Ginger ist derzeit definitiv der heißeste Scheiß im Netz. Nur weiß keiner, was Ginger eigentlich ist. Wir auch nicht. Aber wenn es fertig ist, wollen wir unbedingt auch eins haben.
Text: Janko Röttgers aus De:Bug 45

Internet | hype

Wunder gibt es immer wieder
Ginger: Ein Hype außer Kontrolle?

Er habe nicht geglaubt, jemals in seinem Leben wieder eine so bedeutende Entwicklung wie das World Wide Web zu Gesicht zu bekommen, erklärte kürzlich der Venture Kapitalist John Doerr. Jedenfalls nicht, bis er IT sah. Jetzt ist Doerr überzeugt: IT will change the world. Was IT ist? Abgesehen von ein paar Eingeweihten weiß das bisher niemand so genau. Doch seit IT – auch bekannt unter dem Projektnamen Ginger – im Januar erstmals Schlagzeilen machte, hat es in der Netzgemeinde eine wahre Lawine ausgelöst.
Dabei sind die bekannten Fakten eher dürftig: IT wurde von einem gewissen Dean Kamen erfunden, der sich bisher eher mit Dingen wie dem treppensteigenden Rollstuhl und dem mobilen Blutzuckermessgerät einen Namen gemacht hat. Nun will er partout nicht verraten, an was er da werkelt. Bekannt ist, dass er mit seiner Erfindung bei Amazon-Chef Jeff Bezos und Steven Jobs von Apple vorstellig wurde. Beide waren spontan begeistert. Der Macintosh-Guru erzählte im Anschluss an das Treffen, Ginger spreche für sich selbst. Wer es gesehen habe, müsse nicht mehr davon überzeugt werden.
Jobs und Bezos erklärten sich spontan bereit, Kamen als Berater zur Seite zu stehen. Und Doerr, der schon Netscape, Amazon und Excite auf die Beine geholfen hat, kümmert sich gemeinsam mit Xerox-Chef Paul Allaire um die Finanzierung. Allaire rechnet damit, dass Ginger in einem Jahr mehr Geld einnehmen wird als je ein Startup erwirtschaftet hat. Ginger-Erfinder Kamen werde in fünf Jahren reicher sein als Bill Gates – dank Ginger.

Wer zur Hölle ist Warren Beatty?

Dean Kamen ist so etwas wie der Prototyp des amerikanischen Nerds. In der Schule war er schlecht, weil sie ihn langweilte. Warum sollte er auch Dinge lernen, die alle anderen sowieso schon wussten? Kein Wunder, dass er es mit dieser Einstellung auch am College nicht lange aushielt. Statt zu studieren, entwickelte er lieber tragbare Geräte für Zuckerkranke, die ihn mit 25 zum Millionär machten.
Mittlerweile ist Kamen 49, Multimillionär, Träger der höchsten amerikanischen Wissenschaftsauszeichnung und ganz und gar besessen von seiner Arbeit. Manche Leute würden ihn sicher als weltfremd bezeichnen. Als er einmal zu einem Dinner ins weiße Haus eingeladen wurde, saß er angeblich neben zwei Menschen, von denen er noch nie etwas gehört hatte: Warren Beatty und Shirley MacLaine.
Einem Team des Fernsehsenders CBS erklärte er kürzlich, wenn ihn jemand für verrückt halte, sei das ein großes Kompliment für ihn. Gut möglich, dass Kamen von seinen Nachbarn ständig Komplimente bekommt: Wer sein Haus betritt, fällt als erstes über eine riesige, 150 Jahre alte Dampfmaschine. Und für den Weg zur Arbeit benutzt der exzentrische Erfinder einen seiner beiden Hubschrauber. Gut, das machen andere auch. Aber andere kaufen dazu nicht erst den Hersteller der Hubschrauber auf, um die Konstruktion der Geräte zu optimieren.
Zu Ginger möchte Kamen aber derzeit lieber nichts sagen. Anfangs erklärte er, die Erfindung werde möglicherweise erhebliche Auswirkungen auf einige Giganten der Old Economy haben. Nun befürchtet er offenbar, diese könnten ihm einen Strich durch die Rechnung machen, und hält den Ball lieber flach. Der ganze Rummel um Ginger sei etwas übertrieben, so Kamen gegenüber Journalisten.

