Globalisierungskritik versus Freihändler. Linke Netzwerke gegen Neoliberalisten. Diskursive Feuer tauschen sich. Die Fronten scheinen verfahren. Unbefragt bleiben die betroffenen ArbeiterInnen vor Ort. Was bedeutet Globalisierung lokal? Ein Blick in das Leben der Frauen, die eure Hosen herstellen.
Text: Simon Jaspersen aus De:Bug 77

Das Dorf am anderen Ende der Gleichung / Im Globalisierungsland

Ein Land im Irgendwo, dem man gesagt hat, es sei unterentwickelt. Armut, Aidsraten, Analphabetismus. Die Kluften erscheinen so groß, dass selbst kulturelle Selbstbeschreibungen oft über Negativa funktionieren. Oder über Separation. Minderwertigkeit oder “Ausbeutung”. Selbst- oder Fremdreferenz. Die Suche nach dem kausalen Ursprung für Misstand und Ungerechtigkeit füllt beide Systemkreise, das eigene Land und der koloniale Blick, mit Metaphern der Ungehaltenheit.
Globalisierung ist hier seit den Zeiten des Kolonialismus zu spüren, neu dazugekommen ist jetzt der Faktor der Medien und deren Breitenwirkung: das Fernsehen und die von ihm projizierte Kontext-Realität. Der direkte Vergleich, 24 Stunden in Technicolor. Blechhütten vor dem Hintergrund virtueller Enklaven in Dubai. Dann kommen die Stiftungen und Touristen. Plastisch agierend und mit Scheinen werfend ist diese Ebene der Globalisierung informell. Der diskursive Tausch bleibt oft punktuell und beschränkt. Aus diesen Kanälen strömt also Globalisierung in die Köpfe, Straßen und Häuser. Immer schneller prasseln alternative Inhalte, Praktiken und Divisen in den Lokalspace und provozieren ein amorphes Meinungs- und Gefühlsspektrum, das sich wiederum zwischen den Polen von Abwehr und Hochachtung, Neid und Inspiration bewegen könnte. Die Tendenz der Globalisierung geht zur ökonomischen Öffnung, die eine Rhetorik der Anheimelung braucht. So propagieren mediengewandte Politiker die nötige Kooperation mit den gutwilligen Investoren und degradieren damit die Bevölkerung zum Dasein als lernwillige Ressource. Auf dem Markt der Standorte ist das Sweatshop-Business momentan total angesagt. Globalisierung der Wirtschaft findet seine Ausformung in der Anlage von Freihandelszonen und darin befindlichen Verarbeitungsbetrieben für den Export. Hauptindustriezweige sind Elektrotechnik, Textilien und Tabak. Hauptinvestoren die USA, Taiwan und Europa.

Unser Beispiel ist Nicaragua
Sébaco besteht aus einer Straße, einem Marktplatz, drei Tankstellen, Läden und Wohngebieten umgeben von weiten Flächen offenen Landes. In diesem Wüstendorf hat vor drei Jahren eine Maquila eröffnet. Maquila bedeutet “Mühle” und heißt in etwa so viel wie Sweatshop auf Spanisch. Das Dorf sei seitdem ohne Arbeitslosigkeit, triumphierte die Presse. Der mediale Fingerzeig überdauerte in den Archiven, Skandale folgten und brachten neben Prüfern, Journalisten und Aktivisten sogar Soziologen aus entfernten Ländern in dieses Gebiet. An den Rändern der Schotterwege sitzen Männer ohne augenscheinliche Beschäftigung. “Die Frau hat hier immer gearbeitet. Viele Männer verlassen ihre Familie und suchen sich irgendwann eine andere.” Martina hebt den Kopf. “Ich bin eine gute Operaria (Arbeiterinnen). Ich verdiene das Geld für meine Kinder. Es gibt eine Menge Druck in der Maquila. Die, die ihre Arbeit nicht können oder faul sind, bekommen sehr viel Ärger.”

