Der ehemalige Metal-Fan Jason Kohnen fantasiert sich mit Hilfe von Sample-CDs in die Rave-Zeit von ‘92 zurück. Originaler wird's nicht.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 118

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Der einzig wahre Nostalgiehammer
Glowstyx

Hier bei uns in der Ravezentrale ist die Zeit rings um 1992 ja immer noch in marmornen Lettern ins Fundament gemeißelt. Bringt Rave zurück! Will eigentlich jeder. Ständig. Und mitten in der NuRave-Blase passiert es nicht selten, dass eine Crew englischer Kneipen-DJs die Qualitäten der frühen 90er wiederentdeckt und ein Oldschool-Hit den nächsten jagt. Bei den Bands, die dann als NuRave laufen, merkt man davon allerdings, abgesehen mal vom Kleidungsstil, immer viel zu wenig, wenn überhaupt noch etwas davon übrig bleibt. Da muss jemand anderes her, der einem diese Zeit wiederbringt. Und wir haben ihn gefunden.

Jason Kohnen aus dem schönen Holland! Ausgerechnet. Bekannt ist er vor allem durch Bong-Ra, knüppelnde schräge Breaks, die Erfindung immer neuer Genres wie Yardcore oder Raggacore auf seinen beiden Labeln Clash und Kriss und dem massiven Output auf Labeln wie Ad Noiseam. Bevor er 1997 zu Bong-Ra mutierte, war Jason in diversen Grindcore- und Metalbands unterwegs, mittlerweile wechselt er mit jedem neuen Release den Stil. Und dieses Jahr gibt es neben seinem digitalen Grindcore-Album mit einem japanischen Sänger (“die härteste Band der Welt”) unter dem Namen Deathstorm, seine Erinnerung an Metaltage (mit Bonusbreaksgewitter) auf “Full Metal Racket”, dem Album vom “Kilimanjaro Darkjazz Ensemble“ und dem Avant-Doom-Album “White Darkness“ eben auch Glowstyx, das so klingt, als hätte einen Dr. Who eben mal mitten ins Raveungetüm 1992 mitgenommen. Hochgepitchte Vocals, schaurig schöne Pianos, leichte einfache Breakbeats, moderates Tempo und viel breiter breiiger Synthesizer und vor allem: Melodie! Euphorie! RAVE eben. Ein Album, das keinen Zweifel daran lässt, dass hier jemand Rave nicht nur in und auswendig kennt, sondern den Sound so verinnerlicht hat, dass er auf einmal wieder genau so klingt wie damals.

Alles an Glowstyx ist Licht, Party, Technicolor, Psychedelik und Extasy. Wer an ein Rave-Comeback glaubt, der kommt an Glowstyx einfach nicht vorbei.

Was war die Grundidee für Glowstyx und der Klasse von ’92?

Bong-Ra: Es begann, weil ich so ein fanatischer Sammler von Sample-CDs bin. Ich suche gerne danach in alten Plattenläden, oder auch – mittlerweile – im Netz. Vor drei, vier Jahren habe ich zufällig ein paar Sample-CDs aus dieser Zeit gefunden. Und dann fing ich an, Sample-CDs mit klassischen Breakbeats und Ravesounds zu sammeln. Die mit den wirklich furchtbaren Covern. Man kann die wirklich schon nach den Covern finden. Sehr viele wirklich schlimme Vocals waren da drauf. Aber alle Vocals auf dem Album stammen von den CDs. Umgeschnitten und editiert zwar, aber von den Sample-CDs. Nachdem ich eine Sammlung von drei bis vier Gigabyte zusammenhatte, dachte ich mir, es wäre doch interessant, ein Projekt anzufangen, das mit all dem puren Material dieser Zeit arbeitet, und ein Album zu machen, bei dem, wenn es jemand spielen würde, nicht klar wäre, ob es nun 1992 produziert wurde oder heute. Ich hab also versucht, es auch technisch bei dem Sound zu lassen, den es damals gab. Klar, aufgrund meines Backgrounds konnte ich mich manchmal nicht zurückhalten, etwas zu viel zu editieren. Aber die Limitierung auf diesen etwas matschigeren Sound war ein großer Spaß. Und die Tracks habe ich dann zu Jason geschickt und er mochte sie. Ich hatte auch das Gefühl, dass es etwas ist, das mir viel zu lange gefehlt hat. Dancesongs, die sich mehr auf die Melodie und die Songs konzentrieren. Heutzutage ist alles zu sehr auf den technischen Aspekt reduziert. Zu sehr auf den Dancefloor und die Produktion und den Aufbau, den man dafür zu brauchen denkt.

Wie schwer war es für dich, es nicht zu übertreiben?

Sehr schwer. Bei ein paar Tracks konnte ich mich einfach nicht zurückhalten aber ich habe sehr viel wieder zurückgeschnitten. Ein paar der minimalen Edits habe ich drin gelassen, weil ich dachte, das gibt ein klein wenig mehr Energie. Aber meistens waren das Sachen, die man damals auch hätte tun können, auch wenn es damals selten so zerschnitten war und mehr Aufwand gebraucht hätte, aber so ist es halt ein kleines Augenzwinkern für die Zeit, in der die Dinge etwas komplexer wurden. Eine der Überlegungen war auch, wie sehr man es damit vergleichen könnte, wenn eine Band in ein Studio geht und mit alten Instrumenten und Aufnahmeequipment aus den 60ern oder 70ern ein Album produziert, das wie damals klingt.

