Was ist eigentlich das Geile an der Londoner Modeszene? Dass von institutioneller Seite so viel Geld und Unterstützung hineingesteckt wird wie hier in die Theaterlandschaft. Und dass die Designer damit Röcke entwerfen, in deren züchtigen Falten sich Dessins mit tropfenden Schwänzen verstecken. Wir gucken neidisch über den Kanal.
Text: Jan & Kate aus De:Bug 94

Global statt kolonial – Wie sind Londons Designer drauf?

Alkoholzuspruch vervielfacht seinen kulturellen Mehrwert, wenn er im Illegalen passiert. Das war schon während Unterstufenfesten und der amerikanischen Prohibition so. Und es galt auch für die internationale Boheme der 60er- und 70er-Jahre in Marokko, Serge Gainsbourg, Yves Saint Laurent und so, die sich in dem antialkoholischen Muslimstaat hinter Privatmauern die Promille gaben. Babouches und kragenlose Leinenhemden tragen und blöder aus der Wäsche gucken als die Kamele vom Nachtmarkt in Marrakesch, das war das Non Plus Ultra einer Szene, die Hippie und smart noch zusammendenken konnte.

Während in England zunehmend Hoodies an den Schulen verboten werden, weil man die jugendlichen Delinquenten unter ihren Kapuzen nicht identifizieren kann, scheinen die Designer/innen gerade die glücklichen Zeiten aus Marokko für sich zu entdecken. Egal ob knallige Farbkollisionen oder gedeckte Wüstentöne, es herrscht breiter Konsens (von einigen Gothic-Ausreißern mal abgesehen), dass alles in flattrigen Schichten und viel romantischem Tineff (aber ohne Swaroffski-Steine) an eine Welt erinnern soll, die anti-kolonialistisch war und unter Globalität ganz idealistisch nichts anderes verstand als gleichberechtigten kulturellen Austausch statt Hegemonialansprüchen. Damit so etwas nicht zu sentimentaler Ethno-Exploitation verkommt, bedarf es eines Metropolen-”Schmelztiegels“, in dem es längst keine Hegemonialkultur mehr gibt. London ist dafür weitaus prädestinierter als beispielsweise Berlin, wie es der Kreuzberger ”Karneval der Kulturen“ mit seinen Imitat-Sambagruppen, die sich aus mehlhäutig nordeuropäischen Volkshochschul-Besucher/innen rekrutieren, beweist.

Wer macht was?

Egal ob ausgefranster Gestrandeten-Look mit Treibholz-Einflechtungen bei Bora Aksu, Hippie-Liberty-Überzüchtungen bei Braganza oder Pailletten im LSD-Farbmix bei Ashish, alle spielen mit den Absurditäten einer 70er-Mode, die verlangte, dass man für einen anti-imperialistischen Barfußlook Unsummen ausgeben musste. Wie bei der Ikone des englischen Modedesigns der 60er und 70er Ossie Clark zum Beispiel. Aber die spaßigste Hinterhältigkeit haben Basso & Brooke parat. Sie geben sich alle Mühe der Schneider- und Printkunst, um ihre Dessins so indirekt wie möglich einzusetzen – damit man erst auf den dritten Blick merkt, dass die vermeintlich kinderfreundlichen Seargent-Peppers-Grafiken handfeste Orgienszenen darstellen inklusive allem, was man sich so vorstellen kann als Softporno-Gucker. Dafür haben sie auch gleich den ersten Preis der meistbeachteten Nachwuchsveranstaltung ”Fashion Fringe” gewonnen. Der Trick bei allen Designer/innen ist, dass sie ihren ästhetischen Spieler- bis Kindereien durch größte konservativ handwerkliche Akkuratesse die Aura von Seriosität und Ernst geben. Da guckt die Burberry’s-Kundschaft.

Wer kommt wie zu was?

Auch wenn ein Jungstar wie Jean-Pierre Braganza enttäuscht ankündigt, dass er wegen fehlender oder fehlgeleiteter Unterstützung des British Fashion Councils nach Paris ausweichen wird, kann man nicht behaupten, London ließe sich lumpen, wenn es um Modeförderung geht. Die Non-Profit-Organisation “British Fashion Council” richtet neben der ”London Fashion Week“ die ”Next Generation“ aus, die ihren 13 Finalisten mit Sponsoring von Topshop, dem Designer-Kopisten-Tempel in der Oxford Street, ansonsten unbezahlbare Repräsentationsmöglichkeiten bietet.
Daneben kümmern sich ”Fashion Fringe“, ”Fashion East“ und ”On&Off“ als offizielle Partner der London Fashion Week um den Nachwuchs. Sie alle bieten neben Catwalk- und Stand-Präsenz weiterführende Unterstützung und Beratung an, Fashion Fringe schreibt darüber hinaus 100.000 Pfund für den ersten Preis aus und hält ein Schaufenster bei Harvey Nichol’s frei. Im Modebereich, der viel kostenintensiver und zentralisierter ist als die Musikszene, ist solche Förderung immens wichtig. Und was hier angeschnitten wurde, ist nur die Spitze eines gut vernetzten Berges aus den Designhochschulen, den Agenturen und den Messe-Organisatoren.
In Berlin fehlt solche Struktur fast komplett. Nachdem Beck’s seine ”Fashion Experience“ nach drei Veranstaltungen schnöde eingestellt hat, werden die Messen ”Bread & Butter“, ”Premium“, ”Be in Berlin“ nur noch vom “Moet & Chandon Fashion Debut”, auf dem vier ausgesuchte Designer/innen ihre Kollektionen zeigen dürfen, und der “Labo Mode” von Galeries Lafayette und Modeschule Esmod begleitet. Rühmliche Besonderheit: Die ”Indie“-Initiative berlinerklamotten, die zum dritten Mal in einer Kombination aus Show- und Verkaufsraum und Website ausgesuchte Berliner Jungdesigner/innen feil hält – und immer mehr zu einem verlässlichen Scout wird.
Dennoch: Es mögen noch so viele Musiker/innen sehnsüchtig nach Berlin blicken, internationaler Modedesign-Nachwuchs wird höchstens mal zum Feiern rüberjetten.

Wer hört was?

Der Weltenbummler-Boheme-Look, der weder auf Starbuck’s noch auf Exotismen steht, wird bestens untermalt von:
Serge Gainsbourg – Gainsbourg (Philips)
Poly Styrene – Translucence (United Artists)
Lizzy Mercier Descloux – One for the soul (Polydor)
Jorge Ben – Jorge Ben (Philips)
Atom TM – CMYK
V.A. – Deepak Kumar pres. Bhangra Fever (Arishma)
Kaleidoscope – Bacon from Mars (Edsel)
V.A. – Le disque d’or du rai (New Pictures)
Sipho Mabuse – Burn out (Gallo)
Aber wer noch einmal Mias ”Arula“ spielt, fliegt hochkant raus.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.