Wissen, was gut ist. Das Houselabel Get Physical und die sechs Köpfe, die dahinter stecken, wissen wo der Bartel den Most holt und kreuzen Erfahrung und Einflüsse zu tanzaktiven 12"es zwischen Disco, Electro und Chicago-House. Jetzt ist die erste Compilation erschienen.
Text: Patrick Bauer aus De:Bug 83

Kracher Mit Herzblut
Get Physical

Am Abend des 28. Januar 2002 konnte keiner der Anwesenden ahnen, dass man soeben dem Dancefloor eine vereinte Konsequenz beschert hatte, die ihm bis dato fehlte. Es war am Berliner Helmholtzplatz, das Essen war gut und Miss Kittin saß am Nebentisch: Get Physical war geboren. Vor zwei Jahren war es einfach an der Zeit, Kräfte zu komprimieren, Fähigkeiten zusammenzulöten und Vergangenheit zu bewältigen. Denn davon war reichlich vorhanden. Sechs Leute, sechs Backgrounds, ein Team: Patrick Bodmer und Philipp Jung, die im Doppel seit 1992 House-Volleys und Techno-Drops an die Netzkante kleben. Die Produzenten Walter Merzinger, Arno Kammermeier und Peter Hayo, besser bekannt als Booka Shade. Und Thomas Koch. Das T unter den DJs, Begründer der “Groove“, der Clubsockel Frankfurts.

Schnitt: wieder Berlin, wieder beim Essen. Der Duft von Tiefkühlpizza und Sommerbeginn liegt über der Runde. Walter und Arno als Vertreter des Studios, Thomas als DJ T. und Patrick als Hälfte des zweiten Get-Physical-Aushängeschilds M.A.N.D.Y. referieren bei einem Sixpack über Zwischenfazits, Teamarbeit und die bald erscheinende erste Compilation. Noch schwelgt man in der Erinnerung an den magischen Startmoment der Labelbrüderschaft. “… in dem Augenblick hab’ ich gewusst, dass ich das noch mal machen kann und will, obwohl ich das aktive Musikmachen schon abgehakt hatte“, erinnert sich Thomas. Seine ersten Studioversuche 1987 verliefen weniger befriedigend, weshalb er sich in der Folgezeit äußerst erfolgreich auf das Auflegen konzentrierte. “Bei mir ist quasi alles aus dem DJ-Sein heraus gekommen, auch das Magazin zu machen. Die Groove habe ich aus der Konsumenten-Sicht des DJs begonnen, wollte Kontakte knüpfen und so auf Umwegen wieder zum Soundmachen kommen. Aber diese Umwege sollten vielleicht zwei Jahre dauern, nicht fast fünfzehn.“ Aus dem Frankfurter Monza-Club kannte Thomas bereits die M.A.N.D.Y.-Jungs und die wiederum hatten schon im Sandkasten Kontakt mit der Booka-Shade-Riege. Dass auf die richtige Mischung gesetzt wurde, war schon nach dem ersten Get-Physical-Release klar. “Put Put Put“ von M.A.N.D.Y. schwenkte mit Funkdub um sich und verzichtete auf Exkurse, was zählte, war der Tanz um die Discokugel. Das schlug ein. Die Anfangseuphorie wurde zum Selbstläufer und da sie bis heute nicht abgeklungen ist, sollte man vielleicht eher von einem permanenten Rauschzustand sprechen. Klar ist: Get Physical steht für sich und seinen Sound. Die 19 Tracks der im DJ-Mix entstandenen Geburtstags-Compilation sind allesamt Ausrufezeichen, die bei keinem Club-Ringelpietz der letzten Monate fehlen durften. Ohne plump zu sein, schreit hier jede Faser nach rhythmischer Bewegung, ohne verbissen zu wirken, ist jeder Klang auf den Punkt genau produziert. Nie musste man sich weniger für Direktheit schämen, selten war die Klarheit so farbenfroh.

Walter: “Wir konnten ja nicht mit so einer Welle rechnen, das musste ja erst mal zusammenwachsen. Natürlich hat man auch immer wieder Auseinandersetzungen. Das ist es auch, das bringt einen immer weiter. Wir sind sechs Kontrollinstanzen, wenn die sagen: Der Track ist ein Kracher, dann kannst du so falsch einfach nicht liegen.“
Arno: “Allen ist das Projekt extrem wichtig. Bei großen Labels passiert einfach so viel Quatsch, weil es dort nicht so ist. Bei uns steckt Herzblut drin, sowohl in der Produktion als auch in der restlichen basisdemokratischen Labelarbeit. Das sagen die Leute auch immer wieder: ‘Wenn ich das höre, da passiert wahnsinnig viel.’ Das liegt daran, dass enorme Energie und Detailliebe drinsteckt.“
Patrick: “Man muss auch betonen, dass alle wahnsinnig lange dabei sind, jeder hat so seine Kontakte, seine Herkunft und seine Fähigkeiten. Das wird alles zusammengeschmissen.“
Walter: “Wir verstehen uns halt auch privat sehr gut. Das ist so, wie wenn man als Kind Holzhäuschen gebaut hat: Man muss klarkommen, sonst gibt’s Stress.“

Aber wie gelingt der Wiedererkennungseffekt? Ob nun der flippige Lieblingsglamstar Chelonis R. Jones die House-Gefühlsimplosion zelebriert, die Beats von DJ T. in hinreißender Monotonie Geschichtsstunden geben oder M.A.N.D.Y. TechHouse zum Sinn allen Lebens machen – die Verwandschaft ist nie zu leugnen.

