Text: tobi aus De:Bug 11

Vom Segen der Armut Turby Schmidt vitz1101@uni-trier.de Rainald Goetz Rave / Suhrkamp Verlag 274 S. In Rave erzählt Rainald Goetz biographisch vom Nachtleben der “großen” Frankfurter und Münchner Techno-DJs, von sich in der Nähe dieser, vom Drogen konsumieren und besorgen, von allerlei Mäuschen, von Clubs, Mayday und raven auf Ibiza. ”Die Zeit wird kommen, sprach der Herr, da ich zu den Menschen sprechen werde. Und er nahm sich als Werkzeug die Members, die da waren: Members of Mayday. Er sprach: sehet her und kommet alle, denn ihr seid alle Teil von meinem Reiche, das da kommen soll, das königreiche Königreich der Räusche und Geräusche. Dann gab er seiner Musik diesen Namen: Sonic Empire.” Eine Art “Ave” sollte die Erzählung werden, eine Lobpreisung der prolligen Ravekultur. Seine Könige sind Westbam, Sven Väth, Maurizio, Goodgroove, Hell u. a. In deren Nähe hält sich RG offenbar ununterbrochen auf, schaut ihnen beim Mixen zu, nimmt mit ihnen Unmengen Drogen. Man fachsimpelt, klopft sich gegenseitig auf die Schulter, kuschelt mit dem großen Laarmann und verteilt reichlich Seitenhiebe und Fußtritte an Medienschaffende, Musiker, DJs, und Journalisten. Es ist eine Männerwelt, von der Rave erzählt, das Frauenbild RGs ist zum Davonlaufen. Sie werden durchweg als süße Mäuse bezeichnet, tragen kleine Fellchen, sind brutal süß bis sie irgendwann als eher “kaputte, sogenannte Kokain-Geräte” enden. ”Die Drogenkultur kriegt man als Typ von den Mädels beigebracht. Die Mädels machen einem das vor. Das ist gewissermaßen Teil des sogenannten geheimen Wissens der Frauen, daß sie per Praxis praktisch weitergeben, an unsereinen.” Teil der ureigensten Bestimmung der Frau ist es also, den heldenhaften, reinen Mann mit der verbotenen Frucht zu verführen? Was soll das? Emanzen ärgern? Ironie gar? Teils zwischen den Zeilen teils offensichtlich dringt eine latente, nicht ausgelebte homosexuelle Faszination an die Oberfläche, welche durch die an anderer Stelle diffamierende Darstellung schwuler Männer und der grundsätzlich totalitären Erzählweise/Heldenverehrung geradezu nazihaft grotesk wirkt. Als ein Amokläufer von seinem Balkon aus mehrere spielende Kinder erschießt, differenziert Rainald Goetz zwischen “nichtausländischen und ausländischen” Kindern. Wenn House/Techno einem Pathos unterworfen ist, auf das sich wohl jeder Raver einigen sollte, ist das wohl die Liebe die über allem steht/stehen sollte. Über ethnische, moralische Grenzen hinweg feiern, Spaß haben. Goetz ersetzt diesen romantischen Grundgedanken der House/Technokultur durch Persönlichkeitskult, Patriotismus und Ignoranz. Den momentan funktionierenden Vibe erhalten und sich gegen Modernität, die nicht aus dem eigenen Lager kommt, verschließen. ”Das reale Körperding des ProlligenÓ, sieht Rainald Goetz Òin wechselseitiger Angst und Bedrohung zur intellektuellen Medienkritik.” Der Intellektualität wird eine andere “Klassenzugehörigkeit” zugeordnet, wodurch sich jeglicher analytischen Ansatz zur Kritik der Rave betreffenden Pop-Phänomene pauschal als nicht zuständig oder unqualifiziert verbietet. …”es zum autonomen Urteilsereignis, zum Urteilsvorgang…zwischen Beirrbarkeit und Eigensinn, Wissen und geistiger Blankness, einfach geschehen lassen können, ohne einzugreifen…” möchte RG und stört sich nicht an Widersprüchen, Inkompetenz, Intoleranz und Haß. Schöner Spaß. Im letzten Kapitel nennt RG seine Erzählung dann “Geschichte mit Finsternisskern und dem bösen Held, mit der total geschlossenen Handlung…”. Man wünscht sich Fiktion um das Gelesene zu ertragen, wünscht sich erdachte Personen oder wenigstens Namenänderungen. In der vorliegenden (Ver)Fassung ist Rave verabscheuungswürdig, infantil, humorlos und böse. ZITAT: Schöner Spaß.

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Elektronische Lebensaspekte.