Deutsch-Thailändische- Freundschaft statt Deutsch-Amerikanischer-Freundschaft: Robert Görl geht ins Kloster. Zeit, um auf eine Biographie zwischen "Tanz den Mussolini" und "Final Metal Pralinees" zurückzublicken. Fazit: Geschorene Haare passen immer.
Text: carol gaier aus De:Bug 33

/von pop zu /techno Ich und Ich in der Wirklichkeit und Die stufenweise Entkörperlichung des Maschinisten Robert Görl Der Frühling 1981 war ausserordentlich warm. Zwar drohte mir das Missgeschick, in der 9ten Gymnasiums Klasse zum zweiten Mal hintereinander durchzufallen, aber eigentlich hatte ich damals sowas wie das Gefühl, Teil von etwas Neuem, Kommenden zu sein. Anzeichen dafür gab es eine Menge. In der Stadt Berlin gingen beinahe wöchentlich Hunderte von Schaufensterscheiben zu Bruch, überall in Europa begannen Leute, sich leerstehende Häuser unter den Nagel zu reissen, und eine neue Musik schien aufzuräumen mit allem Miefigen, Langhaarigen und Selbstgefälligem. In jenem Mittelkaff zwischen S und M, in dem ich wohnte, gehörte ich der kleinen Gruppe Jugendlicher an, die sich diffus als Punks betrachteten. In Ermangelung physischer Habhaftigkeit authentischer Exemplare jener neuen/gefährlichen Jugendkultur waren wir auf uns allein gestellt bei der Frage, was denn nun Punk sei; wie es aussieht und mit wem oder was wer provoziert werden sollte. Sowie es uns ohne weiteres gelang, der lokalen Hippieszene die hässliche Fratze der Toleranz herunterzureissen und manchmal sogar eine Popperparty zu sprengen, stand ausser Frage, dass bei jeder Ansammlung von Rockern die Beine unter die Arme zu nehmen und der Eintritt in eine Disko höchstens mit Hilfe komplizierter Ablenkungsmanöver der Türsteher zu bewerkstelligen sei. Eine komplette Kampfansage an alle Vertreter des Staates war natürlich obligatorisch und schlug sich fast zwangsläufig auf die schulischen Leistungen nieder. Aber das ist eine andere Geschichte. Ein paar Sachen schienen also klar, nämlich jene, die das “Aussen” betrafen. Für das “Wir” hielt ich damals mehr oder weniger alle, die mit diesem “Aussen” ebenfalls im Clinch lagen. Und so kam es, dass uns die subkultur-ideologischen Debatten, die in den wichtigen Metropolen oft auch mit den Fäusten ausgetragen wurden und sich um Kategorien wie “Künstlerkacke”, “Kommerzscheisse” oder “Prollkram” drehten, weitgehend verborgen blieben. Auf unserer kleinen Farm tanzten wir zu Heaven 17 genauso wie zu den Sex Pistols, Kleenex und den Einstürzenden Neubauten, um ein paar Namen zu nennen, die hängengeblieben sind. Im Verlauf jenes Sommers gelangte nun dieses diffuse Neue ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit, und eine Band namens Deutsch-Amerikanische Freundschaft spielte dabei eine herausragende Rolle. Ihr Hit “Tanz den Mussolini” gab denen, die sehen wollten, die Vorahnung auf eine Musik, die aus der Disco einen völlig anders funktionierenden Ort machen sollte. Zwei Jungs, die aussahen wie aus der Phantasie eines Schwulencomiczeichners: Gabi Delgado als Clichee des mediterranen, rassigen Superstechers und Robert Görl mit dem schaurig-schönen Sex-Appeal eines Lanzers. Beide in Lederklamotten und ärmellosen T-Shirts, kultisch schwitzend wie Maschinisten aus Propagandafilmen der