Thomas: “Ich denke mal, da sind zwei Sachen: Du hörst immer schnell den M.A.N.D.Y.- oder T.-Sound heraus, aber du hörst auch immer diese arrangementmäßige Klammer. Alle Kniffe, die Herangehensweise unserer Produzenten. Der Versuch, moderne Houseansätze mit Zitaten aus den Stilen, mit denen wir großgeworden sind und die wir so lieben, zu verbinden. Italo-House, Disco, Chicago – das findet sich alles drin wieder. Und ich denke, das merkt man ja auch an den Resonanzen, dass das Label seinen eigenen Sound gefunden hat. “
Arno: “Eine Grundästhetik!“
Walter: “Wir befruchten uns zum einen gegenseitig, zum anderen kommen externe Einflüsse. Wir hören natürlich so ziemlich alle wichtigen Platten. Die Creme de là Creme. Und dann messen wir uns wirklich nur am Besten.“
Patrick: “Walter und Arno haben einfach ihre fast 20-jährige Vergangenheit als aktive Musiker und Produzenten und da haben sie eigentlich von A bis Z so ziemlich alles gemacht. Synthie-Pop, 80er-Sound, Rock, mittlerweile auch Film- und Werbemusik, das geht echt von Klassik bis Big Band. Die sind für uns einfach die beste Spielwiese, die man sich vorstellen kann. Wir müssen eigentlich nur sagen, in welche Richtung es gehen soll, dann machen sie das schon. Perfekt.“
Walter: “Das macht Spaß: dieses Lebensgefühl, das jemand hat – ob jetzt T. oder Patrick oder Philipp – zu transportieren. Das ist aber auch schwierig, eine Leidensgeschichte. Du musst dich wirklich in das Hirn eines anderen reindenken.“
Arno: “Ich erinnere mich immer wieder an den Spruch: Ich möchte jetzt den Sound einer über Marmor rollenden Glaskugel haben.“
Thomas: “Die Sounds, die man im Kopf hat, werden von den beiden extrem schnell sehr präzise gebastelt. Genau so, wie ich sie haben will. Wo ich dann am Anfang konkret Hilfe brauchte, das war beim Arrangement und da kam dann sehr viel Input, z.B. vom Walter.
Da bin ich im Laufe der Zeit auch gewachsen.“
Walter: “Du hörst den Platten stets an: Das ist wirklich T. Das ist einfach in Musik umgesetzte Vergangenheit. Jede Platte erkennst du schon nach den ersten paar Tönen.“
Thomas: “Jedenfalls glaube ich, man kann ohne mit der Wimper zu zucken sagen, dass Booka Shade die vielfältigsten uns bekannten Produzenten sind.“
Patrick: “Absolut. Der Anfang ist zwar immer ein bisschen schwer: dieses gemeinsame Gefühl zu finden, das ist genau wie beim Auflegen oder beim Ping-Pong-Spielen. Aber wenn das Verständnis da ist, dann kann das totaler Electro, fast schon Punk oder New-York-Retro-House werden wie bei Chelonis oder eben solche Disco-Tracks wie bei T. Da ist alles möglich, sobald dieser spezielle Punkt erreicht ist.“
Walter: “Dann flutscht es. Aber wenn das nicht klappt, dann ist das für mich ein Weltuntergang. Da kann mir die Frau weglaufen oder so, aber das tut echt am meisten weh.“

Auf der gerade fertig gestellten Compilation tasten sich drei neue Artists entlang der Get-Physical-Linie. Lopazz, Thomas Barfod und Voltique klempnern an DeepHouse herum und scheuen weder ehrlichen Retro noch spritzigen Pop. Die Spannweite der Releases wird erweitert, vielleicht bevor die Schubladisierung droht?

Patrick: “Wir freuen uns über jeden neuen Künstler und sind heilfroh, dass da ein paar Leute waren, die uns musikalisch und persönlich gefallen haben. Am Anfang gab’s einfach keine Demos, die in unsere Richtung gingen.“
Walter: “Bei vielen Demotapes merkt man: Die geben sich zu früh zufrieden. Bei uns aber wird jeder einzelne Ton hinterfragt.“
Patrick: “… ohne ihn totzudiskutieren. Wir sitzen jetzt nicht da und grübeln ohne Ende!“
Walter: “Klar, aber bei vielen Sachen merkst du, dass die Leute irgend was machen, denken, dass sei schon okay und es dann rausschicken. Das reicht für uns halt nicht.“
Arno: “Es ist jetzt interessant, Leute zu haben, die den Style von Get Physical repräsentieren und ihn gleichzeitig fortführen. M.A.N.D.Y und T. sind feste Koordinaten, aber es ist super, auch frisches, eigen klingendes Blut dabei zu haben.“
Thomas: “So offen wollten wir das aber auch immer fassen.“

Durch die Bestätigung haben sich Freiräume ergeben, man weiß jetzt, dass es richtig war, abseits deprimierender Fremdsteuerung auf intime Cliquenbildung zu setzen. Auf das bisher verschmähte CD-Format sollen bald auch Alben gepresst werden. Von DJ T. bis Chelonis R. Jones stehen diese in den Startlöchern und werden versuchen, die hohe Begeisterungs-Dichte der bisherigen Maxis mit Tempo- und Stimmungsvariierungen zu paaren. Ohne dabei die Herkunft zu leugnen: die Mitte der Party.

Thomas: “Wir produzieren einfach hundertprozentig auf die Tanzfläche zu.“
Patrick: “Und können’s vielleicht auch gar nicht anders!“
Thomas: “Allein der Labelname bekennt sich ja auch dazu, ich bin schon immer leidenschaftlicher Tänzer gewesen. An dem Tag, wo ich gar nicht mehr das Verlangen habe, auf die Dancefläche zu gehen, würde ich aufhören, aufzulegen oder zu produzieren.“

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Elektronische Lebensaspekte.