Die Space Hijacker sind ein Aktivistenkollektiv aus London, das den totgeglaubten öffentlichen Raum wieder in eine kommunikative Zone verwandeln will. Zwischen politischen und künstlerischen Ansätzen schlenkernd vollziehen sie ihre Aktionen mit Mitteln der politischen Partizipation und des künstlerischen Ausdrucks - weltweit.
Text: Kay Meseberg aus De:Bug 73

Kommunikative Unordnung
Die Space Hijackers

Schon mal versucht, sich an einem Tag nur im öffentlichen Raum zu bewegen? Nur allgemein zugängliche Plätze aufzusuchen, um dort auf angenehme Art die eigene Freizeit zu gestalten? Vielleicht vor dem Reichstag eine Runde kicken? Fehlanzeige! Das Grünflächenamt steckt Knöllchen in die Schienbeinschoner. Vielleicht mal so richtig hippiemäßig vor einem Einkaufszentrum herumlungern und den Protestsong des Modernisten aus dem Blaster tönen lassen? Schwupdiwup geht einen der zuständige Wachschutz auf die Ketten. Dann doch lieber in die Überwachungskameras grinsen und anzügliche Grimassen schneiden.
Die Space Hijackers sind eine Aktivistengruppe, die im urbanen Raum die Kampfzone ausweiten. Sie sind eine Gruppe, die sich auf urbane Problematiken spezialisiert hat. Ihre Waffen sind ideologiefrei, mit Spaßfaktoren versehen. Sie sind im Spannungsfeld zwischen Kunst und Politik aktiv. Widerstand mit einladender Gestik. Ästhetik ohne popkulturelle Redundanzen. Direkte Aktionen und kreativer Widerstand sind ihre Merkmale. Die beliebteste Verkleidung der Aktivisten sind die seriös machenden Businessanzüge. Ihre Werkzeuge sind auf Mobilität und Schnelleinsatz getrimmt: Koffer und Hackenporsches. Wenn die Hijacker ihre Koffer packen, bedeutet das: In einem Koffer befindet sich ein Skateboard, im nächsten eine mobile Einsatzzentrale, eine Tequila-Bar oder auch ein CD-DJ-Pult inklusive Piratenradiosender. In einem weiteren Lederquader haben sie dann mit einem Pflanzholz, Samenspender und Wasserbehälter eine Pflanzvorrichtung zum Guerilla-Gärtnern versteckt. Damit bringen sie ökologische Unordnung in geometrisch geordnete Parks und auf den berühmten englischen Rasen: Ihre Spezialität sind in Blumen geschriebene Slogans, die erst nach einigen Wochen der Samenlegung sichtbar werden.