Das Sweatshop-Dilemma
Sweatshops zeichnen sich global und historisch durch eine extrem straffe Organisationsform aus, die auf Kontrolle und Optimierung der Produktion zielt. Hierzu generiert man mit Hilfe von Aufsehern, Uhren, Produktionsreihen, Tabellen und strategischer Architektur ein Feld höchstmöglicher Sichtbarkeit, in dem Materialbewegung und Arbeitsleistung zu jedem Zeitpunkt erfassbar sind. Ein neuer Kniff ist dabei neben den schon bekannten Produktionszielen pro Tag und Stunde die relationale Verknüpfung der so gewonnenen Daten. So stehen an der Wand täglich die Hierarchien unter den Arbeiterinnen: die Namen der besten Linien und Personen.
Die Präferenzen jedoch spalten sich an diesem Modell betrieblicher Hyperrationalität. Die strikte und klinische Arbeitsweise steht der unsicheren, weil völlig informalen Tätigkeit als Haushälterin oder der direkt körperlichen Arbeit auf dem Land gegenüber. Löhne sind dem Standard der Region entsprechend okay und werden pro Produktion erhöht. Auch ist zu hoffen, dass gröbste Misshandlungen durch den kontinuierlichen, in Prozessen und Bildungsarbeit gefochtenen Kampf der Gewerkschaften und NGOs erschwert werden. Die sonntägliche Frauengruppe jedenfalls predigt: “Arbeit mit Würde”.
In diesem Koordinatensystem sitzen Abertausende von Frauen weltweit und erfahren die auf diesem System ansetzenden Sanktionen: Schläge, Beschimpfung, Entlassung sowie ausgeklügelte Regelwerke für Bonus-Verteilung in Form von Privilegien und Löhnen.

Alltag und Karriere
Gaudi sitzt zwischen ihrem Britney-Spears-Poster und dem mit Plastikblumen übersäten Fernseh-Altar im Wohnzimmer und grinst mich an. Sie ist 19 und arbeitet seit einem Jahre in der Maquila. Sie hat sogar ihren Ausweis gefälscht, um noch minderjährig anfangen zu können. “Meinst du, ich hab Bock in der Sonne zu arbeiten und meine Haut immer dunkler werden zu lassen? Ich zieh mal nach Managua und arbeite dann dort als Näherin …”
Acht bis zwölf Stunden Arbeit. Essen. Schlafen. Sonntag frei. Zusätzlich fünf freie Tage im Jahr. An den See fahren. Im Dorf spazieren gehen. Und mit dem Soziologen reden, der vom anderen Ende der Welt kommt und etwas über Machtstrukturen wissen will. Das Geld genügt gerade, um den Haushalt aufrecht zu erhalten. Alle müssen arbeiten: Kinder betreuen, verkaufen oder was auch immer. Natürlich werden wir gepfercht. Natürlich werden Frauen geschlagen. Aber es ist ein Alltag. Niemand kommt wirklich voran. Ständig steht alles auf des Messers Schneide.
“Die Chinesen sind cool. Sie lassen uns in den Pausen sogar fernsehen. Ich lerne in der Maquila Leute kennen, die aus allen möglichen Regionen kommen. Die Arbeit im Haushalt ist anstrengender.”

Diskursiver Attraktor
Das System der Maquila zielt auf Integration und Unterordnung der Maquileras und arbeitet dabei subtil mit den psychologischen Effekten der Gruppendynamik. Vermittelt durch die lokal angeworbenen Aufseher entsteht ein eigener Diskurs, der auf der Rationalität des Betriebes aufbauend die gängigen Praktiken als Zwänge der Produktion legitimiert, so dass die ArbeiterInnen die Widersprüche und Gewaltpotentiale ihres Arbeitsumfeldes mit Erklärungen umlegen und überschreiben können: “Sie wurde geschlagen” bedeutet dann: “Sie hat eben nicht gut gearbeitet.” Andersartige Positionierungsangebote innerhalb des Arbeitsfeldes werden systematisch ausgemerzt.
Auf der anderen Seite jedoch funktioniert der Sweatshop gerade in seiner Radikalität der Ausgrenzung und Repression als seltsamer Attraktor für Diskurse und bringt so neue Institutionen und Polaritäten ins Dorf. Umweltverbände haben prozessiert, eine Frauenvereinigung die Arbeit aufgenommen, die Gewerkschaft erscheint in den Medien. Auch die Bevölkerung ist gespaltener Meinung. Parolen und Perspektiven von Längerfristigkeit und Emanzipation werden ausgeteilt.

