Naturnah und ornithologisch interessiert
Text: Sarah Brugner aus De:Bug 119


Die englische Band bejaht mit ihrem dritten Album herzhaft die Frage “Do you like Rock Music?”. Mit der Rockstarverkörperung ihres Labelkollegen Pete Doherty von den Babyshambles haben die naturnahen und ornithologisch interessierten British Sea Power aber recht wenig am Hut. Imageprobleme sind ihnen jedenfalls unbekannt.

“Out all day birdwatching and the craic was good” singt schon Van Morrison in “Coney Island”. Birding, wie die Briten das mehr oder weniger fachkundige Beobachten von Vögeln nennen, soll schon für so manche Musikerkarriere als Quell der Inspiration gedient haben. In der immergrünen Tauwetternation England hat sich neben Jarvis Cocker auch die Band British Sea Power auf die Pirsch nach seltenen Vogel-Prachtexemplaren gemacht. Einmal beflügelt folgte eine gemeinsame Tour, bei der British Sea Power als Vorband von Pulp auf der Bühne standen. Dass hierzu auch gemeinsame Auftritte auf Waldbühnen zählten, unterstreicht nur zusätzlich die “nature-bound side of the band“ wie Yan, Sänger und Gitarrist von British Sea Power, es formuliert. Naturnah und ornithologisch interessiert ging es von Anfang an zur Sache. Bei zahlreichen Auftritten säumten Äste, Sträucher und ausgestopfte Vögel das Bühnenbild, so dass gerade noch wenig Platz für das Gitarre, Bass und Schlagzeug spielende Quartett blieb. Wenn Yan, Noble, Hamilton und Wood dann in ihren Pfadfinderuniformen loslegten, ging schon Mal der ein oder andere Vogel zu Bruch. Mit großer Geste geht es erneut beim dritten Album “Do You Like Rock Music?“ ans Werk, auch wenn man für den Waldschrat-Rock keine Bühne mehr in Waldschrott verwandeln muss.

Formvollendeter Waldschrat-Rock

Die Spannweite reicht von hymnisch düsterem Pathos zu beschwingt erhabenem Rock und ist trotz seiner Vielschichtigkeit als Gesamtwerk kompakt wie nie. Auf die Neuerscheinung angesprochen meint Frontman Yan: “Das aktuelle Album ist definitiv die beste Repräsentation von uns. Auf dem ersten Album reagierte mehr das Chaos, das zweite sollte leichter zugänglich sein, beim dritten konnten wir all das verbinden. Auf ‘Do You Like Rock Music?’ hat die Musik die uns bislang am besten entsprechende Form. Aufgenommen haben wir das Ganze in Kanada, Tschechien und auf Fort Tregantle, einer Festung, die südöstlich von Cornwall liegt. Immer wenn uns an einem Ort die Decke auf den Kopf gefallen ist und die Produktion fast still stand, sind wir umgezogen. Langwierig, aber mit wirklich zufrieden stellendem Ausgang. Und eine gute Möglichkeit, wieder nach Prag zu kommen.”

De:Bug: Ihr unterhaltet gute Beziehungen zum osteuropäischen Raum …

Yan: Ja, es haben uns schon mehrere Wege dorthin geführt und wir kommen immer wieder gerne zurück. Wir haben zum Beispiel eine gemeinsame Nummer mit einer Band aus Prag gemacht. Ich kenne ein paar sehr nette Leute dort. Außerdem ist es spannend, einen anderen Kultur- und Lebensraum zu erfahren. Und dann diese seltsame kommunistische Vergangenheit. Ich glaube einfach, dass es noch so viel zu entdecken gibt, während in England vermehrt die Einflüsse aus den USA rüberschwappen. Nichts gegen das Königreich. Ich bin lediglich gegen Überheblichkeit einiger weniger Nationen, wo man doch noch viel mehr über andere Länder in Erfahrung bringen müsste.

De:Bug: Das stellt dann teilweise den Inhalt eurer Songs.

Yan: Wir bauen schon hin und wieder nette und interessante Details aus dieser Region ein. Der Fußballklub Slavia Prag, Vistula, der Name Polens längsten Flusses … lauter kleine Details aus dem aktuellen Album.

De:Bug: Das greift aber auch weiter. Ihr schnappt ja gleichermaßen Details von historischer und politischer Relevanz auf. Oder wie sonst ist eure Singleauskopplung “Waving Flags“ zu verstehen? Kling nach einer Hymne der etwas anderen Art.

Yan: Einer kritischen Hymne. Es geht um Migration und darum, dass man mit schwingenden Fahnen und mit stolzerfüllter Brust die Neuankömmlinge empfängt. Die Migranten kommen ja allzu oft schlecht weg. Jeden Tag findet man dieselbe Ignoranz in den Zeitungen, die immer das gleiche Negativbild von Migranten zeichnen. Sie stehlen unsere Jobs und ähnlicher Stumpfsinn. Also dachten wir, dass wir den Spieß einmal umdrehen und ein Willkommenslied schreiben. Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass man Migration auch als Chance sehen kann. Um über solche Themen zu stolpern, muss man keine explizit politische Band sein. Ich brauche nur jeden Tag die Zeitung aufzuschlagen. Das hat eine persönliche Dimension.

