Die Straße wird immer hipper und selbst für schicke Galerien attraktiv. Aber gab es da nicht einen essentiellen Unterschied zwischen Graffiti und Streetart? Der Berlin Writer Nomad hat eine Expertenrunde zu Tisch gebeten um sich einen verbalen Pfad durch den Dickicht von Ideologie, Kunst und Kommerz zu schlagen.
Text: Nomad Uno aus De:Bug 73

NO IMMER
…was war eigentlich Streetart?

Man könnte sagen, die Straße sei der wahre Schauplatz der Geschichte. Der geschlossene Raum steht für den Gedanken. Den privaten Menschen. Die einzelne Persönlichkeit. Die Straße steht für die Summe aller möglichen Personen. Die Beweglichkeit. Sie ist ein Barometer der Gesellschaft. Die Lebensader jeder menschlichen Zivilisation. Alle Straßen auf diesem Planeten haben zwei Dinge gemeinsam: Sie geben dir die Möglichkeit, deine physische Existenz mit kleinstmöglichem Aufwand in eine bestimmte Richtung zu manövrieren. Und zweitens: sie sind gekennzeichnet. Ein Weg wird erst dadurch zum Weg, dass er als solcher wiedererkennbar, das heißt mit Orientierungshilfen gekennzeichnet ist, bzw. wenn er, erst mal ausgetrampelt, selbst als Orientierungshilfe dient. So viel zur Straße und den Zeichen.
Man könnte nun auch sagen, dass Kunst ebenfalls ein Barometer der Gesellschaft ist. Was Kunst genau ist, kann man jedoch nur theoretisch beantworten, dafür aber endlos diskutieren. Letzten Endes beruft man sich gerne auf die Geschichte, auf Expertenmeinungen oder persönlichen Gusto, um den Kunstbegriff gefasst zu bekommen. Bei der Auseinandersetzung mit Streetart ist mir aufgefallen, dass der persönliche Geschmack hier sehr viel mehr zählt als bei anderen Kunstformen. Experte ist jeder Passant. Die Brandmauer die Galerie. Die Ressourcen sind offen und vielseitig. Durch die Vielschichtigkeit, bildende Kunst im öffentlichen Raum wahrzunehmen oder zu interpretieren, fällt es mir schwer, den Begriff Streetart auszuformulieren. Statt dessen würde ich jeden auffordern, praktisch zu seiner persönlichen Interpretation des Begriffs beizutragen.
Trotzdem habe ich keine Kosten und Mühen gescheut und eine Expertenrunde aus Writern bzw. Streetartists und einen Galeristen beim Falafel-Essen auf der Kastanienallee belauscht. Da man am besten einen nicht fassbaren Begriff durch Abgrenzung von ähnlichen Begriffen erklären kann, beginnt die Diskussion mit dem Begriff “Writing”.

WRITER 1: …Es ist doch so: Wir sind Aktive. Wir sind Writer, die auch Streetart machen. Ein Außenstehender könnte alles, was auf der Straße passiert, als Streetart bezeichnen. Aber Writing ist, auch wenn es ein Teil von dem Oberbegriff Streetart ist, was ganz Eigenes, das nach eigenen Regeln funktioniert. Und nur jemand, der auch selbst aktiver Writer ist, kann es verstehen und differenzieren. Ich schiebe abturn auf Leute, die behaupten, sie sind Writer, nur weil sie Buchstaben benutzen auf ihren Plakaten, aber noch nie Tags gemacht haben.
WRITER 2: Du meinst, sich mit fremden Federn schmücken…
WRITER 3: Ist doch voll egal, Mann, das interessiert mich überhaupt nicht. Sollen doch alle rausgehen und was machen. Ist doch geil, Mann!

W 1: (fällt ihm ins Wort) Ja, du bist ja Popart… Findest du es gerecht, wenn du zum Beispiel Writing vertrittst und einer würde schreiben, du bist Popart?
W 3: Was hat des denn damit zu tun?
W 1: Na vertrittst du jetzt ‘nen Standpunkt oder nicht?
W 3: Ach was, Mann, das hier ist die Straße und es gibt halt Leute, die malen Penisse an die Wand, und Leute, die writen… Lass doch die Penisse auch…
W1: Darum geht es doch überhaupt nicht. Es geht doch darum, was ist Street-ART und was nicht.
W3: Ja, das kann ich dir sagen. Streetart ist einfach alles, was auf der Straße passiert, jede Form von künstlerischer Ordnung, die von Leuten gemacht wird, und Writing ist eine Ebene davon. Trotzdem existiert Writing unabhängig von Streetart, hat in bestimmten Städten, wie hier in Berlin, eine lange Geschichte. Viele Leute haben sich in dem, was sie heute machen, davon beeinflussen lassen, auch wenn sie damit Sachen machen, die mit Writing nichts zu tun haben. Und es gibt Writer, die sich mit nix anderem als mit Buchstaben beschäftigen.

