Guillaume Berroyer hyperventiliert als The Crazy Funkateer from Funkreich, die Keimzelle des New French Touch, durch die Musik. “Caliente” ist sein “Antihouse-House“-Manifest.
Text: Alexander Köpf aus De:Bug 92

Gottvater des Stotter-House
Ark

Als ich Ark vor über zehn Jahren zum ersten Mal in einem Hamburger Hinterhof-Club Platten auflegen sah, konnte ich es nicht fassen. Ein multitoxikologisch aufgeladenes Beatmonster, das zuckend wie ein Epileptiker in einem unglaublichen Tempo rüden Hardcore-Punk in P-Funk-Tracks mischte und James Browns Sex-Machine mit holländischem Gabba förmlich zersägte. Manchmal spielte er einen Tune nur zehn Sekunden und wenn er ihm nicht gefiel, riss er die Nadel mit einem fieeeesen Geräusch über die Rille und feuerte die Scheibe wie einen Frisbee auf den Floor. Die Crowd musste aufpassen, beim Tanzen nicht die Schädeldecke rasiert zu bekommen. Er finishte nach drei Stunden, körperlich ausgepowert wie ein Marathon-Läufer, das Set, indem er den Tonarm bei voll aufgedrehten Gains und mit dem Master am Maximum auf die Slipmat knallte, das DJ-Pult erklomm und wie ein Stagediver auf den Floor hechtete. Mit dem noch um den Hals hängenden Kopfhörern riss er dabei den Mixer aus der Verankerung. Der Haus-Techniker war der Ohnmacht nahe, der Veranstalter schäumte, die tobende Meute trug ihn auf den Schultern und ich wusste, dass ich die Zukunft von Dance-Music gesehen hatte. Das war 1992.

In einer Zeit, in der die verschiedenen Genres von Dancemusic noch separiert vor sich hinspielten, fusionierte ARK bereits Punkrock mit Detroit und Detroit mit Blue Note. Dafür war die Welt noch nicht bereit. Außer notorischem Insider-Status war da nichts zu gewinnen. Deshalb fristete der ehemalige Graffiti-Sprüher das Dasein eines verkannten Genies. Er tröstete sich mit Drogen, Independent-Cinema und Schallplatten. “Zu der Zeit war Musik machen für mich eine Art Überlebenstherapie. Ohne wäre ich vor die Hunde gegangen“, resümiert Guillaume mit nachdenklichem Stirnrunzeln.

“Laurent Garnier war der erste, der begann Wildstyle aufzulegen. Er spielte alten Funk oder Jazz in seinen technoiden Sets. Da war eine gewisse Seelenverwandtschaft. Ich begann elektronische Sounds zu produzieren und gründete mit Pépé Bradcock TRANKILOU, das war ’95.“ – Der Rest ist Geschichte.
Mit “Escalope de Dingue“ (Versatile Records) hatten die beiden einen weltweiten Underground-Dance-Hit. Das war zu der Zeit, als Guillaume noch nicht über französischen Filterhouse abkotzte.
“Der Einzige, der in Paris zu der Zeit meine Ideen verstand und bereits selbst releaste, war Quentin Dupieux (alias Mr. Oizo). Wir sind uns im Rex-Club über den Weg gelaufen. Damals war ich noch bei Trankilou. Es hat gleich gefunkt. Na ja, wir haben dann später ja auch zusammen ein paar gute Nummern ins Vinyl geritzt und uns gegenseitig remixed. ‘Last night the dj killed my dog’, ha ha ha.” Es folgten über 25 Maxis und EP’s für Labels wie Perlon, Playhouse, Pias, Circus Company, F-Com oder Karat und Kollaborationen mit Losoul, Herbert, Gabe Shalom, Isolée, Cabanne oder Krikor.

Die Frühwerke von Matthew Herbert inspirierten ARK zu einem ganz eigenen Stil, den er im Laufe der Jahre immer weiter perfektionierte. Er dekonstruiert House-Patterns, kombiniert sie mit HipHop und Jazz und setzt die Puzzleteilchen mit viel Funk, Distortion-Beats und Dialog-Fetzen aus Filmen wieder zu abstrakten Klangbildern zusammen. Er nutzt Sprachsamples als Rhythmusgeber und variiert Alltagsgeräusche zu Takten. Alles in der für ihn typischen abgedreht rauchigen Knarz-Atmosphäre. Absurd, aber unglaublich groovy.

Guillaume liebt Wortspiele, weswegen solche Kollaborationen oft seltsame Namen wie Copacabannark (mit Cabanne) oder Shalark (mit Shalom) tragen. Zu seiner vierteljährlichen Alleluyark-Residency im Club der Stuttgarter Suite 212 erscheint er bevorzugt mit einer Truckerkappe, auf die er StuttgARK getagt hat, und sein neuestes Project, ein Liveact mit seinem Homie Krikor, firmiert als Krikark.

Grundsätzlich gestikuliert

Als Antwort auf die Frage, ob er seine Arbeit zu “Caliente“ erläutern kann, weitet er im Pierre-Richard-Style seine Augen, stürzt sein Viertel Rotwein in einem Schluck hinunter und beginnt, wie immer wild gestikulierend, zu reden wie ein Wasserfall.
Während ich vollends damit beschäftigt bin, die Gläser auf dem Tisch vor seinen ausladenden Armbewegungen zu schützen und sein Powerbook, auf dem er parallel rumhämmert wie ein Berserker, abzuschirmen, startet Guillaume Berroyer ein weitschweifiges und aufgrund seines schlechten Englisch nur in Ansätzen verständliches Grundsatzreferat.

