Wer wollte nicht schon immer seinen eingerosteten Schultanzkurs nachholen? Gotan Project bieten den perfekten Soundtrack dazu. Das denken auch Pepe Bradock, Peter Kruder und das Antipop Consortium, die fröhlich remixen.
Text: Kay Meseberg aus De:Bug 86

Standardtanz
Wohlgewienert mit Respekt und Antirespekt

Das Pariser Gotan Project beweist mit seiner Mix-CD “Inspiración – Espiración”, dass Tango, House, HipHop und Maßanzüge sich nicht beißen müssen.

Gotan Projects Debutalbum “La Revanche de Tango” hat sich 900.000-mal verkauft – weltweit. Das Projekt ist mehr als 200-mal live aufgetreten. Sie haben Generationen vereint. Das beeindruckt. Vom Erfolg des Erstlings ist die Band selber überrascht. All dies macht aber auch misstrauisch. Ok. Das sind einerseits The-Streets-Dimensionen. Andererseits ist Tango heute von Menschen besetzt, die in der Tat echte Tanzkurse besuchen.

Das Jahr 2000: Mit der 10Inch “Triptico” waren Gotan Project plötzlich da und haben auf die Tanzkursfrage eine Antwort gegeben. Mit ihrem Album “La Revancha del Tango” animierten sie Tänzer doch mal wieder eine Rose ins Gebiss zu klemmen und zeigten betagten Tanzschullehrern, dass die hüpfende Best-of-XY-CD nicht mit dergleichen ersetzt werden muss. Irgendwie waren Gotan für den Tango-Boom unter den schreibtischsteifen, tanzschrittstudierenden Irgendwiealternativlingen mitverantwortlich.

Ihre neue Mix-CD “Inspiración – Espiración” ist ein musikalischer Querschnitt der Live-Show. Die Stücke illustrieren die Bandbreite von uralt bis geraderaus – sind aber nie aufdringlich. Im Zentrum – klar – hauptsächlich Gotan-Stücke. Im Original, im Remix. Dennoch ergibt sich ein weiter eklektischer Bogen von Chet Baker bis zu den Mixen Peter Kruders, des Anti Pop Consortiums und Pepe Bradocks.

Der weite Bogen erklärt sich aus der Herkunft des DJs und Produzenten des Gotan Projects Phillipe Cohen Solal. Mit sieben Jahren beginnt seine Plattendiggerlaufbahn, die letztes Jahr dazu führte, dass er umziehen musste, weil sich die Platten peu a peu in der gesamten Wohnung verteilten und die Freundin rebellierte. Die Checkertum-Geschichte: Als der Teenager Phillip einmal seinen Onkel in Amsterdam besuchte, steckte der ihm einen dicken Batzen Gulden zu. Eh, check mal die Frauen in den Schaufenstern. Und was macht der Halbwüchsige? Er investiert die Asche in Platten.

Solal legt immensen Wert darauf, dass Gotan nur nicht in dieser Weltmusikecke landet. Die verabscheut er. Beliebige Beats und Ethnosounds sind für ihn nie mehr als Collagen, Vorlagen, schnell gemacht, ohne die fremden Elemente miteinander zu verbinden. So wie bei ”Triptico”. Während das Stück in Europa unter Housekontext lief, wird es in Argentinien als traditionelle Musik verbucht. Eine Folge ihrer Produktionsweise: Gotan ist Respekt und Antirespekt wichtig. Respekt den Vorlagen gegenüber. Antirespekt, wenn sie mit traditionellen Elementen spielen, sie mit den elektronischen Elementen verknüpfen, mit Effekten traktieren. Bei all dem legt Cohen Solal Wert auf Melodien, die er am liebsten produziert. Für Solal sind Melodien das verbindende Element französischer Musik von Gainsbourg bis Air und Gotan.
Und gerade das verbindet in ihrem Fall die Generationen. Gerade das verbindet in ihrem Fall die Generationen.

Bei einem Konzert kam ein 12-Jähriger, der von seinem eigenen Geld ein Album kaufte. Die CD nicht gekauft hat sich Cohens 82-jähriger Schneider. Als er mal wieder für einen Bühnenanzug Maß nehmen ließ, fand das tapfere Schneiderlein heraus, für wen er näht. Da erzählte ihm der fidele Greis, dass er neulich eine Compilation gekauft hat, aber nur ein Stück davon ständig hört, ein Gotan-Stück.

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Elektronische Lebensaspekte.