Traummodul
Die Maquila eröffnet und verschließt zugleich Zugänge und Möglichkeiten. Sie und die ihr angelagerten Institutionen bieten gleichzeitig harte Ausschließungskriterien und eine Perspektive. Globalisierung ist ein projizierter Horizont von Möglichkeiten, der Gedanke von Mobilität, ein dynamisches, gezüchtetes und gleichzeitig unintendiertes Potential, dem die Sweatshops nur ihren kruden Aufstiegsweg in den Rang einer Aufseherin als Weg zur Verfügung stellen. Wer jung genug ist und schnell genug arbeitet, findet in ihr eine Institution, die sein Dasein berechtigt, ihn mit Geld und eventuell sogar Mobilität versorgt und Selbstbewusstsein wachsen lässt: bestätigt und gefordert vom Alltag der Arbeit im globalen Wettstreit. Aber selbst mit Überstunden lässt sich nur ein Gehalt erzielen, der für die basale Reproduktion und leichte Modifikationen des Konsumstandards ausreicht. Der Traum einer jeden Familie bleibt: das eigene Haus und eine sichere Zukunft.
So wird statt Widerstand häufig Affirmation produziert. Die durch positive Sanktion und dynamischen Arbeitsalltag Motivierten bewerten das System als positiv. Die Überwachung wird internalisiert und angepasstes Verhalten zum Automatismus. Normative Abweichungen werden bemerkt und gekennzeichnet. Solidarität bleibt auf der Strecke, genau wie die Sorge um die eigene Gesundheit oder die Menschenrechte. Je länger man dabei ist, um so mehr wird die Geschichte des Betriebes zur eigenen.
Die Maquileras lassen damit den gesamten globalisierungskritischen Diskurs weitgehend an sich abtropfen. Es geht hier um das unendliche Gewicht der Details des gelebten Alltags. Sie wissen um die Argumente von Gewerkschaften und NGOs und positionieren sich dennoch aktiv auf Seiten der Betriebe. Dass soll nicht heißen, sie wären von der Maschine geformt. Widerständige Potentiale brechen in Form von Streiks und Aufständen immer wieder hervor und in jedem Werk gibt es Lücken und Chaotizität. Vielmehr bietet diese Rationalität einen guten Weg, die Brüche des Alltags zu überschreiben, die eigenen Entscheidungen zu rationalisieren und positiv zu bleiben. Wesentlicher Kontext ist die ansonsten schlechte Lage des Landes und der Region.

Hey, hey – Globalisierung
Die Arbeiterinnen in der Maquila sind die Sturmtruppen der Globalisierung. Quasi alles, was wir hier billig kaufen, wird nicht in Deutschland hergestellt. Zwar gibt es tolle Diskursangebote. Die Frauengruppen am Sonntag. Fortbildungen der Gewerkschaft. Sie sinken ein und kratzen ihre Tags in den Beton einer Gesellschaftsordnung, die vorschreibt, dass Frauen die Kinder versorgen und Männer vögelnd durch die Gegend ziehen.
Unsere Hosen werden von Frauen gemacht, das heißt, Gruppen von Frauen. Haushalte, in denen drei Frauen ihren Haufen von Kindern großziehen. Frauen, die gelernt haben sich durchzusetzen. Frauen, die sich nicht darum scheren, wie ihre Arbeitsrechte aussehen. Frauen, die abends ihre TeleNovela gucken und damit zumindest relativ glücklich sind. Sie werden geschädigt. Sie werden misshandelt. Aber sie ernähren ihre Kinder. Die Dinge werden so einfach, wenn es um die Basalia geht. Wandel ist schwierig und langsam.

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Elektronische Lebensaspekte.