Satelliten-Bilder sind durch Services wie Google-Maps zum alltäglichen Web-Inhalt geworden. Werbung oder Graffiti auf Dächern erreichen damit ein globales Publikum, gleichzeitig stellen sie eine fruchtbare Irritation der virtuellen Karten-Layer dar.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 118

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Graffiti in Google-Maps

Botschaften an Gott und die Welt

Die Ausweitung der medialen Zone schreitet unnachgiebig voran: Angeführt von Kameraobjektiven in Handys und Digicams nimmt die Zahl der Sensoren explosionsartig zu. Die Sensoren erzeugen permanent neue Daten wie Fotos, Videos, Tonspuren, Temperaturverläufe oder Bewegungsprofile, und da sich auch die Speicherkapazitäten vervielfältigen, wird ein großer Teil dieser Datenproduktion auch festgehalten. Es versteht sich von selbst, dass die Verwaltung der anschwellenden Datenbestände nach neuen Strategien verlangt: Denn in der Informationsgesellschaft gelten unsortierte, unindizierte und unvernetzte Datenbestände als Ressourcen-Verschwendung, also als Todsünde. In dieser Situation trifft es sich hervorragend, dass Microsoft, Yahoo und Google immer ausgefeiltere Landkartendienste anbieten, die mit Satellitenbildern verknüpft sind. Die fotografierte Vogelperspektive erinnert die Internet-Bewohner nämlich an die Vorteile der Geografie als Ordnungsprinzip, in der Informationen nicht nach abstrakten Datenbankkriterien sortiert oder in den chaotischen Zufälligkeiten des Webs versteckt sind. Stattdessen richtet sich alles hübsch übersichtlich und nachvollziehbar nach konkreten Orten aus, also einer Ordnung, an die wir im Wortsinn seit Menschengedenken gewöhnt sind.

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Real ist besser

Bei der Nutzung des geografischen Ordnungsprinzips spielen die Satellitenbilder eine entscheidende Rolle, denn anders als abstrakte Landkarten sprechen sie unmittelbar unsere Sinne und unsere Neugier an. Wie gravierend der Unterschied zwischen einer Landkarte und der Satellitenperspektive ist, kann man mit einem einzigen Mausklick erfahren, mit dem man in Google-Maps die Darstellungsweise umschalten kann: Die Abstraktion der Landkarte lässt uns ziemlich kalt, während das Foto der realen Erdoberfläche spontan fasziniert – die Wirklichkeit ist für den menschlichen Wahrnehmungsapparat offensichtlich unschlagbar interessant. Und genau auf diese Sensation setzen die Kartendienste der Suchmaschinen, wobei der Primus Google derzeit mal wieder ganz weit vorne liegt. Allen, die es noch nicht ausprobiert haben, sei hiermit dringend ans Herz gelegt, den Dienst einmal auszuprobieren, auch wenn man dafür eine kostenlose Software installieren muss. Google Earth ist mit Höhendaten angereichert, man kann daher recht beeindruckende Flüge über Gebirgszüge simulieren. Aber der echte Killer steckt in den unscheinbaren Details: Über öffentliche Verzeichnisse können beispielsweise Flickr-Fotos oder YouTube-Videos auf den Karten angezeigt werden, und zwar als klickbare Symbole an ihrem Entstehungsort. Und natürlich hört der Verknüpfungsspaß damit noch lange nicht auf, in der Seitenleiste von Google Earth finden sich schon heute Dutzende Darstellungsoptionen, mit denen man bestimmte Ebenen zuschalten kann. Das Prinzip entspricht den “Aral”- oder “McDonalds”-Icons auf den klassischen Stadtplänen, und dieser Vergleich offenbart auch ganz plastisch Googles Interesse an der Anreicherung des Kartenmaterials. Die Suchmaschine will natürlich auf bewährte Weise Werbung platzieren, für die Mikrobeträge fällig werden. Und da diese kommerzielle Ebene der Karten natürlich ziemlich öde ist, erlaubt Google allen Nutzern in anderen Ebenen Fotos, Videos oder Websites zu verlinken. Damit stellt Google nach bester Web2.0-Manier einen Spielplatz zur Verfügung, der von bienenfleißigen Nutzern mit interessanten Inhalten gefüllt wird, der wiederum neue Nutzer anzieht.

