10 Jahre De:Bug: 10 elementare Bücher
Text: Mercedes Bunz aus De:Bug 115


Giorgio Agamben
Homo Sacer. Die souveräne Macht und das nackte Leben
Suhrkamp, 2002

Wer politische Theorie in den letzten Jahren diskutiert hat, kam an diesem Buch nicht vorbei – “Empire“ von Negri/Hardt war dagegen nur eine kurze heiße Stichflamme. Kein Theaterstück mehr ohne Agamben-Verweis, etwas inflationär mittlerweile vielleicht, aber egal, trotzdem wichtig. Denn: Nicht Ausschluss und Ausgrenzung, so seine These, sind die wichtigen politischen Mechanismen unserer Zeit. Agamben stellt, inspiriert von Foucaults Thesen zur Biopolitik, das Ding vom Kopf auf die Füße. Die Norm braucht die Ausnahme, den Ausnahmezustand – und zwar in ihrem Innersten.

Ein nacktes Leben ohne Rechte steht im Mittelpunkt unserer Politik, sagt er. Oder: Das Lager und nicht der Staat ist das biopolitische Paradigma des Abendlandes. Nun ja, dachte man, steile These. Als theoretischem Impuls ist man der zunächst gefolgt, realpolitisch hat man es belächelt. Was ein Fehler war: Die Geschichte hat Agamben in den folgenden Jahren mit unangenehmen Beispielen Recht gegeben. Man begegnete der Trennung zwischen nacktem und politischem Leben in Flüchtlingsströmen, für deren nacktes Leben sich bis heute politisch niemand zuständig fühlt. Der Flüchtling gilt als humanitäres, nicht als politisches Problem.

Man traf auf das Problem beim 2002 gegründeten Lager Guantanamo, das ebenfalls die politischen Rechte der Gefangenen aussetzt – auf dem vom Militärrecht bestimmten Gelände gilt die zivile Gerichtsbarkeit der USA nicht, was auch Formen von Folter ermöglicht. Und 2005 folgte der Fall Terri Schiavo, einer Patientin, die 13 Jahre im Wachkoma lag und um deren Recht zu sterben ein Rechtsstreit tobte, in den sich alle einmischten. Eltern, Ehemann, Staat, Kirche. Biopolitik, das Reiben von nacktem und politischem Leben markiert Zonen, in denen der Staat in seiner neuen Unsouveränität der Globalisierung keine Zuständigkeit mehr hat – und doch politische Entscheidungen getroffen werden, die alle angehen. Agamben lesen macht immer noch Sinn. Leider.

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Elektronische Lebensaspekte.