sowjetischen Futuristen. Musik bestehend aus dem Kampf eines teuflisch präzisen Schlagzeugers mit den minimalen, schneidenden Loops der Maschinen, unterstützt von einem atemlosen, abgehackten Gesang, der mit ein paar parolenhaften Textzeilen auskommt.”Tanz den Mussolini…und jetzt den Jesus Christus und jetzt den Kommunismus” Wow, wenn das keine Antwort war auf “Eye of the Tiger”, Foreigner, Asia, und den ganzen anderen Dreck. Ausserdem eine ganze Ecke weiter als: “Sie ist ein Model und sie sieht gut aus..”. Überhaupt Kraftwerk. Zwischen ihnen und der Generation von DAF lag die Erfahrung von Punk. Der Spass an symbolischer Gewalt. Das Spiel mit dem Pathos. Besessener Maschinist vs. kalter Ingenieur. “Verschwende deine Jugend!” .Yes sir, I will. Düsseldorf Düsseldorf, dieses Grosskaff, das den Fluch des Dorfes im Namen stehts mitschleppt, war damals nicht nur der Ausgangspunkt dieser beiden Bands, sondern überhaupt das Zentrum einer gigantisch schillerndern Undergroundszene von internationalem Niveau. Auch wenn heute nichts mehr auch nur im geringsten daran erinnert: Ein Laden namens Ratinger Hof war für ein paar Jahre Schauplatz und Wohnzimmer für alle relevanten Spielarten von New-Wave, Punk und avantgardistischer Kunst. Hier formierten sich Bands wie Mittagspause, Der Plan, Fehlfarben, KFC. Traten nahezu alle wichtigen deutschen und britischen Acts auf ,trafen sich Künstler wie Beuys u. Knöbel und eben auch Robert Görl und Gabi Delgado. Görl war Ende 78 von einem halbjährigen Londonaufenthalt gekommen, wo er gewissermassen auf eine kulturrevolutionäre Situation gestossen war. Sehr bald hatten sie eine Bandbesetzung zusammen und die erste Platte unter dem Titel “Produkt der Deutsch-Amerikanischen Freundschaft” eingespielt. Gitarre, Bass Schlagzeug, Keyboards, Saxophon. Improvisierter Lärm ohne Gesang. Hörbar vielleicht für 3% der Free-Jazzfans mit Meskalinschaden – was weiss ich. 1980 folgte das Album “Die Kleinen und die Bösen”, das die Folie werden sollte für das Soundkonzept der späteren Erfolgsplatten. Noch in Bandbesetzung, bildete nun das Zusammenspiel von Drums und Sequenzer die rythmische Grundlage. Gitarre und Bass wurden zusammengestutzt, improvisatorische Elemente eingeschränkt. Der typische hackige Gesang von Gabi tauchte auf. Die Texte kennzeichneten den fantastischen Sarkasmus dieser Zeit. Zu einem pretechnoiden MS-10 Loop und jeder Menge anderem Lärm: “…Komm flieg mit mir davon auf einem Luftballon, ins Land der Fantasie, in die Bundesrepublik” , oder, in kaputter Kinderliedmelodie: “Die lustigen Stiefel marschieren über Polen..”. Das war der Stoff, der langhaarige Gutmenschen und gutbürgerliche Häuslebauer gleichermassen rot sehen liess. Es folgte die von Daniel Miller produzierte Single “Kebabträume”. Sie bildete den Höhepunkt und Abschluss der Bandphase von DAF. Nun wurde der Laden ausgemistet. Den Säuberungen fiehl auch C.Haas zum Opfer, der wenig später mit dem Projekt “Liaisons Dangereuses” und einem ähnlichen Konzept in Erscheinung trat. Delgado und Görl unterschrieben bei Virgin. Was folgte war die Platte “Alles ist gut” mit eben jenem “Mussolini” und der unerreichten Schwulenballade “Der Räuber und der Prinz”. Ein stolzes, stählernes Machtwerk, das die