Glücksmaschine Plattenlabel geht ab
Text: Fabian Dietrich aus De:Bug 114


Es gab nie einen Masterplan. Trotzdem wuchs Get Physical in den letzten fünf Jahren zu einem kleinen Unternehmen heran. Bislang ging es nur um Clubmusik. Doch das soll jetzt anders werden. Eine neue Compilation weist den Weg zu neuen Ufern. Im Gespräch mit Debug erzählen einige der Macher, warum das alles so ist und wie es sich anfühlt, wenn das eigene Label abgeht wie Schmidts Katze.

Große Pläne. Das haben andere im Prenzlauer Berg auch. Wurstverkäufer, Räucherstäbchenhändler, Dreiviertelhosenträger, Kampfsportvereine, die Frau mit dem Beelitzer Spargel unterhalb der ratternden Hochbahn. Aber derartig repräsentative Geschäftsräume hat in dieser Gegend von Berlin sonst keiner. Das Büro von Get Physical ist an sich schon ein einziger großer Plan. Zwei Stockwerke in einer riesigen Backsteinvilla mit viel Stukkatur. Roter Teppich. Ein messingbeschlagenes Klingelschild, auf dem steht: Rechtsanwalt, Steuerberater, Lucky Kid GmbH, Get Physical/Perky Park.

Im Inneren des Gebäudes sitzen auf Holzstuhl und Couchen drei der sechs Labelmacher und ein neu hinzugekommener Stratege. Das Aufnahmegerät läuft, die Kassette dreht sich, die vier reden über die Glücksmaschine Plattenlabel. Wo es anfing als kleines Ding und wo es jetzt hin will als großes, Menschen ernährendes Etwas. In der Runde sitzen DJ T., Musiker und vormals Herausgeber der Groove, Arno Kammermeier, die eine Hälfte von Booka Shade, Phillip Jung, Teil des Projekts M.A.N.D.Y., und der neue, Tim Dobrovolny, ehemals A&R bei Universal und Virgin.

De:Bug: Fünf Jahre Get Physical. Darf ich euch mein Beileid aussprechen?

Arno Kammermeier: Warum?

De:Bug: Naja. Ihr seid ein Plattenlabel. Der Musikindustrie geht es schlecht.

Thomas Koch: (lacht) Wenn du meinst.

De:Bug: Es gab vor zwei Monaten eine interessante Geschichte im Spiegel. Da wurde auch sehr schön gezeigt, wie kaputt dieses Business zur Zeit ist. Die Umsätze sind dramatisch eingebrochen, die Plattenfirmen bestechen die Plattenläden, kaufen Titelseiten und Spielzeit auf MTV.

Phillip Jung: Ich fand diesen Artikel eher oberflächlich. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich schon so lange in der Musikindustrie arbeite. Natürlich sind diese Dinge frustrierend, aber es war nie anders. Jetzt verkaufst du halt nur weniger.

Arno Kammermeier: Wir haben wirklich noch die goldenen Zeiten erlebt.

De:Bug: War das Geschäft schon immer so korrupt?

Arno: Ja, klar. Bestechung gehört dazu, seit es diese Branche gibt.

Philipp Jung: Auch Coverkaufen. Früher hat das Cover des WOM-Magazins 100.000 Mark gekostet. Jetzt ist es nur dramatischer, dass die Majors diese Sachen noch immer machen und kein Geld mehr damit verdienen.

Arno Kammermeier: Dafür hast du als Liveact z.B. das Glück, dass die Leute heute sehr viel mehr Geld für Eintritt bezahlen als früher.

Philipp Jung: Rock am Park ist zum ersten Mal ausverkauft dieses Jahr.

Arno Kammermeier: Wenn’s nur um’s Geldverdienen ginge, könnte man auch Klingeltöne oder Computerspiele produzieren. Den Leuten in unserem Umfeld geht es nicht nur um die Kohle, sondern darum, sich zu offenbaren, einen Lebenssinn zu suchen.

Thomas Koch: Mann muss natürlich unterscheiden zwischen der Major-Industrie und dem Rest.

De:Bug: Manche von euch haben ja auch mit oder für Majors gearbeitet, bevor es mit Get Physical losging. Wolltet ihr es denn besser machen als die?

Arno: Bei Walter, Peter und mir und unserer gemeinsamen Firma Perky Park war auch viel Frustration dabei. Wir haben viel für Major-Firmen gearbeitet. Wir haben immer gesagt, wir lieben Musik und wollen damit unser Geld verdienen. Irgendwann sind wir in der Maschinerie an einen Punkt gekommen, an dem wir gemerkt haben, dass das nicht mehr zu verbinden war.

De:Bug: Als ihr dann Get Physical gegründet habt, hattet ihr ja alle schon sehr gute Kontakte im Musik-Business. Thomas durch seine 15 Jahre beim Groove-Magazin, Arno und Walter als Musiker, Phillip als A&R.

Philipp Jung: Was aber nicht autmoatisch dazu geführt hat, dass wir unsere allerersten M.A.N.D.Y.-Produktionen sofort an den Mann bringen konnten. Wir haben bei allen Vertrieben zunächst nur Absagen bekommen.

