Summende Lianen wachsen aus den Ohren
Text: Hendrik Kröz aus De:Bug 115


Sie sind zu fünft, sie unterlegen Wehmut mit großer Lautstärke, und wenn Giardini Di Mirò auf die Bühne gehen, sollte man darauf gefasst sein, dass am nächsten Morgen summende Lianen aus den Ohren wachsen. Die Indieband aus Italien konnte das Vulkanische ihrer Liveshows mit eher postrockigen Veröffentlichungen über die Jahre gut verstecken: Zurück blieb im Ernstfall ein geplättetes, unverhofft euphorisiertes Konzertpublikum.

Mit “Dividing Opinions”, dem neuen Album der Band aus Reggio Emilia, liegen die Karten nun aber auf dem Tisch. Auch stilistisch gibt es eine Kursänderung, die aber in der Entwicklung von Giardini Di Mirò vorprogrammiert war: dichte Gitarrenwände, viel Hall und Lärm … Shoegaze-Psychedelica nennt man das wohl. “Wir hatten diesmal mehr Selbstvertrauen im Studio und auch genügend Zeit für die Aufnahmen”, so Jukka Reverberi, Sänger und Gitarrist der Giardini, im Interview. “Unser erstes Album kann ich mir heute gar nicht mehr anhören – es klingt viel zu clean. ‘Dividing Opinions’ ist, anders als bisher, stückchenweise und mit viel Ruhe entstanden: Drums und die Bassline hier, Gitarre da – wir haben bei den Aufnahmen nie als Band zusammengespielt, sondern immer zu zweit an den Songs gearbeitet. Lustigerweise kommt unser Livegefühl so gut rüber wie selten zuvor.”

Kein Tellerrand

In der zwölfjährigen Bandgeschichte ist “Dividing Opinions” das vierte Album, zählt man die beiden Remix-Alben nicht mit. Roter Faden bei Giardini Di Mirò ist nicht nur der unschlagbare Slogan “Punk … not Diet”, sondern auch die stete Vernetzung mit der elektronischen Musik:

Über die Jahre hat die Band Contributions und Remixe von u.a. Styrofoam, Opiate, Herrmann & Kleine, Nitrada, Isan und Hood gesammelt. Auf “Dividing Opinions” sind es diesmal Apparat und Cyne, die Giardini Di Miròs Wall of Noise durch ihre Filter schicken. Dazu gibt es Gastvocals von Glen Johnson (Piano Magic) und, once again, Kaye Brewster aus Schottland.

Jukka Reverberi: Wir kennen unsere eigenen Idee viel zu gut, wir brauchen immer andere Sichtweisen und müssen unsere Welt verlassen, damit neue Ideen wachsen können. Es gibt so viele Seiten an unseren Songs, die wir gar nicht kennen. “Cold Perfection” z.B., das Stück mit Apparat auf unserem neuen Album. Sascha bekam unseren Song und schickte einen Beat zurück. Das hat das Stück komplett verändert und auch dem noisigen Ende einen Sinn gegeben. Wir spielen es live jetzt ganz anders. Kollaborationen mit Musikern aus London, Berlin und New York sind einfach wichtig für eine Band aus einem isoliertem Land – das gibt uns das Gefühl, in der Welt dabei zu sein. Eine schöne und wichtige Erfahrung.

De:Bug: Die Konzerte in eurer Heimat sind regelmäßig ausverkauft. Und “Dividing Opinions” ist gerade in die italienischen Charts eingestiegen.

Jukka Reverberi: Platz 61. In Italien muss man eine Independent-Band sein – es gibt gar keine andere Wahl, wenn man auf Englisch singt und kein stabiles Netzwerk für alternative Musik existiert. Wir sind komplett auf uns selbst angewiesen. Unter der Woche gehen wir unseren normalen Jobs nach, am Wochenende geht es mit dem Bandbus kreuz und quer durch Italien.

Meinungsteilung

Brescello, der Schauplatz der unvergesslichen Filme mit Don Camillo und Peppone, die auf den Romanen von Giovanni Guareschi basieren, liegt nur 30 km entfernt von Cavriago, wo Jukka aufgewachsen ist und heute noch wohnt. Seine Bandkollegen kommen aus Reggio Emilia, der Provinzhauptstadt. Eine ländliche Idylle – sollte man meinen.

Jukka Reverberi: Wir haben immer noch unsere Lenin-Statue im Dorf, eine “Piazza Lenin”, und wir verteidigen das. Der italienische Kommunismus ist mit anderen Kommunismen nicht zu vergleichen, er war sehr modern. Die beste politische Erfahrung in diesem Land, mit dem Zusammenbruch des Ostblocks ist sie verschwunden. Italien ist ein Land mit zu vielen politischen Akteuren – der Vatikan, die CIA, die Anarchisten, Hunderte von Splitterparteien: Alle wollen sie was zu sagen haben. Gerade steuern wir mal wieder auf eine Regierungskrise zu.

De:Bug: Auf dem Cover von “Dividing Opinions” ist eine blutige Straßenschlacht abgebildet. Was war da los?

Jukka Reverberi: Das Foto zeigt eine Demonstration auf der Piazza von Reggio Emilia, am 7. Juli 1960. Die Gewerkschaft demonstrierte gegen die damalige Regierung, einer Koalition aus Christdemokraten und Neofaschisten. Die Polizei eröffnete das Feuer, es floss viel Blut und gab auch mehrere Tote. Uns beschleicht immer ein seltsames Gefühl, wenn wir die Fotos anschauen. Die Demonstranten waren allesamt sehr jung, und sie trugen gestreifte T-Shirts, in Reminiszenz an Häftlingskleidung. Sie sehen nicht viel anders aus als die Leute, die in Ringelshirts zu unseren Konzerten kommen. Aber: Das waren unsere Väter und Großväter. Sie hätten genauso gut angeln, schwimmen oder auf Brautschau gehen können. Doch sie haben ihr junges Leben riskiert – für uns. Damit alles besser wird in unserem Land. Es darf nicht passieren, dass diese Episode in Vergessenheit gerät.

De:Bug: Gibt es einen Song auf dem Album, der sich explizit damit auseinander setzt?

Jukka Reverberi: Wir machen Popmusik, deswegen hat Politik in unserer Musik eigentlich nichts zu suchen. Aber die Band Giardini Di Mirò besteht aus Menschen, die sich sehr für Politik interessieren.

De:Bug: Was ist deine Definition von “romantisch”?

Jukka Reverberi: Das Gefühl, in einen Kampf zu gehen und klar zu wissen, dass du nicht gewinnen kannst.
http://www.giardinidimiro.com

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Elektronische Lebensaspekte.