Was ist für dich an diesem Jahr, das dich so fasziniert?

Ich bin ja schon etwas älter. Und die Zeit war für mich genau die erste Zeit, als ich auf große Raves gegangen bin. 1992 war ich gerade 20 geworden. Hatte die Schule gerade hinter mir, und als Spätzünder fing eigentlich meine Jugend gerade erst an. Ich war so jung. Vorher war ich ja nur an Gitarrenmusik interessiert. Ein richtiger Metalhead. Und ’92 waren es dann nicht nur die ersten Partys, sondern auch Drogen. Das war alles ein großer Wandel in meinem Leben. Das alles hat mein Leben und die Art, wie ich denke, sehr stark verändert. Und ich muss sagen, es war wirklich besser für mich. Von der wirklich abgestandenen, sehr straighten Metalszene, in der man immer Bier trank und in der gleichen Bar rumhing, endete ich auf einmal auf diesen großen Raves mit so vielen Leuten, die alle miteinander gut klar kamen, und ich mittendrin und keine Ahnung davon, wie es eigentlich ist. Da habe ich Extasy probiert und puh, das war einfach eine andere emotionale Welt, speziell wenn man gerade erwachsen wird. Da haben sich ganz andere Gefühle zur Musik entwickelt. Das war schon Mind-Blowing, speziell wenn man es nicht gewöhnt ist … Es war einfach eine sehr verrückte Erfahrung. Dieses Gefühl, dass so viele Menschen zusammen so glücklich sein können, wirklich merkwürdig. Später realisiert man dann, was daran, wenn man das so sagen kann, “fake” ist.

Oder warum es nicht wirklich “fake” ist, aber auch nicht wirklich real.

Das Glowstyx-Album soll das Gefühl transportieren, das man zu so einer Zeit hat. Das Gefühl, jung zu sein, die Energie, dieses erste Mal beschreiben, die Freiheit, einfach nur Auszugehen und mit Freunden zu feiern. Dieses Gefühl, gegenüber der Welt unschlagbar zu sein. Das bekomme ich immer, wenn ich solche Tracks höre. Es scheint, als wäre damals immer Sommer gewesen. Immer gutes Wetter und nichts konnte schief gehen. Das ist schon ein wenig nostalgisch, aber die Energie dieser Musik macht es wirklich sehr kraftvoll und so voller Jugend.

Dein anders Album, das gerade erschienen ist, “Full Metal Racket”, blickt auch zurück.

Ja. Ich weiß auch nicht, ob das Zufall ist. Oder weil in meinem Leben gerade etwas anderes passiert. Aber ich habe es auch spät realisiert, dass es zwei Alben sind, die eine Phase der Vergangenheit in meinem Leben beschreiben.

Wie hast du die beiden Szenen damals zusammengebracht?

Es war schon hart. Ich hab mich einfach gesplittet. Zwei verschiedene Welten. Zwei verschiedene Szenen und verschiedene Freunde in jeder. Vermutlich ist das auch einer der Gründe, warum die Musik, die ich mache, so verschieden ist. Meine Metalfreunde kamen natürlich nicht zu den Raves mit, das war Blasphemie, und meine elektronischen Freunde hassten Metal. Das war denen viel zu hart. Für mich ist es aber kein Problem, Rave mit Metal zu mischen oder überhaupt alles zu mischen. Naja, sagen wir mal, für mich war es damals eigentlich ganz normal, aber das war bestimmt nichts, was normal war. Jedenfalls habe ich nie Überschneidungen gefunden.

Es gibt auf deiner MySpace-Seite ein Livevideo. Spielst du Glowstyx wirklich so?

Ja. Ich will zwar nicht viele machen, aber wenn, dann sollen sie auch wie 1992 aussehen. Die Tänzer auf der Bühne, die die ganze Zeit performen, und ich bringe meine Synthesizer mit und dann all dieses überbunte Video. Die Shows werden schon viel Spaß machen. Das nimmt einem als Musiker auch ganz schön viel Aufmerksamkeit weg, wenn da so kitschige Tänzer vor einem rumfuchteln.

Das sieht ziemlich “fake” aus alles, aber so waren Liveshows damals eben.

Ja, allerdings. Ich habe eine ganze Menge Videos von Phantasia und so was. Das ist einfach sehr amüsant anzusehen und wirklich ziemlich surreal.

Was hältst du von Nu Rave?

Es ist schwer für mich, den Terminus zu verstehen. Das Wort Rave ist so ein großer Bestandteil meines musikalischen Vokabulars, für mich verbindet sich das eben automatisch mit Breakbeat und mit den Raves damals. Das erste, was ich von Nu Rave gehört habe, waren die Klaxons und ich dachte mir, vielleicht hab ich einfach den falschen Clip gesehen, weil das mehr wie eine softe Version der Queens Of The Stoneage klang. Ich hab mehr darauf gehofft, dass das alte Rave wieder zurückkommt. Was ja immer noch nicht so wirklich geklappt hat.

Es gab ja immer wieder Rave-Comebacks.

Ja, aber es ist nie so wirklich angekommen. Ein paar der Sachen klangen aber auch einfach nicht so wie damals. Der Charme der alten Ravesongs, eben genau die Idee, das songbasiert zu machen und sehr melodisch, ging dabei einfach immer verloren. Die Essenz war irgendwie nie da.

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Elektronische Lebensaspekte.