Thomas Koch: Als ich dann zum Labelstart meine zwei favorisierten Vertriebe kontaktiert habe, hat sich auch nur Intergroove zurückgemeldet, und die haben dann sofort den Zuschlag bekommen.

De:Bug: Seltsam. Wo euer Sound doch sehr gut auf der Neo-Disco-Welle geritten ist. 2002 ging das doch so richtig los, da haben Metro Area ihr Album veröffentlicht.

Arno: Das stimmt nicht ganz. Unsere ersten Platten waren alle total verschieden. Die “Sunset People” (GPM 002) z.B. war ja eher so eine klassische Ibiza-House-Nummer.

Phillip Jung: Mit dem ersten Tiefschwarz-Remix, der kein House-House war! Diese Metro-Area-eske Ästhetik, die du beschreibst, gab es eigentlich erst bei DJ T.’s “Philly” (GPM 005). Zu dem Zeitpunkt, also 2002, hatten sich House und Techno für mich wahnsinnig totgelaufen. Alles wiederholte sich nur noch.

Thomas Koch: Die beiden großen Dogmen, Deep-House, das ja schon fast stalinistisch betrieben wurde, und Tool-Techno, sind da gerade den Bach runtergegangen und haben einer neuen musikalischen Offenheit Platz gemacht, wo du plötzlich alles wieder miteinander kombinieren konntest. Dazu mussten vorher Leute wie DJ Hell, Metro Area und Chicken Lips den Weg bereiten. Unser Sound ist am Anfang ja sehr kompakt wahrgenommen worden, da fielen die Schlagwörter wie Tech-Disco und Electro-House. Im Grunde haben wir uns aber zu keinem Zeitpunkt geplanterweise auf einen Sound festgelegt.

De:Bug: Tim, du bist ja erst seit Anfang des Jahres dabei. Wie kam es dazu?

Tim: Ich habe zehn Jahre lang für Majors gearbeitet (Universal &Virgin) und gemerkt, dass zu viele inhaltliche Kompromisse notwendig sind, um in einer Position arbeiten zu können, in der man etwas bewegen kann. Ich war schon immer ein Freund des Labels und so kam das gut zusammen.

Thomas Koch: Tim ist nun neben unserem Labelmanager Marcus Fink so etwas wie der General Manager, der sich um neue Geschäftsfelder kümmert, wie z.B. um den Aufbau unserer eigenen Online-Shops und um Merchandise.

Philipp Jung: Und auch, um ein bisschen finanzielle Kontrolle auszuüben.

Arno Kammermeier: Wir sind ja alle nicht die großen BWLer: Sachen an den Start bringen können wir gut, aber das Rechnen war noch nie so unsere Stärke.

Thomas Koch: Das würde wahrscheinlich draußen kaum einer glauben, dass wir z.B. letztes Jahr keinen Gewinn gemacht haben. Als Betreiber des Labels haben wir uns bisher noch keinen einzigen Euro ausbezahlt. Das einzige Geld, das wir bislang vom Label gesehen haben, sind die Lizenzen.

Philipp Jung: Zum Glück braucht keiner die Einnahmen für seinen Lebensunterhalt. Es ist beruhigend zu wissen, dass wir als Labelmacher zur Not auf unsere Lizenzen verzichten könnten, um unsere Künstler bezahlen zu können.

De:Bug: Ihr befindet euch ja momentan in einer Umbruchphase. Ich habe gehört, ihr wollt jetzt ein großes Indie-Label werden. So was wie Kompakt, K7, Warp?

Arno Kammermeier: Vor ca. einem Jahr waren wir an dem Punkt, wo wir uns entscheiden mussten: Entweder wir machen da weiter, wo wir mit dem Label angefangen haben, oder wir reagieren auf die Projekte, die uns angeboten werden. Lass es uns groß machen: Dafür sind wir zu sehr Spieler, als dass wir hätten Nein sagen können.

De:Bug: Die aktuelle Compilation deutet die kommenden Veränderungen schon an. Da sind z.B. Remixe von Herbert, Hot Chip, Larry Gold und Moby drauf.

Thomas Koch: Wir haben uns hingesetzt und überlegt, was wir anlässlich des Jubiläums Ungewöhnliches machen können. Also haben wir einmal eine CD mit exklusiven Tracks unserer Künstler gemacht und dann eine zweite mit den größten Hits des Labels, die aber durch die Bank in Remixer-Ästhetiken, die total untypisch für den Labelsound waren.

De:Bug: Ein Zeichen dafür, dass ihr euren Sound jetzt radikal öffnen wollt?

Philipp Jung: Genau.

Thomas Koch: Von außen wird das irritierend wahrgenommen, dass sich die Bandbreite der Musik bei uns explosiv verbreitert. Manche sagen, huch, wo bleibt denn da das Profil? Im Grunde wollten wir aber nie ein so klar abgestecktes Profil wie viele andere Labels.

