meinung geändert. Sorry, Jungs, aber einer muss schließlich Geld machen. Können ja nicht alle pleite gehen.

Alle Fucks, ungefiltert

Verkauft hat Kaplan die Site dann doch nicht, sondern ausgebaut. Mittlerweile ist um Fuckedcompany ein kleines Imperium des Dotcom-Scheiterns entstanden. Neben der Original-Website gibt es auch noch Luckedcompany.com für alle Glücklichen, die es grad eben noch geschafft haben, sich eine neue Venture-Capital-Spritze zu besorgen. Außerdem verkauft Kaplan T-Shirts, Tassen, Mousepads und demnächst auch ein System zur Direktvermarktung von Werbebannern. Am erfolgreichsten dürfte allerdings eine Idee sein, die ihm erst vor einigen Monaten kam: Das Abo für die professionellen Gerüchtesammler.
Für 25 Dollar pro Monat bekommen diese Zugriff auf alle jemals geposteten Kommentare zu den Fuckedcompany-Meldungen. Diese Diskussionsstränge kommen in klassischer Weblog-Manier gerne mal vom Thema ab und liefern deshalb auch jede Menge Infos über andere Firmen. Für satte 75 Dollar pro Monat gibt es zudem alle Fucks, ungefiltert. Also jedes der 400 Gerüchte, die täglich Kaplans Inbox erreichen.
Ein gefundenes Fressen für alle Headhunter, Tech-Journalisten und Analysten, Consultants und Konkursverwalter – und natürlich für alle News- und Rumour-Junkies. Angeblich hat Kaplan schon mehr als 1200 Kunden für seine Premium-Services gefunden. Die Schätzungen über die dadurch erzielten Einnahmen reichen von 30 000-75 000 Dollar pro Monat. Nicht schlecht für ein Ein-Mann-Projekt, das mehr oder weniger als Selbstläufer funktioniert. Fragt sich nur, was Kaplan macht, wenn die Pleitewelle irgendwann dann doch mal vorbei sein sollte und er seinen Abonnenten keine aufregenden Stories mehr liefern kann. Vielleicht einfach wirklich Pleite gehen. Ließe sich bestimmt gut verkaufen, das Gerücht.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.