De:Bug: Vor allem aber auch Außenweltbezug. Ihr erstellt in euren Lyrics allerhand teilweise obskure Referenzen auf Orte, Geschichten, Menschen …

Yan: Wir schreiben Lieder über Vögel (lacht). Nein, im Ernst. Ich denke, Musik ist einfach interessanter, wenn sie diesen Außenweltbezug herstellt. Musik ist etwas Tolles, aber was sich in ihrem Umfeld abspielt, ist auch nur bedingt aufregend. Da gibt es die Geschichten um Mädchen, Drogen und gemeinsames Biertrinken, alles schön und gut, aber irgendwann erschöpft sich das auch. Darüber zu schreiben, dass man verliebt ist oder dass man gerade mal wieder eine Beziehung hinter sich gebracht hat … solche Sachen. Und vor allem immer die gleichen Sachen. Wir haben einfach keinen Sinn darin gesehen, schon wieder so selbstreferentiell zu schreiben. Es wäre dringend notwendig, mit der Welt da draußen zu interagieren. Persönlich bleibt es schon dadurch, dass wir eben aufgreifen, was uns interessiert. Bücher, Orte, Persönlichkeiten, alles kann man aufgreifen und einen neuen Impuls setzen. Einmal haben wir sogar zu einem Wettbewerb aufgerufen. Die Leute haben uns E-Mails geschrieben, in denen sie auf Menschen verwiesen haben, die einen Impuls gesetzt haben und die als Inspiration dienen sollten. Wir bekamen mehr als 1000 Einsendungen. Es gibt so viel, wofür es wert ist Interesse aufzubringen. Ich finde ja, dass das The Smiths besonders gut beherrschten. Die hatten eine ganz fremde Welt gegründet, gespickt voller atmosphärischer Details, wo man so viel Anregendes rauspicken konnte, um sich einen Reim darauf zu machen. Davon kann man wirklich was lernen.

De:Bug: Worin siehst du die britische Komponente eures musikalischen Schaffens neben dem Element des Außenweltbezugs und dem Interesse für andere Länder? Immerhin heißt eure Band British Sea Power, was ein wenig nach einer Streitkraft aus dem Old British Empire klingt.

Yan: Ein bisschen imperialistisch, oder? (lacht) Da sind grundsätzlich zwei Überlegungen zusammengeflossen. Zum einen wollten wir unsere Herkunft nicht negieren und wie eine Truppe von irgendwoher klingen. Es ist langweilig, wenn Bands standardisiert ähnlich klingen, egal aus welchem erdenklichen Land sie auch kommen mögen. Die andere Idee war, dass wir Teile unserer eigenen Geschichte aufgreifen wollten, die sicher nicht immer gute Dinge waren, und in einem anderen Licht darstellen. Da kommt man an der imperialistischen Vergangenheit nicht vorbei. Daher haben wir auch manches Mal Uniformen getragen. Diese teilweise wirklich sehr düsteren Zeiten in der Geschichte wollten wir ausgraben und wieder zum Thema machen. Es gab einige Leute, die das nicht verstanden haben. Die glaubten gar, wir seien Kriegsfetischisten, die sich nach den alten Zeiten sehnen und am liebsten über die ganze Welt einfallen wollen. Das finde ich belustigend. Wir wollen diese Zeiten ja keineswegs wiederbeleben. Im Gegenteil. Wir wollen eine Auseinandersetzung, eine Neuinterpretation und einen Lernprozess bewegen. Auf Dinge hinweisen, die falsch liefen, und versuchen einen positiven, künstlerischen Impuls daraus zu ziehen.

De:Bug: Schon an der Umsetzung von “Waving Flags“ gefeilt?

Yan: Durchaus. Wir haben Collagen aus nautischen Fahnen gemacht, aus Bettlaken mit Tierklauen, dazu verschiedene farbenfrohe Stücke von Gardinen. Das alte Konzept mit den vielen Ästen und ausgestopften Vögeln hatte sich schon ein bisschen erschöpft. Das war für eine lange Zeit stimmig, war dann aber irgendwann absehbar. Wenn man immer dasselbe macht, verlieren die Leute den Blick dafür. Man gewöhnt sich, wo es doch überraschend sein soll. Das hat jetzt vielleicht nur mehr Anekdotencharakter, aber unser letztes Bühnenbild ist uns auch zum Verhängnis geworden.

De:Bug: Weil?

Yan: Wir mussten diese Dinge zuerst irgendwie besorgen. Mein Bruder hat sich einmal den Arm gebrochen, als er jenen Ast absägen wollte, auf dem er saß. In New York wurde unser Manager von einem wahnsinnigen Hippie attackiert, als er bloß ein paar Äste vom Boden auflesen wollte. Ich möchte nicht wissen, wie oft mir ein Ast ins Auge geschnalzt hat.

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Elektronische Lebensaspekte.