Aktives Abarbeiten an den Sounds der Jugend. Gez Varley, ehemalige Hälfte von LFO, pfeift auf das Innovationsdiktum. 'Nach vorne losgehen' ist etwas anderes als 'vorne sein'. Und losgehen ist ihm mit seinem Album "Bayou Paradis" viel wichtiger.
Text: ulrich gutmair aus De:Bug 50

Gott ist ein Sequencer
Gez Varley

Schon in der ersten Nacht, nach drei, vier Stunden war klar, dass es keinen vernünftigen Grund dafür geben würde, jemals wieder andere Musik zu hören. Meistens spricht in solchen Momenten die Vermessenheit des Neuen aus den Leuten, man schaut sich an und alles ist gesagt, in diesem Fall: Techno. Für den einen Moment ist das immer stimmig, manchmal aber bewahren solche in der ersten Euphorie gewonnenen Erkenntnisse tatsächlich ihre Richtigkeit. Erst einmal für ein paar Jahre, dann stellen sich Gewöhnungseffekte ein, man betreibt mehr oder weniger aktives Vergessen, und das ganz Andere muss her.

Wenn man aber lange genug woanders war und dann immer noch nachvollziehen kann, was einen da in eine völlig neue Umlaufbahn gekickt hatte, dann hat man im jugendlichen Überschwang halt einfach Recht gehabt: We’ll never stop living this way, stimmt. Genau das passiert auf ziemlich unspektakuläre Art und Weise, wenn man Gez Varleys “Bayou Paradis” in den CD-Player legt. Das Ding dreht sich, als wäre nie irgendwas anderes passiert außer den 120+ BPM, four to the floor, die Gottes mächtiger Sequenzer irgendwann auf hominide Nervensysteme losgelassen hat.

“Bayou Paradis” ist Old-School-Techno, was nichts anderes heißt als: diese Platte funktioniert. Varley, die eine Hälfte von LFO, kennt sein Format und spielt auf zehn Tracks noch einmal die ganze rhythmische Variationsbreite einer Musik durch, die eben darauf angelegt ist, mit den einfachsten Mitteln den möglichst größten Effekt in willigen Tänzern zu generieren. Diese Rhythmen wurden in den letzten 15 Jahren immer wieder getestet, verfeinert und optimiert, und Varley weiß diese kollektiven Kenntnisse zu nutzen.

“Bayou Paradis” ist ein selbstgenerierender Rave, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Mit dem Drücken der Play-Taste entfaltet sich ein vierdimensionaler Raum, der plastisch genau den Sound simuliert, den man schon mal auf einer Wiese irgendwo draußen zwischen Boxentürmen gegen drei Uhr morgens gehört hat. Hier wird mit Raum gearbeitet, topographisch, aber auch musikalisch: Dub wird als Kern von Techno noch einmal freigelegt.

Die Sounds über dem Beat beschreibt Varley als “atmosphärisch”, man kann auch einfach feststellen: Das klingt gut im Sinne von angenehm, freundlich und rund und provoziert die Ausschüttung von Hormonen, die wiederum ein leises Vibrieren in den Nervenenden hervorrufen, das man irgendwann einmal von einer niedrigen Dosis Acid gelernt hat.

Dass “Bayou Paradis” immer schon gleichzeitig Techno und Verweis auf Techno ist, liegt nicht zuletzt daran, dass Varley seine alte 707 angeworfen und durch einen Atari-Sequencer geschickt hat. Ein Emu-Sampler und ein paar Effektgeräte erledigen den Rest. Das hat Varley den Vorwurf eingehandelt, historistisch die Sounds von Chicago und Detroit nachzuspielen. Tatsächlich wollte der dreißigjährige Brite, der in Wiesbaden wohnt, noch mal mit den Sounds seiner Jugend arbeiten. Die neue Platte hat er strikt unter der Prämisse produziert, einfach das zu machen, was ihm gefällt. Denn dafür seien Underground-Produktionen schließlich da.

Bedingungslose Innovation ist ohnehin eine völlig irrelevante Kategorie. Es geht wie gesagt um Musik, die funktioniert, also darum, im Rahmen bestimmter Regeln, die das Format bestimmen, möglichst dynamische Ergebnisse zu erzielen. Und das ist der Unterschied zum Gros der aktuellen Veröffentlichungen im Bereich Minimal House und Techno, die allemal besser produziert sind und originellere Sounds bieten. Auch Varley kauft und hört das gern, hat aber eins zu bemängeln: Das Zeug geht nicht nach vorn los. Insofern kann man “Bayou Paradis” auch als Statement an die Minimalkids lesen. Der Geist von LFO sagt: “What is house? You have to understand!”

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.