Die Strategien und Taktiken des öffentlichen Raums versucht ein neues Graffiti Buch aufs Papier zu bannen. Wie immer nah am Zahn der Zeit, begibt sich der Gestalten Verlag mit "Writing" auf die Suche nach einer Genealogie des Writings und präsentiert allerlei Styles in konservierter Form.
Text: Caspar Borkowsky aus De:Bug 73

Wir halten fest

Writing, diese Spezialdisziplin aller Urban Underground Resistler mit dem etwas anderen Pinsel, ist ja eigentlich auch nur eine spezielle Art, den Raum durch Umrisse zu strukturieren. Writing ist aber auch die revolutionäre Kopplung von Schrift und Design, die endlich ernst macht mit den geheimen Versprechen der Typographie. Bedurfte es beim Funktions-Tool Typographie ja doch einige Zeit bis erkannt wurde, was die Standardisierung und Druckbarkeit von Schrift so für Backdoor-Tactics bereithielt, man denke nur an Nietzsches Diktum “das Schreibzeug schreibt mit an unseren Gedanken” oder Übervater McLuhan und seine gesammelten technischen Geistesblitze, ist beim Revier-Tool Writing sofort klar, das hier ist mehr als die Summe seiner Quellen. Denn das hier schreit auf allen Farbkanälen: Mein Medium formt meine Botschaft, und zwar ganz gewaltig. Und nebenbei transformiere ich auch noch ganz kurz, was Design mit Schrift machen kann, Schrift mit der Aussage, und den urbanen Raum grabe ich auch noch flux um. Grund genug für die Spezialisten der printbasierten Synapsen-Schmeicheleien, des ‚Die Gestalten Verlag‘, einen eigenen Band dem Thema Writing zu widmen.

Vektor-kristalline Grids im MUC-Modus
Robert Klanten, der Content-Mastermind von Die Gestalten Verlag, gibt persönlich Auskunft über sein neuestes Baby. “Bücher über Graffiti gibt es schon viele, aber so eine Art Genealogie des modernen Writings, der MUC (Modern Urban Calligraphy), fehlt bisher noch. Diesem Ziel soll der Band Writing gerecht werden. Ausgangspunkt der Konzeption ist natürlich das gute alte Tag, der geschriebene Name. Daraus entwickelten sich mit der Zeit aber immer mehr Stilistiken, die inzwischen in eigenen Alphabeten und komplett neuen Zeichensystemen gegipfelt sind. Die Weiterentwicklung findet aber nicht nur in der Fläche statt, es werden auch vielseitige Wechselwirkungen mit Objekten inszeniert. Die Tags werden also aufgepumpt, wir bekommen immer mehr eine 3D-Kultur des Writings, in der vektor-kristalline Grids entstehen mit dem Ziel, die Flächen des urbanen Raums auf immer neue Art und Weise zu füllen. Aber auch die Frage, inwiefern die Fusion des analogen Schreibens mit dem digitalen Raum das Writing verändert hat, soll ein paar Antworten verpasst bekommen.” Beim ersten Durchbrowsen des fertigen Bandes wird schnell klar: die Zielsetzung von MC Chefe wurden bravourös erfüllt. Denn um dem gesamten Spektrum modernen Writings gerecht zu werden, dockt sich das Kompendium lockerflockig an Bereiche wie Grafikdesign, Motion Graphics, Urban Art und Architektur an und geht auf Full Mode Outer Limits. Auf der Contributer-Liste finden sich fast 70 Namen wieder, zu den bekannteren zählen der Pariser Old School King Ash, das Berliner Schwergewicht Amok, Poet, der auch Mitbegründer des Magazins Backjumps ist, und Zast und Akim, auch unter dem Codenamen jazzstylecorner aktiv.

3D Duftmarken mit dem Wohlfühl-Aroma
Wie alle modernen Funktionssysteme wandeln auch die taggenden Wolfsrudel der Straßengangs inzwischen auf den luhmannschen Pfaden von Komplexitätssteigerung und Ausdifferenzierung. Ein ganzes Set von NuUrban Tactics, basierend auf der bewährten Marines-Devise schnell rein, den Budenzauber abfackeln und schnell wieder abhauen, bereitet dem großen Bruder weiter arge Kopfschmerzen und uns große Freude. So auch das Prinzip der mobilen Kunstinstallation im öffentlichen Raum, dass sich in Spezialdisziplinen wie Stencil, Urban und Poster Art manifestiert und in “Writing” gebührend präsentiert wird. “Heute ist ja eh schon alles total zugeballert. Es ergibt sich eine echte Redundanz-Problematik. Als Antwort sind völlig neue Taktiken entstanden, man entwickelt eine noch speziellere Identität als den eigenen Bombing-Style. Diese neuen Identitäten können dann endlos multipliziert werden um den Wiedererkennungswert hoch zu halten. Genau daran forscht ‘Writing’, welche Taktiken und Strategien da entwickelt werden.”
Ein weiteres wichtiges Schlachtfeld des All-Area-Crossovers betreibt momentan eine der ältesten Cliquen von Raumgestaltern überhaupt: die Architekten. Nach dem Siegeszug des “völlig zugetagten Haus” servieren uns progressive Architekten nun durch die Adaption der Stile und Formen des Writings das “Tag-Haus”. Bisher natürlich noch hauptsächlich autoCADiert im 3D-Land, aber man soll die Hoffnungen nicht aufgeben, Zaha Hadid darf ja auch endlich bauen.
Der Gipfel aller Post-Graffiti-Tendenzen ist aber fraglos Hektor, die Schweizer Graffitimaschine. Erfunden von Jürg Lehni und Uli Frankeist ist Hektor ein schnuckelig präzises Stück Technik alpiner Ingenieursfreude, dass im Krabbelgang die feuchten Träume eines jeden Bombers wahr macht: Einmal an die Wand gehangen, schreibt das Ding eiskalt die Routinen seines internen Computers an – what you programm is what you get, sozusagen. Juristisch gesehen ist Hektor sicherlich eine Bank, für den Massenmarkt ist er aber leider noch viel zu teuer.

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Elektronische Lebensaspekte.