Begrifflichkeiten von Mainstream für eine Weile durcheinanderwirbeln sollte. Das war im Frühjahr 1981. Der Sound dieser Platte erschien wie von einem anderen Stern. Minimalistisch, mächtig und transparent. Nie zuvor hatten Menschenohren einen Synthesizer so gewalttätig und scharf nach vorne brettern hören; hätte ich mir damals gedacht, wenn ich in begrifflichen Unterscheidungen wie “elektronischen” und “konventionellen” Sounds gedacht hätte. – Hatte ich natürlich nicht, da ein Synthesizer alleine noch keine Waffe für erwähntes “Neue” war. Schliesslich gab es seit den Mitsiebzigern kaum eine Monsterrockband, die auf ihn verzichtet hätte. Entscheidend war vor allem die Attitüde, mit der ein verfügbares Instrumentarium verwendet wurde. Es gab hierbei quasi keine Variante, die es nicht gab. Rhythmuscomputer und Gitarren (FSK), Sequenzer und Drums (DAF), Kreissäge und Geige (Abwärts), und alle hatten diese Korg-Kiste. DAF verfolgte am konsequentesten die Vision einer elektronischen Dancefloormusik. Die visionäre Präzision, mit der sie an die Umsetzung gingen, machten sie reif für die Masse. Mit dem Horizont eines abgeschlossenen Studiums für klassisches Schlagwerk, moderne Musik und Jazz zeichnete sich in erster Linie Robert Görl verantwortlich für alles Kompositorische und Soundmässige. Mit den Charts begannen die Kontroversen. Bornierte Rockjournalisten warfen DAF mangelnde Echtheit vor, da bei den Liveshows aus Personalmangel mit Playbacktapes hantiert wurde, und natürlich wurde hier und da “Faschismus” geschrieen, aber im Grunde genommen kämpften die Vertreter des Alten gegen den Paradigmenwechsel. Was im Einzelnen diesen Vorwurf so unberechtigt erscheinen liess, vermag ich heute nicht wirklich zu erklären. Es war einfach klar. Manchmal waren es nur Kleinigkeiten, wie z.b. ein winziger Kiekser in der Stimme, wenn das Wort “BRD” gesungen wurde. Was folgte, waren Erfolge in ganz Europa und drei weitere Platten in kurzer Abfolge, gemacht nach dem gleichen Strickmuster. Zur Abnutzung dieses Konzepts kam die Tatsache, dass sich durch die bedingungslose Vermarktung des Begriffs “Neue Deutsche Welle” jeder abgehalfterte Deutschrocker und jeder runtergekommene Schlagerproduzent dazu ermutigt fühlte, mit irgendeinem Scheiss unter diesem Label auf den Markt zu stossen. 1984 war das Jahr der grossen Katerstimmung. Sachen mit deutscher Sprache waren mausetot. DAF lösten sich auf. -Vorerst. Robert Görl produzierte eine Solo-Platte mit Annie Lennox und studierte ein Semester lang Schauspiel in New-York. Dann kam es noch einmal zu einer Einigung zwischen dem Visionär und dem Selbstdarsteller. Aber gerade das übergewichtige Charisma des alten Images entpuppte sich als Bremsklotz für eine Neuorientierung. Die1986er “Brothers” Single in englischer Sprache wirkt von heute aus betrachtet wie ein halbherziger Versuch, Anschluss zu finden an die wichtigen Pop-Akts der Mid 80er wie Duran-Duran oder Depeche Mode. Also liess man’s bleiben. Schon vorher hatte Görl das Schlagzeugspielen aufgegeben und sich vollends (Görl:) “zur elektronischen Seite herübergeschwungen.” Achtung, wir verlassen den Körperarbeitssektor Görl:”Das war für mich getan. Schlagzeugspielen ist eine sehr schwitzige Angelegenheit, ich