Es geht um P-Funk, Science Fiction, Charlie Parker, DJing, sein heißgeliebtes Makie 24 Kanal Pult, den Akai 3200, DX 100 Synthie, Bad Brains, chemische Drogen (denen er nach zehn Jahren exorbitanter Überdosierung mittlerweile entsagt hat), Super Collider (die er ebenso verehrt wie Herbert), mexikanisches & spanisches Independent-Kino (“I really love the movies of Alejandro González Iñárritu. Have you seen ‘Amores Perros’ or ’21 Gramms’. Fuckin brilliant. A big Influence to me. Or ‘City of God’ from Fernando Meirelles & Kátia Lund. Perfark!”). Der Vortrag wird für eine wilde Schimpf-Kanonade über Amerika und Hollywood-Kino (“It’s wasting your brain!“) unterbrochen, bevor es ohne Punkt und Komma zurück zum Science Fiction geht. “Blade Runner“ und “Star Wars“ seien die einzigen Hollywood-Streifen, die er mag. Einem der Haupt-Protagonisten aus Krieg der Sterne hat er auf “Caliente“ einen ganzen Tune gewidmet. Dem kleinen goldenen Roboter “R2D2“, dessen Gefühlswelten er im gleichnamigen Track hinreißend vertont hat und der Jamie Lidell so berührt hat, dass er ohne Zögern für ARK eine Vocal-Version dazu eingesungen hat.

Ansonsten ist noch zu erfahren, dass die meisten Stücke auf “Caliente“ in den letzten zwei Jahren entstanden sind, aber teilweise alte Tracks in die neuen eingearbeitet wurden. Wie etwa das legendäre “Le magicien d’os“ mit seinem Mörder-P-Funk-Zitat “I like the way you booty shake ah ah!“. Der lange Monolog in “Preacher“ ist übrigens aus einer Predigt von Aretha Franklins Vater. Ah ja?!

In atemberaubendem Tempo salbadert Guillaume weiter. Mittlerweile hat er die Frage völlig vergessen und kommt von Jamie Lidell zu Tahiti, wo er unlängst für zwei Wochen weilte. Eine Mischung aus DJ-Tour und Strandurlaub mit seiner Freundin, von der er sich nach fünf Jahren Beziehungskiste getrennt haben will. Dann aber doch wieder nicht. Alles sehr verworren. Tja, so ist das mit der Liebe. Gefühle ziehen es vor, unberechenbar zu sein. Klar wird bei diesem unglaublichen Redeschwall nur eines. Der Mann tickt so, wie seine Musik klingt. Rasend schnell und immer fünf Gedankengänge gleichzeitig. Mittlerweile läuft auf dem Powerbook eine Art Best Off Picture-Slideshow von seinen Aufenthalten in Shangai, Australien und eben Tahiti.

Wir sitzen seit zwei Stunden im Thai-Restaurant und ARK ist beim dritten Rotwein, die er, flankiert von zwei Bieren und einem Mai Thai, unter ungläubigem Staunen der Kellner in sich hineingeleert hat. Vom Essen hat er nur die Dom-Kha-Suppe ausgelöffelt, das Entenfleisch-Junglecurry ist während seiner Redeschwälle kalt geworden und der Teller geht halbvoll zurück. Irgendwie ungesund.

Thema Selbstausbeutung. So rasend er in seinen DJ-Sets und Produktionen elektronische Musik paraphrasiert, so rücksichtslos geht er mit seinen körperlichen Ressourcen um. Bis morgens um sieben wild zappelnd auflegen, nebenher kampftrinken und mit sexy Hardbodies irgendwo versumpfen. Im Kopf immer einen Beat. Selbst zur sülzigen Background-Muzak im Restaurant klopft er während des Redens ständig einen verquert variierten Rhythmus mit dem Feuerzeug auf den Tisch. Multitasking à la ARK. Da gehen schon mal die Lichter aus. Körperliche Zusammenbrüche gehören zum Lifestyle.

Unvergessen die Geschichte, als er vor fünf Jahren bei einem orgiastischen Set im belgischen Ghent vor lauter Headbangen zuerst die Brille und dann das Bewusstsein verlor. Nachdem ihn die Türsteher vor die Türe verfrachtet hatten und ein zufällig des Weges kommender Notarzt erste Hilfe geleistet hatte, verweigerte er alle Angebote den Abend zu beenden und bestand darauf sein Set zu Ende zu spielen. Crayzark.

Nicht mehr lustig wird es allerdings dann, wenn man eine Zahnwurzel-Entzündung so lange mit Schmerzmitteln betäubt, bis der Eiter sich zu einer lebensgefährlichen Entzündung auswächst. “Das war eine Zäsur in meinem Leben. Als ich im Krankenhaus aufwachte, sagten die Ärzte, ich wäre mit einem Bein im Jenseits gestanden. Na ja, ich hatte auch so ein diffuses Gefühl von gleißendem Licht. Vielleicht habe ich ja Gott gesehen. (lacht) Scheiße, ich kann mich nur nicht mehr erinnern. Na ja, seitdem lasse ich es ruhiger angehen. Ein bisschen zumindest.“

Sagt’s, zündet die achte Marlboro an und bestellt den vierten Rotwein. Gleich muss er auflegen. Vorher noch doppelter Espresso. AlleluyARK. Das Leben als Parforceritt. Der Stotter-House als Soundtrack. Live Fast Die Young. And in your Dancing Shoes.

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Elektronische Lebensaspekte.