Es geht auch ein wenig eskapistisch zu
Text: Katharina Bueß aus De:Bug 119

Folkige, vielseitige Rockmusik mit klassischen Einflüssen tritt in den letzten Jahren gerne in familiärer Kollektivform auf. Während Get Well Soon live dem entspricht, fand die Plattenproduktion quasi im Alleingang statt.

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Eiskalt und stockdunkel ist es im Berliner Friedrichshain, wo die Bewohner versuchen, ihre Jugend ins Unendliche auszudehnen, und das Stadtbild von studentischer Alternativität und solariumgebräunten Bodybuildern bestimmt wird. Mitten unter ihnen lebt seit Kurzem Konstantin Gropper, Sänger und Songwriter von Get Well Soon, deren Debütalbum gerade erschienen ist. Der Ort unseres Treffens, seine Wohnung, ist vor allem eines: hell, weiß, recht leer, freundlich und sehr ordentlich – eigentlich so ziemlich das Gegenteil von seiner Musik.

Denn die könnte kaum opulenter sein, düsterer und melancholischer, reich mit unzähligen Instrumenten besetzt und beeinflusst von verschiedensten Genres von Klassik bis Folk. Auch ein wenig eskapistisch geht es darin zu (“We Are Safe Inside While They Burn Down Our House”), die anachronistisch anmutenden, emotionalen Lyrics sind mit einer so tiefen und abgerockten Stimme gesungen, dass die englische Presse ihm sogleich das Label eines neuen Radiohead aufgestempelt hat. Von denen unterscheidet sich Get Well Soon aber in vielerlei Hinsicht, zum Beispiel durch das um einiges breitere Stilspektrum.

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Ob ihn solche Vergleiche nerven? Er lacht verhalten: “Geht so. Bisher habe ich das Gefühl, dass das eher als Kompliment gemeint ist, weniger, als sei meine Musik abgekupfert.” Auch sei er persönlich nicht solch ein zurückgezogener und ernster Mensch, wie ihn seine Plattenfirma darstellt. Er gehe durchaus auch aus, nur setze sich seine Musik eben von den aktuellen Formen der Feierkultur ab.
Die Schwere in seinen Texten, sagt er, spiegelt nicht sein Wesen wider, sondern ist vor allem Kunst und fiktiv.

“Wenn man die Welt heutzutage künstlerisch betrachten will, kommt man um Melancholie und etwas Ernsteres nun einmal nicht drumrum. Alles andere ist halt nicht realistisch.” Die Intention dahinter ist weniger trübe als angenommen: “Die Geste oder Aussage von dem Album soll eigentlich positiv sein. Zwar schon eher erst mal eine melancholische Beschreibung, aber trotzdem ist die Konsequenz davon eine positive, also hoffnungsfrohe.”

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Zum Musikmachen kam er auf wortwörtlich klassischem Wege: mit fünf Cellounterricht, der Vater Musiklehrer, mit vierzehn dann härterer Rock, bis er heute zu klassischen Elementen zurückgefunden hat, ein wenig elektronischer ist sein Nebenprojekt “The Grand Mirage“ gehalten. Während er das Album fast vollständig alleine und tatsächlich – Klischee hin oder her – im Schlafzimmer eingespielt hat, tritt Get Well Soon live zu siebt auf, mit Schwester, Cousin und engen Freunden, wodurch er nicht nur durch den Klang in die Nähe von Kollektiven wie Arcade Fire und Animal Collective rückt.

Bands wie diese schätzt er, weil sie in ihrer Klangvielfalt anders und voller sind als “normale” Rockbands und dabei seinem Anspruch, vielseitig und -schichtig zu sein, entsprechen. Vor allem eigen möchte er sein. “Das klingt vielleicht paradox, denn so eigen ist die Musik eigentlich gar nicht. Mir geht es eher darum, verschiedene Stile zusammenzufügen, so dass sich daraus etwas Neues ergibt.”

Besonders inspiriert hat ihn Leonard Cohen, nach seinen Lieblingsplatten gefragt steht er eine Weile unschlüssig vor dem Plattenregal, sagt ein paar mal “Hm!” und “Puh …” und entscheidet sich schließlich für ein paar, unter anderem die späteren TalkTalk (“avantgardistisch, trotzdem emotional und warm, beeindruckend”), Xiu Xiu (“außergewöhnlich, unbehaglich, zutiefst emotional, Verbitterung in Musik gefasst”) und Joanna Newsom (“nicht nur Kunstscheiß, sondern echt schön”). Auch hier zeigt sich sein Musikverständnis: künstlerisch, formal gut gemacht sollte sie sein, dabei emotional und, wieder so ein Anachronismus, einfach schön.

Welche Fans man mit solchen Maximen an Land zieht, versteht er selbst nicht so ganz. Recht alt sei sein Publikum, ziemlich gemischt, Oldschool-Folkfans womöglich, oder auch, ja, Feuilletonleser. Lachen muss er nicht, als er das sagt. Es klingt auch nicht ironisch oder hoffnungslos. Am Ehesten vielleicht: realistisch.
http://www.youwillgetwellsoon.com

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Elektronische Lebensaspekte.