Wenn Keith Kenniff als Helios nicht an der Schnittstelle zwischen Indie und Elektronika arbeitet, schlüpft er als Goldmund hinter das Klavier seiner Eltern und spielt sich die Seele aus den Fingern.
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 126


Wenn Keith Kenniff als Helios nicht an der Schnittstelle zwischen Indie und Elektronika arbeitet, schlüpft er als Goldmund hinter das Klavier seiner Eltern und spielt sich die Seele aus den Fingern. Hinter den verträumten, schnörkellosen Stücken versteckt sich aber kein Liebeskummer, sondern vielmehr der amerikanische Bürgerkrieg oder, wie auf seinem neuen Album, Seitenhiebe in Richtung Establishment der klassichen Musik.

Sind wir doch mal ehrlich: Wenn ein Stück von Keith Kenniff aka Goldmund läuft, scheint jegliche andere Musik weit weg, ganz weit weg. Der Grund dafür ist einfach: Bei Goldmund geht es um die direkte Konfrontation mit Schönheit. Keine Experimente. Kenniffs Kompositionen sind so intim und persönlich, dabei so dicht und luftig zugleich, dass gar kein Raum für Sounddesign bleibt.

Das schwingt jede Sekunde ganz automatisch mit, in der Handwerkskunst des namenlosen Klavierbauers, der, lange bevor Kenniff auf die Welt kam, all seine Liebe und Herzblut in das Instrument steckte, um etwas Großes zu erschaffen, etwas, das auch der Zahn der Zeit nicht zerstören, sondern höchstens noch einzigartiger, spezieller, individueller machen kann. Ein gutes Mikrofon, präzise platziert und schon kann jedes noch so clevere Sounddesign, jede Software einpacken. Zaubertricks haben in der Nähe von Klavieren nichts verloren.

Für all diejenigen, für die eine Klavierkomposition erst dann gut ist, wenn sie in endloser Kleinarbeit durch Motherboards und über Algorithmen gelaufen ist, der Charakter der Klangquelle bis zur Unkenntlichkeit verfremdet wurde, ist hier Schluss. Wir brauchen euch nicht und eure pseudo-experimentellen Kompositionen, eure löchrigen Konzepte mit denen ihr nur eure Einfallslosigkeit vertuschen wollt auch nicht.

Wohlklang, und genau darum geht es ja bei Goldmund, ist keine Weichspül-Oper, sondern vielmehr der mehr als mutige Beweis dafür, dass man Ideen und Visionen auch einfach so ausdrücken kann, wie man sie selber fühlt. Goldmunds zweites Album, The Malady Of Elegance, ist die perfekte Bestätigung dafür. Den Rest erklärt der Amerikaner selber. Klare Worte eines Komponisten, dessen Stücke zwar manchmal überbordend, aber nie laut sind.

De:Bug: Dein Piano ist:

Goldmund: … nicht mein eigenes. Ich habe nie selber eines besessen. Meistens nehme ich bei meinen Eltern in Pennsylvania auf, wenn ich dort ein paar Ferientage verbringe. Es ist einfach ein Klavier, keine besondere oder berühmte Marke.

De:Bug: Was macht dieses Piano aus?

Goldmund: Es hat ein Dämpfungs-Pedal. Diese Ruhe im Klang fasziniert mich. Egal, wie hart man in die Tasten haut … es klingt nie aggressiv.

De:Bug: Wie muss ein Tag bei dir beginnen, damit es ein Goldmund-Tag und kein Helios-Tag wird?

Goldmund: Na ja, zunächst muss ein Klavier in der Nähe sein. Vor einer Weile spielte ich ein Konzert zusammen mit Hauschka in Boston. Die Veranstalter haben uns einen Steinway hingestellt und ich wollte gar nicht mehr aufhören. Mir machen beide Projekte Spaß, auch wenn sie aus meiner Sicht ganz anders funktionieren, schon in der Entstehung. Goldmund ist Improvisation, eine ganz lockere Angelegenheit. Bei Helios hingegen verwende ich viel Zeit auf Details und Programmierung. Es ist eine ganz andere Art des Arbeitens

De:Bug: Wenn “Corduroy Road” eine Reflektion über den amerikanischen Bürgerkrieg war, ist “The Malady Of Elegance”:

Goldmund: … nicht so spezifisch. Aber einige Themen, Geschichten und Gedanken aus dieser Zeit schwingen auch beim neuen Album mit.

De:Bug: Dessen Titel spricht ja eine klare Sprache. Was ist so krank und falsch an Eleganz?

Goldmund: Es ist eine direkte Replik auf das Publikum, dass normalerweise klassische Musik hört, es ist mir einfach zu verklemmt. “Moderne” Musik muss in deren Augen atonal und verrückt sein, darf nicht einfach zu begreifen sein, muss die Welt verändern, einen großen, bedeutungsschweren Überbau haben. Für mich ist das nichts. Das haben die Komponisten der 50er wie Morton Feldman, Cornelius Cardew schon überzeugend gemacht, sie haben wirklich Dinge verändert. Aber wir müssen doch weitermachen! Für mich ist klar, dass die Kunst immer dann gut und einzigartig ist, wenn sie die Art und Weise, wie wir über unsere Geschichte denken, formt. Einen solchen Ansatz fühle ich heutzutage nicht mehr. Zeitgenössische Musik, Musik, die uns heute im Hier und Jetzt definiert. Komponisten wie Bach, Stravinsky oder Cage haben den Geist ihrer Zeit in Musik übersetzt. Heute wird nur noch recycelt.

De:Bug: Und die perfekte Goldmund-Komposition?

Goldmund: Ich bin zum Beispiel immer dann sehr zufrieden, wenn mir Leute erzählen, sie wären beim Hören der Platte eingeschlafen.

De:Bug: Man ist bei Goldmund ganz nah dabei, hört das Knarren des Bodens, die Geräusche der Tasten. Wie wichtig ist das?

Goldmund: Die Mikros sind immer ganz nah dran, meistens sogar im Klavier selber, nahe an den Hämmern. Die meisten Klaviere, die mir zur Verfügung stehen, sind einfach sehr alt und ächzen, wenn man sie spielt. Das ist Teil des Klangs und Klang ist mir genauso wichtig wie die Komposition. Der Raum klingt immer mit, das merken dann auch die Hörer.
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Elektronische Lebensaspekte.