Guerillataktisch gegen die sprachlosen Hochglanzfassaden
Die Hijacker sind der lebende Beweis dafür, dass es manchmal schon genügt, ein ganz normaler Jugendlicher zu sein, um partizipatorisch aktiv zu werden. Ursprünglich waren sie eine Gruppe Skaterkids, die nichts anderes wollten, als zu üben, bis das Hobby nicht mehr schmerzhaft ist, Schürfwunden und Knochenbrüche gegen Respekt der Freunde getauscht wird. Da aber hatten sie die Rechnung ohne Polizei und Wachmänner gemacht. Deren Verscheuchungstaktik führte zur Gründung der Space Hijacker, einer Gruppe von einem Dutzend Künstlern, Programmierern, Architekten und dem Kinomanager Robin, der als Wortführer der Gruppe fungiert: “Wir versuchen, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu bekommen. Das Ziel ist, die Menschen dazu zu bewegen, ihre Gemeinschaft und ihre Umgebung selbst zu kontrollieren. Wir wollen, dass die Leute wissen, wie ihre Umgebung gestaltet ist, was mit ihrem eigenen öffentlichen Raum passiert. Wir erheben keine Forderungen wie: Wir brauchen kleine Tante-Emma-Läden. Die Idee ist vielmehr, an den Wurzeln anzusetzen und Widerstand aufzubauen. Unsere Idee ist, mit verschiedenen Aktionen die Art und Weise, wie öffentliche Räume heute funktionieren, zu untergraben. Wir fangen an, die zu stören, die den öffentlichen Raum managen. Wir selbst können den öffentlichen Raum nicht umgestalten. Wir sind keine Stadtplaner. Aber wir können Aktionen starten, die Plätze verändern. Es geht einfach darum, Anarchie in die Architektur der öffentlichen Räume zu bringen.”
Darum auch der Zweitname: Anarchitekten. Mit ihren Zielsetzungen repräsentieren sie politische Partizipation im bürgergesellschaftlichen Rahmen. Das ist aber zahmer, als es erscheinen mag. Denn den Hijackern geht es um kommunikative Unordnung statt sprachloser Hochglanzfassaden.
Ihr Hauptquartier ist London. Inzwischen hat sich dank Webseite und der dort offerierten Möglichkeit, sich als Agent registrieren zu lassen, eine Schar von 700 Leuten weltweit den Anarchitekten angeschlossen. Geschickt genutzt, den Segen der Globalisierung. Gegen die Exzesse der Globalisierung wenden sie sich in dem zweitwichtigsten Punkt ihrer Zielsetzung: Sie kampagnieren gegen Sweatshops wie Nike, Levi’s, Gap. Und gegen die globale Monokultur der Logos und Konzerne, die die Innenstädte dieser Welt beherrschen. Sie plädieren für die Erhaltung lokaler Eigenart.
Lokale Eigenart ist das Motto der wohl erfolgreichsten Aktion der Space Hijacker: Toiletten Galerien. Die Orte, in denen selbst Fastfoodkonsumenten zum Nachdenken kommen, gestalten die Hijacker guerillataktisch zu Aktionsgalerien. Sie geben mit diesen Aktionen dem privaten Raum Schnellessbude ein Stück Öffentlichkeit. Die Werke lokaler Künstler stellen sie in den Toilettenboxen von Donalds-Star-King aus. In Johannisburg und New York wurde den englischen Vorbildern nachgeeifert. Mit Anti-Bush- und Anti-Kriegs-Motiven demonstrierten sie so überdies gegen die Post-911-Wendungen US-amerikanischer Außenpolitik. Hijacker Robin dazu: “Wir versuchen, den lokalen Charakter der Städte zu bewahren. Starbucks und McDonalds zu verbannen, ist schwer möglich. Darum wollen wir mit unseren Aktionen auf die Besonderheiten von Städten hinweisen, anstatt alles der globalen Monokultur zu überlassen.”
Die Antiwartagging-Aktionen, bei denen sie Straßen und Plätze mit Antikriegslosungen bepflasterten, verliefen nicht ganz so erfolgreich. Das Tagmaterial Kreide wurde vom englischen Regen weggewaschen. Aber immerhin gingen die Hijacker wie immer straffrei aus. In Berlin kann das Bemalen von Bürgersteigen mit Kreide hingegen formal mit Geldbußen gestraft werden.

Taggen aus dem Tunnelzug
Die Aktionsformen der Hijacker sind stets mit einem Unterhaltungsfaktor versehen. Besonders deutlich wird das bei ihren Circlelineactions. Hierbei rufen sie nur wenige Stunden vor der Aktion auf ihrer Webseite zu einer Party in der Tube auf. Zu den letzten beiden Veranstaltungen kamen mehr als 600 Feier- und Demonstrierfreudige. Die U-Bahn-Waggons werden mit mitgebrachter Bar und roten Folien in Clubatmosphäre getaucht. Musik gibt es aus Gettoblastern und dem eigenen Koffer-Pult oder von den Stimmbändern der Mitfeiernden. Nebenbei trommeln die Leute auf den Verkleidungen in den Wagen und skandieren “No War”. Ein paar U-Bahn-Angestellte schauen dem Treiben schulterzuckend zu. Die Idee zur Circlelineaction fußt auf den zahllosen Verboten in der Londoner Tube. Walkmanhören verboten. Starkriechendes Essen nicht erlaubt. Etc. Die Intention: Eine Veranstaltung zu machen, die alle Verbote mit einem Schlag bricht, so Robin. Das Ergebnis: Applaus von überraschten Passagieren und das Bewusstsein seitens der Leute, dass man in den Tunnelzügen auch Spaß haben kann, dass die Gefährte nicht nur missmutige Zeitgenossen transportieren.
Ähnlich erfolgreich verlief auch das Vorgehen der Hijacker gegen Überwachung im öffentlichen Raum. Sie drapierten scheinbar offizielle Plakate und Schilder an Laternen, die darauf hinwiesen, dass in der folgenden Zeit seitens der Polizei Wachtürme und Metalldetektoren in den Straßen installiert werden. Zur Sicherheit der Bevölkerung und zur Kontrolle, dass auch alle Anwohner hübsch zur Arbeit gehen. Folge: Die Hijacker konnten sich vor Anrufen von Sicherheitsfirmen nicht retten, die ihre Technik verticken wollten.

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Elektronische Lebensaspekte.