Man vergisst leicht, dass nicht nur Männer auf nackte Männer stehen – und daraus eine dezidierte Ästhetik basteln. Auch Frauen gucken gerne auf Schwänze und bestimmen selbst, wie sie ins Bild hängen sollen. In ihrem Magazin "Glück" inszenieren die beiden Kölnerinnen Nicole Rüdiger und Elke Kuhlen nackte Männer für Heterofrauen und nähern sich damit der Ästhetik-Frage dieses Specials von der anderen Seite.
Text: Chris Köver aus De:Bug 104


Glücks-Magazin // Schwänze statt Schminktipps

Elke Kuhlen (27) und Nicole Rüdiger (26) haben ein Faible für nackte Jungs. Nicht die Sorte, wie man sie auf “Man’s Health”-Covern antrifft, sondern eher die, wie sie am Sonntagmorgen übernächtigt und zerknittert beim Bäcker steht. Oder am Abend vorher hinterm DJ-Pult. Den normalen Slacker von nebenan eben. Und weil sie sich dachten, dass sie womöglich nicht die einzigen Frauen mit einer solchen Vorliebe sind, veröffentlichen sie seit vergangenem Sommer im Selbstverlag “Glück”, ein Pornoheft von Mädchen für Mädchen.

Bis vor kurzem hieß “Glück” noch “lecker”. Dann aber hat der Heinrich-Bauer-Verlag, der unter diesem Titel bereits eine ganz und gar jugendfreie Kochzeitschrift vertreibt, den beiden untersagt, den Namen zu verwenden. So heißt die im Februar erschienene zweite Ausgabe jetzt also “Glück”, das Konzept ist jedoch nach wie vor dasselbe. Auf den ersten Blick erinnert das 60 Seiten starke Magazin, das in einer Auflage von 1.000 Stück erscheint, ein wenig an die Spex: hübsches Layout, pastellige Farbgebung, Fotos in Schnappschuss-Ästhetik. Und tatsächlich finden sich in “Glück” auch Artikel zu Indie-Rockern wie den Test Icicles, Finn oder Studio Grande, Filmkritiken und Mixtape-Listen. Daneben bietet “Glück” jedoch auch jede Menge Bilder nackter Jungs mit wahlweise stehenden oder hängenden Schwänzen – fotografiert in Badewannen, auf Sofas, neben Staffeleien oder in WG-Küchen. Im aktuellen Heft findet sich außerdem ein Interview mit Charlotte Roche, ein Artikel zu Regisseur Lary Clark, eine Anleitung zum perfekten Lick-Job sowie ein Haufen weiterer Sexrubriken (“Jungs erklären Schwänze”, “Ausfluss: Das Ekel im Höschen”), Illustrationen und Produktempfehlungen (“Schnickes, den wir brauchen”).

Debug: Wie kamt ihr auf die Idee, ein Porno-Heft für Mädchen zu veröffentlichen?

Nicole Rüdiger: Es gab für Mädchen, die sich nicht für den muskelbepackten Typen am Bergsee interessieren, bisher leider kein Medium, um nackte Jungs zu sehen. Das fanden wir sehr schade.

Wie würdet ihr das Konzept von “Glück” beschreiben?

Der Junge von nebenan ist nackt mit einer Erektion zu sehen. Niemand wird ausgeleuchtet, keine Schminke, alles wird so gezeigt, wie es ist. Das gilt übrigens auch für unsere Texte. Wir wollen über Inhalte schreiben, die in anderen Frauenmagazinen ausgegrenzt werden, über Dinge, die Mädchen aus ihrem alltäglichen Leben kennen, die aber normalerweise nicht angesprochen werden. Wir interessieren uns nun mal nicht für die neuesten Schminktipps oder dafür, was man in Paris gerade so trägt. Bei uns geht es auch nicht darum, wie eine Frau einem Mann, sondern im übertragenen Sinne sich selbst gefallen kann.

“Glück” ist einerseits sehr aufwendig und professionell gestaltet und hebt sich damit eindeutig von der Copy&Paste-Ästhetik anderer Fanzines ab. Andererseits sind eure Fotostrecken bewusst amateurhaft und ungestylt gehalten.

Ja, das Layout sollte mädchenmäßig schön wirken, denn uns war wichtig, dass das Heft nicht schmuddelig wirkt, sondern für Mädchen ansprechend ist. Durch das hübsche Layout verliert das Heft das Anstößige. Die Fotostrecken sollten hingegen den Jungen von nebenan zeigen, wie er ist, eben nicht auf Hochglanz getrimmt.

