Um das Ekimo-Label und den Culture Club hat von Gent aus in den letzten Jahren ein Paradigmenwechsel im Ausgehen stattgefunden. Das DJ-Duo "Glimmer Twins", jetzt "The Glimmers", liefert den perfekten Soundtrack für die junge Generation. Unsere erschütternde Feldstudie aus dem Berliner Now-Club "Rio".
Text: jan joswig aus De:Bug 88

Kuddelmuddel in der Disko
Glimmer Twins

Jippie, Clubben ist nicht mehr das, was es mal war. Wir alten geschmeidigen Säcke, die es gewohnt sind, auf Endlos-Raves ohne Reibung durcheinander hindurchzugleiten, sind der Geschmack von gestern. Jetzt wird wieder Fresse gezeigt und angerempelt. Die liberalen Langweiler mit ihren Familiensehnsüchten sollen sich ihre Nestwärme doch woanders suchen, im Club ist jeder sein eigener Sonnenkönig. Das gibt wieder viel schärfere Konturen, bissigere Aufregungen, Wettbewerbsgeist, den aggressiv aufgebrezelten Willen zur Differenz. Ohne Umweg kommen die männlichen und weiblichen Diven dieser Now-Generation aus der Schuldisko in den Club. So zickzackt eine semi-glamouröse Unsicherheit über dem Dancefloor, die dazu zwingt, sich selbst viel wichtiger zu nehmen als die Musik. Bloß keinen Dancefloor-Dogmatismus mehr, keine Festlegung auf einen Stil, dann müsste man sich ja mit der Musik zwangsidentifizieren. Also muss möglichst viel aus möglichst unterschiedlichen Welten nebeneinander gespielt werden.
Die alte Rave-Gesellschaft war etwas für Ohrenmenschen mit Kuscheldefiziten. Die Now-Generation ist was für Augenmenschen, die sich endlich aus der Kuschelumklammerung ihrer heilen Elternhäuser befreien wollen. Hier sind alles potenzielle Models oder Fotografen, deshalb darf der DJ auch ungestraft Status Quos “Matchstick Man” nach Reel to Reals “I like to move it” spielen, aber kein Tänzer darf die Bundfaltenjeans über den Cowboystiefeln tragen.
Die Deluxe-DJs dieses Clubbens, die belgischen Glimmer Twins, würden nie Status Quo und Reel to Real auswählen. Stattdessen brauchen der kleine Kompakte mit der ausgeprägten Raritäten-Spürnase und der leicht zerstreute Wuschelkopf mit dem schwarzen Brillenbalken quer im Gesicht nur ein kurzes Acid-Intermezzo, um von Eurythmics zu Alter Egos “Rocker” zu kommen.
Die Glimmer Twins sehen in dieser Welt wie anachronistische Fremdkörper aus, die nie am Türsteher vorbeigekommen wären. Doch mit ihrer musikgeschmacklichen Cleverness treffen sie einen Nerv dieser ja auch sonst auf raffinierte Cleverness stehenden Augenmenschen. Und erst jetzt, wenn die außenstehenden 30-Something-Schallplatten-Nerds Glimmer Twins ihren Spezial-Eklektizismus im Berliner Club “Rio” spielen, schließen sich zwei +/- Pole und die ehemalige Schlachterei wird zum Tempel der neuen überspannten Ausgelassenheit. Now soll die Nacht brennen, now will jedes Ich brennen. Sieg oder Tod. Nach solchen Nächten, in denen das Rio und die Glimmer Twins sich zur letalen Allianz zusammenschließen, breitet sich ein dramatisches Meer aus Tränen ums Rio aus, gespeist aus der Verzweiflung über die Kleinheit des eigenen verschatteten Sonnenkönig-Ichs und die Größe der Nacht. Ein Meer, auf dem schon die nächsten heransurfen zum Gästelistenlandungssteg. Ein Meer, in dem sich die Scheinheiligkeit der Nacht und der heilige Schein der Nacht unauflöslich umeinander herum reflektieren.
Drei Fragen an die zwei Helden des Kuddelmuddel-DJens:
Debug:
Schande auf mein Haupt, aber ich musste erst euretwegen nach “Glimmer Twins” recherchieren, um darauf zu stoßen, dass es schon früher die “Glimmer Twins” gab: Keith Richards und Mick Jagger. Warum habt ihr gerade deren Namen übernommen?
The Glimmers:
Yeah, das sind die originalen Glimmer Twins. Der Besitzer des Brüsseler “Fuse Clubs” hat uns 1995 den Namen gegeben. Damals wussten wir selbst nicht, in wessen Fußstapfen wir traten. Jetzt erreichen wir langsam Superstardom-Status, da wird die Namensadaption brenzlig. Deshalb sprich uns ab sofort bitte nur noch als “The Glimmers” an.

Debug:
Habt ihr eine Top 10 der Glimmer-Twins-Produktionen (und sagt mir nicht, Peter Tosh ist dabei …)?
The Glimmers:
Hm, eine Top 10 aus Rolling-Stones-Platten? Wir versuchen’s:
01. Gimme Shelter
02. Too Much Blood
03. Slave
04. Heaven
05. 2000 Light Years From Home
06. Miss You
07. Not Fade Away
08. You Can’t Always Get What You Want
09. Midnight Rambler
10. Monkey Man

Debug:
Mit welcher Platten-Kombination habt ihr am meisten verblüfft?
The Glimmers:
Wir spielen seit 15 Jahren verblüffende Kombinationen, das verblüfft uns selbst überhaupt nicht mehr. Aber wir würden empfehlen, in einem geradlinigen Technoclub nach Madonnas “Holiday” Louis Armstrongs “Wonderful World” zu droppen. Das gibt good verblüffenden Fun.

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Elektronische Lebensaspekte.