Entertainment in Techno wird größer und größer geschrieben. Der Zürcher "Golden Boy" und die Französin "Miss Kittin" haben sich deshalb zusammengetan, um die zwei Welten "Pop" und "Techno" miteinander zu verweben. Ohne wenn "or" aber.
Text: kerstin schäfer | kerstin@debug-digital.de aus De:Bug 51

techno

Kittywalk im Eurobeat
Golden Boy with Miss Kittin

Ginger Rodgers und Fred Astaire tanzen den Moonwalk. So könnte man “Golden Boy with Miss Kittin” in Kino-Metaphern fassen, denn ihr gerade erscheinendes Debut “or” auf Ladomat vereint ebenfalls zwei Welten. Die befinden sich bei Golden Boy with Miss Kittin zwischen ergreifenden Melodien nebst Gesang (Pop) und der geraden Bassdrum im allgemeinen (Techno). Das scheint gerade in letzter Zeit nicht neu zu sein, doch der Kontext von Techno und Pop geht hier noch weiter. Die Kollaboration von Ginger und Fred fungiert dann im übertragenen Sinne: Wo Stefan Altenburger alias Golden Boy auf Miss Kittin trifft, liegen die Schnittstellen zwischen dem klassischen Rollenmodell Produzent / Sängerin, aber auch die zwischen Pop-Präsentation und Indie-Hintergrund im Umfeld elektronischer Musik. Und als Menschen in der Kombination um so schöner. Da haben die beiden mit dem tanzenden Paar aus den goldenen Fünfzigern einiges gemeinsam. Nicht nur das “golden”. Den Moonwalk benötigen die beiden dann nur zur Illustration – die Ausführung übernehmen wir für sie. Denn Golden Boy with Miss Kittin heißt besonders eines: Tanz dich ins Glück und lächele dabei.

(Role) Model
Kleiner Reminder: Die französische DJ Miss Kittin alias Caroline Herve hat uns in der Vergangenheit schon die eine oder andere Sternstunde nicht nur mit ihren funky Sets beschert. Mit Releases auf Gigolo und in Zusammenarbeit mit anderen Musikern wie Hacker brachte sie die Stimme als wesentliches Element in den Bereich elektronischer Tanzmusik zurück. Die ihr eigene Art Texte einzusprechen, löste sich von der des üblichen Gebrauchs, also des Singens oder Samplens. Die Rollenverteilung entsprach dabei der klassischen Art, Sängerin/ Produzent, wurde aber gleichzeitig durch Miss Kittins Position als female DJ in der Öffentlichkeit verschoben. Auch bei Golden Boy with Miss Kittin trifft man auf dieses Modell, muss aber beachten, dass sie bei nur vier von insgesamt acht Stücken auf dem Album zu hören ist. In diesem Sinne auch die Namensgebung des Projektes. Der Züricher Stefan Altenburger alias Golden Boy kann als der Mastermind von “or” betrachtet werden. Mit Releasen auf Source, Bruchstuecke oder Matrix unter dem Alias Klettermax hat er bereits ein mögliches Spektrum von minimal-technoider Elektronik und das des Live-Sets im Clubkontext ausgetestet und sich innerlich für den großen Showdown mit “or” vorbereitet.

Einfliegen zum Showdown

Die Zusammenarbeit sieht so aus: Stefan bereitet die Arrangements vor, Caroline fliegt ein und legt los. Für Stefan der unberechenbare Moment, aber fürs Gesamte ungemein hilfreich, da Caroline am besten unter Zeitdruck kreativ ist. Sie kommentiert dazu: “Die Zusammenarbeit ist sehr interessant. Wir entdecken eine neue Chemie und gehen ein Wagnis ein. Es ist in der Vergangenheit auch schon was schief gelaufen bei mir. Aber Stefan fordert mich. Er ist ein harter Kritiker, aber ‘bad critics are always good critics’. Wenn es nicht schnell gehen muss, habe ich auch keine guten Ideen. Ebenfalls gut ist die Auswahl des Equipments bei Stefan. Die Arbeit verläuft jetzt ganz anders als früher mit Low Tech, ich entdecke dadurch mein Potential, so wie ich auf ‘or’ ja auch zum ersten Mal singe.” Stefan dazu: “Ich lerne am meisten von Caro durch ihre Spontanität. Caroline nimmt auch ihre Erfahrungen als DJ, die ich ja so nicht habe, dazu und lässt sie in die Produktion mit einfließen.” Ab da verändert sich das Verteilen der Rollen. Beide versuchen die Produktion als etwas Gemeinsames zu entwickeln. Carolines Weg zum Gesang auf “Rippin Kittin”, der ersten Veröffentlichung aus “or”, sagt ebenfalls viel über ihre Suche nach Veränderung, nach offenen Türen aus. Caroline: “I need to be entertained too!”
In der Live-Präsentation haben Golden Boy und Miss Kittin alle Joker in der Hand. Caroline singt, spricht, und Stefan schraubt und schiebt die Maus. Man könnte jetzt wieder in das alte Rollenschema verfallen, wenn es nicht so unglaublich bezaubernd wäre, was in diesem Moment auf der “Bühne” passiert. Denn Miss Kittin hält dabei die Fäden von Pop-Präsentation (man kann auch mitsingen) und Elektronik zum Tanzen mit dem Mikrofon in ihrer linken Hand. Stefan zeigt sich im goldenen Hemd. Golden Boy eben. Der Moment der Show ist perfekt, dabei aber zum Greifen nahe und sehr persönlich.

Ohne wenn “or” aber

Golden Boy with Miss Kittin schlagen dann auch eine Bresche zwischen Melodiösem und Reduziertem. Die Melodien sind eingängig und klar, die Bassline gibt die Richtung vor und darf auch mal Euro klingen, der Aufbau der Tracks ist sehr einfach – das, was zelebriert wird, ist eindeutig Pop. Stefan antwortet auf die Frage nach der Idee hinter Golden Boy: “Es gibt keinen großen theoretischen Background bei Golden Boy. Es ist einfach nur Musik, mit der man Spaß haben soll, die auch schon von alleine Spaß initiiert. Es soll nichts transportiert werden außer der Musik selbst.” Caroline veranschaulicht: “Wir brauchen Musik, zu der man unter der Dusche singen kann!” Mit der Veröffentlichung auf Hamburgs most wanted Ladomat ist der nächste Schritt ans Licht getan. Denn was Stefan an Ladomat am meisten mag, die Vielseitigkeit der Stile und die Konzeption des Labels, ermöglicht eine solch freie Definition von elektronischer Musik mit großen Popausflügen, wie auf “or”.

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Elektronische Lebensaspekte.