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Noch viel mehr Werbung

Was man heute auf Google Earth zu sehen kriegt, vermittelt erst eine Ahnung von der Enge, die mit immer neuen Verweisen und Ebenen entstehen wird: Wenn man beispielsweise in der Ansicht von Manhattan beginnt, in der Seitenleiste alle Verknüpfungsoptionen durchzuklicken, geht auch eine flotte Internet-Anbindung in die Knie, weil sich immer neue Symbolteppiche über der Stadt ausbreiten: Hotels, Restaurants, Tankstellen, Banken, Videos, Fotos, Bahnhöfe, Fluglinien, Verwaltungsgrenzen, Wikipedia-Einträge, Bars, Ämter, Museen, Zeitschriftenartikel – die Liste lässt sich schon heute fast endlos fortsetzen, gleichzeitig macht sie die informativen und die kommerziellen Potentiale der Darstellung noch einmal deutlich. Ein Restaurant kann beispielsweise gleichzeitig mit seiner eigenen Website, einem Wikipedia-Eintrag, Kritiken aus diversen Zeitungen, Fotos begeisterter Gäste und Ekel-Videos geschasster Köche verknüpft sein, wobei der Unterschied zwischen bezahlten und unbezahlten Verweisen nur in ihrer Platzierung besteht: Kostenpflichtige Einträge sind leichter aufzufinden als das Bildarchiv einer Bürgerinitiative für Denkmalschutz.

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Der authentische Layer

Durch die zunehmende Anreicherung der Landkarten mit Informationsebenen wird die Einzigartigkeit der Satellitenbilder sogar noch einmal gesteigert: Die “authentische” Ebene wird durch das Gedränge der Icons um die Aufmerksamkeit des Betrachters noch wertvoller. Damit dürfte auch der Darstellungsdrang auf dieser Ebene einen kräftigen Schub erhalten, und dafür gibt es sogar schon kommerzielle Vorbilder. Denn vor allem rund um US-Flughäfen sind Dächer schon lange als Werbefläche erschlossen worden, hier prangen überdimensionale Markenlogos, die beispielsweise von der Firma RoofAds erstellt wurden. Bei diesen Platzierungen hat bis vor kurzem die Sichtbarkeit auf den Satellitenbildern keine Rolle gespielt, der Paradigmenwechsel kommt aber gerade in Fahrt, vor allem seitdem das von Google verwendete Material immer aktueller wird. Vorreiter der Entdeckung von Dächern, Parkplätzen oder auch Brachflächen als Display für Satellitenaugen sind Sites wie GoogleEarthHacks, wo unter anderem Liebesbotschaften oder obszöne DachGraffiti gesammelt werden, die ganz offensichtlich für die Betrachtung aus der Vogelperspektive gemacht wurden. Und anders als bei allen anderen Ebenen der Google-Karten hat der Konzern auf die Wirklichkeit kaum Einflussmöglichkeiten: Mögliche Manipulationen des Satellitenmaterials wie das Retuschieren von Dachwerbungen zerstören nämlich im Handumdrehen die Authentizität und damit die Basis der gesamten Darstellung. Der mächtigste Konzern der Informationsgesellschaft, allwissend wie ein mittelalterlicher Gott, ist hier also ausnahmsweise einmal machtlos: Mit einem Eimer Farbe und einer Portion Dreistigkeit ausgerüstet, kann man heute Gott und dem Rest der Welt die eigene Botschaft unter die Nase reiben.

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Elektronische Lebensaspekte.