Irgendwann denkt man, elektronische Musik ist Kopfkacke. Dann muss der Bounce aus der Büx geschossen kommen. Für den Kanadier Ghislain Poirier brachte diese Erkenntnis das rettende Beben aus der Langeweile.
Text: Clara Völker aus De:Bug 107

HipHop

Ghislain Poirier
Lass beben!

Nerdtum ist zwar temporär eine sehr interessante Angelegenheit, kann aber auf Dauer etwas langweilen: neue Technologie, mehr Funktionen, ein potentiell fortschrittlicherer Sound, noch länger auf der ausgeklügelten Differenzwelle reiten und noch vernetzter in der Referenzmanege platziert werden – da kann das Bouncen leicht zu kurz kommen. Dabei ist das eminent wichtig, Musik ist schließlich kein Leistungssport.

“Bounce Le Gros” nennt Ghislain Poirier seine Partyreihe in Montreal, die soeben ihr einjähriges Bestehen wahrlich gefeiert hat und eine lokale Institution ist: Um 22 Uhr machen die Türen auf, um halb elf ist es rappelvoll, ab elf bis zur Sperrstunde gegen drei wird durchgebounct. Verwunderlich daran ist weniger, dass Poirier eine Mischung aus HipHop, Ragga und Elektronischerem spielt, sondern dass sein favorisiertes Medium nicht Vinyl oder eine digitale Simulation davon ist, sondern schlicht CDs. Eigentlich ein DJ-kulturell gesehen nicht nur extrem uncooles, sondern tricktechnisch auch sehr unpraktisches Medium, für ihn aber die erste Wahl, weil er daran gewöhnt ist, damit unkompliziert unreleaste Stücke spielen kann und “im Endeffekt geht es ja nicht um das Format, von dem die Musik kommt, sondern darum, ob der Sound gut ist”. Das Gleiche gilt für seine mit eher spärlichem Equipment auf einem Laptop entstehenden Produktionen: “Technische Sachen sind nicht so wichtig wie Ideen. Wenn man gute Ideen hat und sie umsetzen kann, ist das effektiver.”

Vive la difference
Während es DJ-mäßig in den letzten Jahren ja recht modern geworden ist, zwischen bassigen Sounds und Genres hin und her zu springen, um den ultimativen Partysoundtrack aus der Kiste zu zaubern, zeichnet sich Ghislain Poirier nicht nur durch sein ohne übermäßige Standardhithudelei betriebenes DJing aus, das ihn gerade nach Australien verschlagen hat, sondern vor allem durch seine eigene Musik, die dieses Anliegen umsetzt. Vor rund fünf Jahren hat er allerdings zwei Alben veröffentlicht, bei denen von Bouncen weniger zu spüren war. Statt um aufgeregte Bässe ging es auf “Il n’y a pas du sud” und “Sous le Manguier” eher um drückende Flächen und komplexe Arrangements. 2003 hat sich das allerdings etwas geändert, seine Alben “Conflits” und “Beats as Poltics” drehten sich mehr um in Beats gepacktes Ambiente und MCs tauchen erstmals auf. “Mich persönlich hat elektronische Musik zu einer gewissen Zeit etwas gelangweilt, daher habe ich nach etwas weniger Intellektuellem und Anspruchsvollem gesucht.” Folglich ging sein Sound eher in Richtung HipHop, 2005 kam sein Album “Breakupdown” auf Chocolate Industries raus, 2006 eine EP namens “Rebondir” und mittlerweile hat er Tracks mit MCs wie TTC, Lady Sovereign, Beans, Lotek-Hifi, Omnikrom und vielen mehr fabriziert.

“Um ein deutsches Beispiel zu verwenden: Vom Style her ist das, was ich momentan mache, ähnlich wie das Modeselektor-Album. Etwas HipHop, etwas Ragga und eine Menge elektronische Musik und insgesamt sehr heavy. Gleichzeitig gefällt mir auch kommerziellerer HipHop, Crunk, Dirty South, klassicher HipHop oder Favela Funk. Bass Music. DJing und Produzieren sind für mich zwei verschiedene Dinge. Als ich zu Produzieren angefangen habe, habe ich hauptsächlich Ambient, Elektronika gemacht, DJing kam danach. Anfangs habe ich zum Geldverdienen Lounges bespielt. Durch das Auflegen habe ich ein Forum, in dem ich Tracks testen kann, dadurch hat sich mein Produktionsstil verändert. Ich habe zwar ein ganzes Album fertig gestellt, das etwas experimenteller ist, möchte es aber momentan nicht releasen, weil ich mich jetzt auf die bouncigeren Sachen konzentrieren möchte, um die Leute nicht zu verwirren.”

Naheliegenderweise arbeitet Ghislain Poirier mit vielen französischsprachigen MCs zusammen, allerdings ist Sprache gerade in Québec mit politischem Gewicht belegt: “Für mich ist das umgekehrte Politik: Gewöhnlich versuchen französische Vocalists, Englisch zu sprechen, und vermeiden Französisch, um im Game mitzuspielen und international zu sein. Ich finde allerdings, dass man auch dann international sein kann, wenn man Links zu seinen Wurzeln bewahrt. Generell arbeite ich gerne mit Leuten zusammen, die Talent haben, welche Sprache sie sprechen, ist mir egal. Als ich jung war, habe ich amerikanischen HipHop gehört und konnte damals bei weitem nicht alles verstehen. Umgekehrt sind die Leute jetzt also auch in der Lage, Tracks auf Französisch zu hören, denn auch wenn sie sie nicht verstehen, können sie sie eben fühlen.” Die meisten Kollaborationen kommen dabei, logischerweise, über das Internet zustande. “Lady Sovereign hatte ich bis zur Tour, die wir zusammen gemacht haben, nicht getroffen, mit Beans habe ich vielleicht 15 Sekunden gesprochen. Du findest einen Künstler, mit dem du zusammenarbeiten möchtest, und der Rest läuft dann übers Netz. Am Ende kann man befreundet sein, aber es ist nicht notwendig.”

Ghislain Poiriers aktuelles Release “Rebondir EP” kam auf seinem neu gegründeten Label Rebondir Records raus, wird momentan allerdings nur in Nordamerika vertrieben. Vorerst nicht mehr auf Chocolate Industries zu veröffentlichen, hat einen sehr pragmatischen Hintergrund. “Bis ‘Breakupdown’ releast wurde, hat es ungefähr ein Jahr gedauert, die Veröffentlichung wurde immer wieder verschoben. Man brauchte sehr viel Geduld. Wenn man die Sachen selber macht, geht es schneller.“ Das ist so einfach wie richtig, und wenn man Glück hat, bounct es auch.

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Elektronische Lebensaspekte.