W4: Also ich finde, durch solche Begriffe stellt man sich doch nur Fallen. Man macht sich so seine Schubladen zurecht und tötet damit die Kreativität, indem man so klare Grenzen zieht.
W1: In der Praxis gibt es immer Zwischenformen, da sind die Übergänge fließend. Aber für die Theorie, wo es um Abstraktion geht, muss man einen klaren Standpunkt einnehmen. Es geht um Streetart. Nimm zum Beispiel Leute, die eigentlich Atelierarbeiten auf die Straße tragen und sie dann irgendwo hinhängen, weil es grade schick ist, auf der Straße präsent zu sein. Die machen vielleicht Kunst, aber noch lange nicht Streetart. Streetart muss den Bezug zur Straße haben, und man erkennt sofort, bei welchen Arbeiten das so ist und bei welchen nicht.
W2: Wie jetzte? Du erkennst das vielleicht, aber empfindest du dann alles, was im Atelier vorbereitet und dann z. B. plakatiert wird, nicht als Streetart? Z.B. Swoon mit ihren Cutouts.
W1: Nein, das meine ich nicht. Vorbereiten ist okay. Ich meine, dass die Arbeit schon in der Entwicklung einen Bezug zur Straße haben muss.

W2: Also z.B. der Aspekt der Vergänglichkeit. Das Teil einfach dem Wetter und Schmutz etc. preiszugeben. Und der Zeitdruck, das Sich-zweimal-rechts-und-links-umgucken, dass man auf jeden möglichen Konflikt vorbereitet sein muss, meinst du?
W1: Ja, genau.
W3: Das Ding ist doch, um auf der Straße was zu machen, musst du dich zuallererst mal mit Wahrnehmung auseinander setzen. Alle Leute, die als Streetartists was ausrichten, sind Spezialisten für Wahrnehmung. Die können genau sehen, welche Kunst an welcher Stelle was für eine Wirkung haben wird.
W1: Ja siehste. Und Leute, die irgendwo im Atelier sitzen und dann ihre Stillleben irgendwo hinhängen, haben eben nicht diese Erfahrung. Streetart hat was mit Strategie zu tun. Wann wird wo das Plakat gewechselt. Welche Stelle ist auch nachts beleuchtet, und so weiter. Als Writer renne ich doch nicht irgendwo hin, wo ich weiß, in zwei Tagen ist es dort weggebufft. Ich suche mir die richtige Stelle – und dann alles nach Fahrplan. Es resultiert alles aus Wahrnehmung. Es gibt halt Leute, die verbringen wirklich viel Zeit auf der Straße, und die lesen die Straße. Und diese Leute wissen dann auch, wo was geht.
W2: Soll das heißen, Streetart braucht die Möglichkeit der Konfrontation?
W1: Nicht zwingend…
W4: Das ist ein ganz wichtiger Punkt, finde ich. Weil ich hab’ nämlich das Gefühl, dass diese sogenannten Streetartists so’ne Art Narrenfreiheit genießen, weil viele Leute das, was die machen, als nicht so negativ empfinden wie das, was Writer machen.
W2: Ja, aber das ist doch klar – weil sie es eher dechiffriert kriegen als ’nen ‘tag’.
W4: Ja klar, ich meine ja auch nur, dass du als Writer halt eher rechtliche Konsequenzen hast als so’n Streetartist, der irgendwas plakatiert.
W2: Quatsch, Mann. Plakatieren ist vom Gesetz genauso Vandalismus.
W4: Ja, aber doch nicht in den Köpfen. Heute wird den Kids doch schon von Anfang an eingetrichtert, dass Taggen was Schlimmes ist. Und dass man die Polizei ruft, und deshalb tragen Writer doch ein viel höheres Risiko als irgend jemand, der Plakate anbringt.
W1: Na warten wir mal ab, wie in Zukunft die Gesetze ausgelegt werden. Wenn auf einmal nach Streetart gefahndet wird (SOKO Streetart?), dann trennt sich die Spreu vom Weizen.
GALERIST (G): Ja, dann bleiben nur die Artists übrig, die wirklich was zu sagen haben.
W4: Ich glaube, dass sich jetzt schon die Spreu vom Weizen trennt. Weil die Kunstszene ja immer aufmerksamer darauf wird und immer mehr Leute in Galerien ausstellen und Kohle scheffeln… Aber es wird halt auch die Leute geben, die auf der Straße bleiben und dort ihr Ding machen.
W2 + W3 (gleichzeitig): Ja und die, die beides machen werden, hä, hä, häh
W1: Word.

