Mit stetiger Referenz auf politische Kommunikation verwandeln Schablonen-Graffitis die Straße sauber und wiederholt in einen Raum für transparente Botschaften. Neben Sportartikelherstellern finden das auch sonst eher Kunst zugetane Schmierkritiker recht apart. Das Format hat Tradition.
Text: Heike Lüken aus De:Bug 73

Geformte Botschaften

Während die Gelehrten um den passenden Namen streiten, bleibt das Phänomen in den Straßen unübersehbar. Und dennoch: welcher Name trifft es denn nun am besten? Serigraffiti, weil durch Schablonen in Serie herstellbar und also vielfach reproduzierbar? Doch eher Pochoir, als europäische Variante des Graffiti? Oder Schablonen- oder Stencil Graffiti, weil immerhin die Technik – die Sprühdose – im Spiel ist, auch wenn die Schablonen in Ruhe zu Hause vorgefertigt werden können und das eigentliche Sprühen einen Bruchteil der Zeit eines Pieces benötigt? Vielleicht sollte man einen neuen Namen finden, zumindest im Deutschen, und sich in der Zwischenzeit der Praxis zuwenden. Einigen Autoren nach sollen Graffiti-Sprüher in den USA lange Zeit vor den 80er Jahren mit Schablonen gearbeitet haben, um diese schließlich wegzulassen und ausschließlich mit der Dose zu arbeiten, wodurch dann Graffiti entstand. Doch die Schablonen-Tradition ist vor allem europäisch geprägt: Schon im Frankreich der 60er Jahre wurden sie z.B. von der Studentenbewegung eingesetzt. In den 80ern wird die Bewegung dort von BLEK le Rat geprägt, der mit seinem Post-PopArt-Ansatz Alltagspersonen ansprechen will – fasziniert von der anonymen Kunst, die für jedermann umsonst zu rezipieren ist. Auch die Punkbewegung hat sich explizit der Schablonentechnik bedient und ihr ebenfalls ihr bis heute nicht zu leugnendes politisches Ansehen beschert. So taucht die Verbindung von Schrift und Bild noch vor Flyern beispielsweise in Flugblättern auf. Die Straße als, im Braudrillardschen Sinne, subversives und alternatives Massenmedium wird mit Hilfe der Schablone selbst zur res publica ebenso wie ihre Inhalte.

Sarkastische Schablonen
Der englische Sprüher Banksy beispielsweise hat inzwischen mit seinen sarkastischen Schablonen nicht nur in London oder Bristol für Furore gesorgt, sondern fehlt auch in einem Gehege des Zoos in Barcelona nicht. Obwohl Banksy inzwischen weltweit sowohl in Ausstellungen wie auf CD-Covern zu finden ist, bleibt sein Aktionsfeld die Straße, wo er aus Barcode-Käfigen ausbrechende Tiger, Bomben-umarmende Schulmädchen oder ein an die Queen erinnerndes Affengesicht mit Krone ebenso situationskomisch und passend ins Stadtbild einfügt, wie er mit offiziellem Wappen Flächen zu designierten Graffiti-Frei-Flächen erhebt.
In einem übergeordneten Kontext stehen die Arbeiten des Hamburgers Graffitilovesyou, der mit seinem gleichlautenden Slogan schon den ein oder anderen zur Weißglut gebracht und zugleich mit seinem charmanten Motto entwaffnet haben muss – “Hopeless? Graffitilovesyou” – und jeder, der sich davon provozieren lässt, tut ihm gut. Trotzdem genießen die Schablonengraffiti gegenüber ihrem “freihändig” gesprühten Namensvater (die Begriffsfestlegung tut doch Not) oftmals ein höheres Ansehen und werden im öffentlichen Streit zwischen Vandalismus, Kunst und Kommunikation fast bevorzugter behandelt. Ursache hierfür mögen die fast ornamental wirkenden Stege der Schrift sein, die an die guten alten Teekisten aus der Kolonialwarenladenzeit erinnern. Vielleicht liegt es auch einfach an der kleinrevoltierenden Tradition, die zunehmend der Popularisierung anheim fällt.
Inzwischen finden sich Schablonengraffiti nicht mehr nur auf Mauern, sondern mit steigendem Erfolg auch auf Leinwänden und T-Shirts. Ganze Kleinfirmen bauen ihr Wachstum über deren Ästhetik auf – mit steter Referenz auf politische Kommunikation, die sie bis heute nicht zu verlieren scheinen. Im Netz werden vorgefertigte Schablonen zum Herunterladen angeboten (www.theslate.ie/graffiti.html) und der Bananensprayer Thomas Baumgärtel, der mit seinem schablonierten Importprodukt anfänglich all jene Orte markierte, die etwas mit Kunst zu tun haben, will auch leben, und so finden sich inzwischen Busse, Hotelzimmer und Häuser mit der gelben Frucht verziert. Nun denn, nach Duchamp kann ja schließlich alles Kunst sein. Im letzten Sommer nutzte schließlich auch ein weltweit agierender Sportartikelhersteller die Ästhetik der Schablonen und wies mit auf Asphalt gesprühten Einladungen auf Street Sport Veranstaltungen hin. Populärkultur at it’s best . Nur die breite Akzeptanz für den Todesstoß fehlt noch.

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Elektronische Lebensaspekte.