De:Bug: Kein Profil? Ging es bei euch nicht immer um Clubmusik?

Thomas Koch: Natürlich ging es bisher darum. Trotzdem hätten wir uns auch zur Stunde Null schon vorstellen können, aus diesem Rahmen irgendwann mal auszubrechen.

Philipp Jung: Warp finde ich toll. Die kommen aus dem elektronischen Bereich und machen dann plötzlich sowas wie Maximo Park. Oder Peacefrog mit Jose Gonzales. Ich finde so eine Art der Offenheit gut.

Thomas Koch: Ein ganz, ganz wichtiger Schritt in dem Zusammenhang war, dass wir in den CD-Vertrieb von K7 gewechselt sind.

Philipp Jung: Wir werden jetzt womöglich Raz O’Hara signen, der zwar durch seine Produktionen mit Alexander Kowalski und anderen bereits einen starken Link zur Elektronik hat, uns aber ein Singer-Songwriter-Album abgegeben hat. Warum nicht, wenn ich in Clubs bin, bekomme ich viel Feedback, dass das nicht nur 20-Jährige sind, die unsere Musik hören.

De:Bug: Habt ihr keine Angst, dass am Ende keiner mehr weiß, was eigentlich von euch zu erwarten ist?

Thomas Koch: Sich so einen ganz klar abgesteckten Labelsound zu bewahren, kann nicht unser Ziel sein. Ich respektiere das, wenn andere Labels das machen, und finde es auch gut. Nicht zuletzt bietet das eine große Identifikationsfläche. Wir wollen uns eher in Richtung eines großen Indies entwickeln, der die Freiheit hat, alles zu machen, was er gut findet.

Philipp Jung: Natürlich werden wir im 12″-Bereich so weiter machen wie bisher. Unsere Singleauskopplungen werden immer clubbig sein. Bei Raz wird das dann bestimmt kein Pferdefuß, sondern etwas besonderer. Aber immer tanzbar.

Werdet ihr in Zukunft aufs Gas drücken und mehr Platten rausbringen?

Thomas Koch: Nee, wir wollen das eigentlich eher wieder verlangsamen. Wir haben gemerkt, dass es von außen inflationär wahrgenommen wird, selbst wenn wir selber denken, dass das alles immer noch die gleichen Qualitätsstandards erfüllt. Von zwei Platten pro Monat wollen wir jetzt wieder zurück auf einen Rhythmus von drei oder vier Wochen.

Philipp Jung: Und zwei Body-Language-Compilations im Jahr. Nach Dixon wird die nächste von Chateau Flight kommen.

Tim: Dieses Jahr werden voraussichtlich noch Alben von Samim, Lopazz, Jona und Raz O’hara kommen, wobei Letzteres für uns musikalisch ein großer Schritt wird, bei dessen Handling wir sicherlich viel dazulernen werden. Nächstes Jahr wird es neue Alben von Booka Shade und DJ T. geben.

De:Bug: Wie nimmt man euch denn in anderen Ländern wahr?

Tim: Deutschland ist mittlerweile ein eher kleinerer Markt für uns. Amerika wird gerade erfolgreich. Es ist ein großer Vorteil, dass wir jetzt weltweit arbeiten und denken können. K7 hat da ein fantastisches Vertriebsnetz aufgebaut, das wir nutzen können.

Arno Kammermeier: Bzgl. der Verbreitung unserer Musik erleben wir immer noch Wunder. Wir (Booka Shade) waren z.B. gerade in Mazedonien. Da kommen 1000 Leute zur Show, die alle Songs kennen. Und so geht’s ja gerade jedem von uns.

Thomas Koch: Die territorialen Unterschiede in Sound-Prägung und Konsumverhalten sind sehr interessant. Ich war vor kurzem im Rahmen einer Asientour zum ersten Mal auch für ein paar Gigs in China. Da gibt es keine Plattenläden, weil Vinyl als westliches Exportgut gar nicht verkauft werden darf. Das ist einer dieser neuen Riesenmärkte, die gerade entstehen, wo Musikverkauf nur noch im Internet stattfindet.

Philipp Jung: Das Gute und Demokratische am Internet ist ja, dass Leute, die vor fünf Jahren in Gebieten wie Südamerika und Asien durch die Global-Underground-Compilations nur diese großen englischen Trance-DJs kannten, jetzt voll informiert sind.

Thomas Koch: International gesehen findet diese Meinungsbildungs-Dominanz der UK-Presse aber leider immer noch statt.

Arno: Paul van Dyk ist noch immer überall die Nummer eins, egal wo du hinkommst, Tiesto und Paul van Dyk waren schon vor dir da und haben einen 30.000-Mann-Floor bespielt (lacht).

De:Bug: Und bis sich das geändert hat, müsst ihr noch viel in euer Label investieren …

Thomas Koch: Die nächsten 12 Monate werden es bringen, ob wir das Mehr an CDs und Alben gewuppt bekommen. Für uns ist es ein bisschen die Flucht nach vorne.
http://www.physical-music.com

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Elektronische Lebensaspekte.