W4: Naja, kommt für mich drauf an, was dann dabei rauskommt. Wenn einer auf die Straße geht und alles mit kleinen, verschissenen Kacheln zuklebt, dann…
W2 (unterbricht): Oh Mann, jetzt kommt der Faschismus wieder.
W4: Das hat mit Faschismus nix zu tun. Das ist nur mein persönliches Empfinden. Diese Kunstrichtung lebt halt von der Schnelllebigkeit der Zeit. Da kann man mit ‘ner fixen Idee Fame einheimsen wie: Ich mal jetzt halt mal überall Vögel hin oder so…
W1: Das Benutzen einer Trademark ist nicht sehr kreativ. Wenn die Leute immer nur dasselbe wiederholen, bleiben sie stehen.
W2: Aber was ist denn ein Tag? Den wiederholst du doch auch. Ist doch auch nur ein Trademark. Zwar je nach Tageslaune verschieden, aber das kann ein Charakter ja auch sein.
G: Das Prinzip der Wiederholung gibt’s doch schon länger. Das hat sich doch nur fortgepflanzt. Calluza oder Clotikamein haben schon vor zehn oder fünfzehn Jahren solche Sachen auf der Straße gemacht. Heute gibt’s halt einfach zu viele Leute, die dieses Prinzip oder Ähnlichkeit zu Streetart benutzen, um damit z. B. Werbung zu machen. Z.B. die Bambibar. Die überall diese Bambis plakatieren.
W2: So’n Schickiladen auf der Alten Schönhauser hat Swoon-Fakes in die Schaufenster gemacht, kurz nachdem Swoon das letzte Mal in Berlin aktiv war…
W3: Das geht doch mit Writing schon ewig so. Was glaubst du wohl, wie manche Writer abgekotzt haben, als “Stylewars” und “Wildstyle” raus kamen? Die empfanden‘s bestimmt als Sellout. Aber was ist passiert – der Shit hat sich über die ganze Welt verteilt und heute laufen im Hinterland Leute mit Tags auf den Pullovern ‘rum.

W2: Was hat dich eigentlich bewogen, ‘ne Galerie für Streetart aufzumachen?
G: Es ging mir vor allem darum zu versuchen, die Grenzen zwischen einem Innenraum und der Straße aufzuheben. Um Straßenkünstlern die Möglichkeit zu geben, in einer Galerie wie auf der Straße zu arbeiten, und je nach Verlangen auch die Möglichkeit zu haben Sachen auszustellen, die vielleicht im Atelier oder zu Hause entstanden sind und gar nicht für die Straße bestimmt sind. Ich will einfach, dass die Leute Streetart wahrnehmen und nicht rumlaufen und alles als Schmiererei abtun. Und ich glaube, dass uns das ganz gut gelingt, weil unser Publikum sich nicht nur aus Szeneleuten zusammen setzt, sondern auch aus ganz normalen Passanten. Einen kommerziellen Aspekt gibt es dabei für mich nicht, außer dass die Miete bezahlt werden muss.
W2: Es gibt also Leute, die Sachen verkaufen, aber du arbeitest doch auch mit völlig non-kommerziellen Künstlern…
G: Ja, es gibt solche und solche. Wer halt keinen Bock auf Verkaufen hat, der soll’s dann halt auch sein lassen. Ich zahl’ dann vielleicht drauf, aber es geht schließlich darum gute Kunst zu zeigen, nicht damit reich zu werden in erster Linie, sondern Spaß zu haben.
W2: Und siehst du nicht ’ne Gefahr darin, dass andere kommerzielle Galerien dich sozusagen als Scout benutzen?
G: Ach, ich gönne es jedem Künstler, der so kommerziell erfolgreich wird. Es wird, denke ich, schon genug Künstler geben, die auch weiterhin bei mir ausstellen werden…

Hier reißt mein magnetischer Erinnerungsfaden.
Danke an alle Aktiven.

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Elektronische Lebensaspekte.