Ein Beamer, ein Düsenantrieb, ein Roller?

Doch die Netzgemeinde lässt sich davon nicht beirren. Nachdem das Onlinemagazin Inside.com im Januar erstmals über die “IT Files” berichtete, wurde das Thema in kürzester Zeit zum heißesten Scheiß im Web. Slashdot.org, die beste Nerd-Newsgroup im Netz, wurde mit Postings überschwemmt, Fan-Sites wie Theitquestion.com zogen in wenigen Tagen Millionen von Surfern an. Kurzzeitig schaffte es Ginger sogar in die Top 10 der Lycos-Suchbegriffe. Eifrige Surfer durchforsteten die Datenbanken der Patentbehörden und fanden dabei eine Anmeldung für eine Art motorisierten Roller. Die größte Erfindung seit dem World Wide Web – ein Roller?
Damit will sich nicht jeder abfinden. Kritiker der Roller-Theorie wenden ein, Kamen habe vielleicht aus Geheimhaltungsgründen für Ginger bisher gar kein Patent beantragt. Außerdem ist dies nur eine Theorie unter vielen. IT könnte für Individual Transport stehen, aber genau so gut auch für Interdimension Technology – eine Theorie, die besonders unter Star Trek Fans beliebt ist. Andere sehen in Ginger eine Art Skateboard mit Transrapid-Antrieb, ein Mini-Luftkissenfahrzeug, einen Rollstuhl mit Füßen, einen Kleinsthubschrauber oder gleich einen Raketenantrieb zum Umschnallen.
Zwischenzeitlich hieß es, Ginger solle in zwei Modellen erscheinen. Eine Metro-Version solle weniger als 2000 Dollar kosten, die Pro-Version etwas mehr. Wer bei Amazon nach Ginger sucht, erfährt allerdings: “Preisinformationen sind noch nicht verfügbar, so lange das Produkt unbekannt ist”. Vormerken lassen kann man sich trotzdem schon mal. Angeblich wird Ginger aber nicht vor 2002 verfügbar sein.

“What is IT?”

Zu den wenigen Leuten, die das Gerät schon zu Gesicht bekommen haben, gehört auch Steve Kemper. Der Wissenschaftsjournalist hat Kamen über anderthalb Jahre über die Schulter geguckt und schreibt an einem Buch über Ginger. Ein amerikanischer Wissenschaftsverlag hat ihm dafür bereits 250 000 Dollar gezahlt – ohne zu wissen, worum es in dem Buch geht. Denn auch Kemper hält still, allerdings auf seine Weise.
Seine für den Verlag geschriebene Buchankündigung soll voll von Andeutungen und vollmundigen Versprechungen gewesen sein, die den Verlegern das Wasser im Mund zusammenlaufen ließen. Als der Vertrag unter Dach und Fach war, ließ irgend jemand das Papier Inside.com zukommen, und der Hype nahm seinen Lauf. Kemper wird sich über die Publicity freuen, doch Kamen ist das gar nicht so lieb. Er erklärte, die Buchankündigung reiße Zitate aus dem Zusammenhang und sei voll von Übertreibungen.
Ist Ginger also nichts weiter als ein geschickter Marketing-Gag für ein Buch, der von ein paar feixenden Firmenchefs unterstützt wurde und im Netz völlig außer Kontrolle geraten ist? Den Fans ist das egal, sie glauben an ihren Hype. Und mal ehrlich: Sollte man Nerds wie Dean Kamen nicht alles zutrauen? Wunder gibt es schließlich immer wieder, oder wie der Ginger-Vater es selbst formulierte: “The difference between very sophisticated technology and magic is a very blurry line.”
Keine Frage, der Hype geht also weiter. Letzte Nachricht: Kamen wurde auf dem World Economic Forum gesichtet, wo er zu dem vielsagenden Thema “Completing the technology revolution” sprechen durfte. Na, wenn da nicht was im Busche ist, dachten sich die Journalisten vor Ort und bestürzten ihn mit Fragen. Natürlich wollten sie nur das eine wissen: “What is IT?” Doch Kamen erklärte den verdutzten Journalisten, das wisse er auch nicht so genau. Schließlich arbeite er an so vielen Projekten …

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.