Die U-Bahn wird zum Kino. Man braucht nur einen Projektor an die Außenwand des Zuges zu hängen. Mediendesignstudent muss man sein, um auf diese simple Idee zu kommen.
Text: Sandra Sydow aus De:Bug 97

Fische schwimmen mit der U-Bahn
Alternatives Trainbombing-Projekt “Parasite”

“Wir sahen für uns die Möglichkeit, ganz neue Geschichten auf der Straße zu erzählen.“ Das, was Frèdèric Eyl, Richard The und Gunnar Green zu erzählen haben, heißt “Parasite“ und ist ausgesprochen innovativ und unterhaltsam – Trainbombing in besser und schneller. Entwickelt als freies Projekt im Sommersemester 2005, bringen die drei Mediendesign-Studenten der Klasse Joachim Sauter der UDK Berlin schnelllebiges, bewegliches Graffiti vom Zug an die Wand. Mit Hilfe mehr oder minder haushaltstauglicher Dinge wie eines Koffers, in dem ein Projektor, ein Spiegel und die nötige Hardware ist, wird dieses mobile Abspielgerät mit einer Saughalterung außen an einem U-Bahnwaggon befestigt und wirft während der Fahrt Bilder und Filme an die Tunnelwand. Den Bahnfahrern wird bei genauerem Hinsehen gezeigt, wie Fische mit dem Strom der Fahrt schwimmen, die Botschaft lautet: Quo vadis? SubWay myWay yourWay the green eyl. An der nächsten Station wird alles wieder abgenommen und man verschwindet fast unbemerkt von der Bild- und Projektionsfläche. “Wir wollten uns von dem üblichen Graffitimethoden lösen und suchten nach einer Lösung, ähnliches mit mehr Freiheit zu gestalten. Die inzwischen günstige und sehr leistungsfähige Technologie ist ja verfügbar und will genutzt werden.“ Die Unterbrechung der gewohnten Bahnfahrtsituation erlaubt einen Bruch alltäglicher Sehweisen und Aufmerksamkeiten der Passagiere, die sich plötzlich mit etwas konfrontiert sehen, das so nicht die Norm bildet. “Wichtig war uns, dass wir mit diesem Projekt in den öffentlichen Raum gehen können. Eigentlich war es sogar ein spezifisches Ziel, es so einfach zu konzipieren, dass wir es schnell von einer Bahn an die andere bringen können. Es ist eher städteplanerisch gemeint als künstlerisch oder technisch relevant.“ Mitgestalten der eigenen Umgebung, der Orte, an denen man sich selbst bewegt und aufhält, und ein neuer Denkansatz, das ist es, was “Parasite“ in diesem Fall ausmachen sollte. In Deutschland sicherlich als Kunstprojekt, als Versuch öffentlicher Designmethode autorisierbar, kamen bald internationale Reaktionen via Weblogs und Anfragen von Zeitschriften, die sich auf eine ganz andere Thematik hin dafür interessierten. “Was uns sehr überrascht, und was wir auch eigentlich im Vorfeld nicht bedacht hatten, war die Kontextualisierung auf 9/11 und die Bombenanschläge auf die Londoner U-Bahn. Der Gedanke, dass Koffer an U-Bahnen inzwischen automatisch mit Terroranschlägen und auch Sicherheitsfragen und -lücken in Verbindung gebracht werden, hat das ganze Projekt noch einmal unter einen anderen Gesichtspunkt gestellt.“ Streetartterrorismus à la Mac Gyver bietet hier zudem noch Stoff für Diskussionen. Materialsichtung, Infos und Kontakt findet man über die Homepage der UDK. Blogbeiträge kann man auf den angeführten Links nachverfolgen. Reclaim the streets.

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Elektronische Lebensaspekte.