Wolltet ihr mit euren Nacktaufnahmen eine bestimmte neue Ästhetik definieren?

Unser Look ist, dass es keinen gibt, außer dass die Jungs nackt sind und eine Erektion haben müssen. Keine Ausleuchtung, kein Schnickschnack. Der Rest ist dem Fotografen überlassen.

Ihr arbeitet für eure Fotostrecken ausschließlich mit Laien-Models. Wie bringt ihr diese Männer dazu, sich für euch auszuziehen?

An die Jungs kommen wir hauptsächlich durch Mundpropaganda. Die meisten kannten wir vorher gar nicht. Deshalb ist es umso unglaublicher, dass sie bereit sind, sich für das Heft auszuziehen. In der Regel wissen sie vorher nicht, was auf sie zukommt.

Als Pornomagazin für Mädchen verschiebt “Glück” das klassische Blickverhältnis von Pornografie, bei der üblicherweise angezogene Männer nackte Frauen fotografieren und betrachten. Macht es aus eurer Sicht einen Unterschied, ob eure männlichen Models von einem Mann oder einer Frau fotografiert werden?

Fast alle Jungs sagten, dass sie sich von einem Mann nicht hätten fotografieren lassen. Aber ich glaube, um zu verstehen, was wir machen, sollte man wissen, dass wir uns bei “Glück” gar nicht so viele Gedanken über politische oder feministische Fragen gemacht haben. Wir wollten einfach nur ein gutes Pornomagazin für Mädchen rausbringen.

Habt ihr nicht? Ihr bezeichnet “Glück” als “ein Pornoheft von Mädchen für Mädchen”, interviewt Vorzeigefeministinnen wie Charlotte Roche zur Notwendigkeit von Frauenpuffs und weiblicher Selbstbefriedigung und stellt Mädchenbands und Existenzgründerinnen vor. Das hört sich für mich sehr nach einer Agenda an, wie sie auch von vielen 3rd-Wave-Feministinnen vertreten wird.

Wir haben “Glück” nicht bewusst als feministisches Projekt konzipiert. Zumindest wird der Feminismus bei uns nicht groß auf die Fahne geschrieben. Was nicht heißt, dass dieser Aspekt nicht ins Heft hineingelesen werden kann. Wir finden einfach, dass es wirklich tolle Frauen fernab von Nicole Kidman und all den anderen Hollywood-Barbies gibt, über die mal berichtet werden sollte. Wir wollen uns nicht explizit vom Feminismus distanzieren, aber es ist auch nicht so unser Ding.

Euer Heft richtet sich eher an Mädchen, könnte aber theoretisch auch schwule Männer begeistern. Habt ihr eine Idee, wie sich eure Leserschaft zusammensetzt?

Unser Heft wird hauptsächlich von 18- bis 35-Jährigen gelesen. Basierend auf den Bestellungen können wir außerdem davon ausgehen, dass “Glück” etwa zu gleichen Teilen von Jungs und Mädchen gekauft wird.

Wie finanziert sich “Glück”? Trägt sich das Heft selbst oder versteht ihr das eher als Hobby, in das ihr auch Geld zu investieren bereit seid?

Das Heft wird komplett von uns selbst finanziert. Wir arbeiten beide beim c/o pop Festival in Köln und betreiben “Glück” als Hobby. Wir machen alles selbst, sitzen z.B. abends zu Hause und verpacken die Hefte. Auch die Autoren/innen, Fotografen/innen und Designer/innen, die bei “Glück” mitarbeiten, tun es für die Sache. Zurzeit haben wir noch nicht mal richtige Anzeigenkunden, durch die sich zumindest der Druck finanzieren lassen würde. Wir haben das Heft aber auch nicht konzipiert, um damit Geld zu verdienen. Der derzeitige Erfolg und die Aufmerksamkeit, die wir von den Medien bekommen, überraschen uns selbst. Wenn es dennoch so kommt, freuen wir uns natürlich. Wenn nicht, machen wir trotzdem weiter.

Was erhaltet ihr für Reaktionen auf das Heft? Und was sagen eure Familien dazu, dass ihr jetzt Karriere als Porno-Verlegerinnen macht?

Die Reaktionen sind total gemischt, von “super” bis “widerlich”. Als ich meinem Vater von dem Projekt erzählte, war er einfach nur froh, dass ich mich nicht selbst für ein Magazin nackt ausgezogen habe. Natürlich würden meine Eltern es lieber sehen, wenn ich statt einem Pornoheft vielleicht ein Angelmagazin rausgeben würde. Beim Korrekturlesen helfen sie aber trotzdem.

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Elektronische Lebensaspekte.