hatte alles ausgeschwitzt… Ausserdem auch besser geeignet für Anfang 20, kann ich da nur sagen. Wenn du über 30 wirst, fängst du an, dich zu fragen: Was schlägst du da so rum… Du bist dann einfach cooler, wenn du ein kleines Tippgerät bedienst, wo der gleiche Wumm herauskommt, also wirklich.” So spricht ein Mann, der keine halben Sachen und lange Sprüche macht. Fortan lebte Görl ohne konkrete musikalische Projekte in Paris, München und London, bis ihm 1989 ein fürchterlicher Autounfall die Tür zur Spiritualität öffnete. Görl:” Ja, das war fast schon klassisch. Ich hatte da infolge des Unfalls so ein Nahe-Tot-Erlebnis, was mir völlig neue innere Sichten vermittelt hat. Danach habe ich mich erkundigt, was da eigentlich abgelaufen ist. Na ja, und dann habe ich mir Bücher und komplette Sutren geholt und hab dann jahrelang das Dharma, die Lehren von Buddha, studiert und festgestellt, dass das genau die Sicht ist, die meinem Verständnis entspricht. Ein bisschen habe ich mich selbst gewundert, dass ich mir das Ganze reingezogen habe.” Die 90er Jahre im Schnelldurchlauf. Als Mitkonstrukteur heute herrschender Hörgewohnheiten fiel ihm der Einstieg in Techno nicht schwer. Die schwächer gewordene Bedeutung von Selbstinszenierung kam seinem Bedürfnis nach Reduktion auf das Wesentliche entgegen. Liveshows auf frühen Maydays und Loveparades, im Save the Robots(NY), usw. – die ganze Palette halt. Seit 1993 produzierte er vier Alben und diverse Maxis, die zu den erfolgreichsten bei Disko B zählen. Zunächst in Kollaboration mit DJ Good Groove und Kotai, später mit Bermingham Ikone Karl’O’Conner, entstanden – im Fall des aktuellen Albums in Eigenproduktion – straighte, elegante Machwerke. Klassische Moderne als Tracks sozusagen. Zum Abschluss des Lebensabschnitts als Techno Produzent und Performer hört die jüngste Platte auf den programatischen Namen “Final Metal Palinees”. Erschienen ist sie bereits nach seiner Abreise zu seinen Mönchsfreunden in Thailand (Rückkehr ungewiss). 2 Tage vor der Abreise, Epilog, Interviewsituation: Er: “Final steht in jedem Fall für einen Abschluss. Ich habe in den letzten 6-7 Jahren Technoveröffentlichungen gemacht, ich finde es nicht gut, irgendwo hängenzubleiben. Ich denke, dass, auch wenn ich zurückkomme, etwas Anderes beginnt.” (Ab hier: heiteres Aneinander-Vorbeigerede) Ich: “Zu der neuen Platte: Ich finde die auffallend lustig, die heiterste, die du bei Disko B veröffentlicht hast.” Er: “Ich finde sie auch recht bunt.” Ich: “Also, gerade auch im Vergleich zur Sexdrops, die in meinen Augen so eine Art Industrial-Appeal hatte.” Er: “Die Sexdrops? Siehst du, es gibt immer so verschiedene Auffassungen..” Ich: “Na ich meine dieses DAF-mässige, Dancefloorpogomässige, dieses..” Er: “Ich sehe aber genau das bei der neuen Platte noch mehr auf den Punkt gebracht…” Ich: “Die hat da aber auch zusätzlich noch Humor, während..” Er: “Kann sein, ich seh das halt eher so mit Farben. Es sind ein paar mehr Farbkleckser drin.” Ich: “Was mir noch aufgefallen ist, sie hat nahezu ein Tempo.” Er: “Ein Tempo?… Ja, es sind viele Stücke im selben Tempo..” Und irgendwann ging dann sein Flieger.

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Elektronische Lebensaspekte.