Mit Bullaugen und Wachs-Schutz rettet das schwedische Ein-Mann-Label "Gram" den Canvas-Sneaker in den Winter.
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 108

Mode

Barbourjacke für den Fuß
Gram
 
In seinem ersten Roman “Faserland“ fragt Christian Kracht sich in allem Ernst, wie abgewetzt eine Barbourjacke sein sollte und in welcher Farbe man diese dann am besten trägt.
Was vor gut zehn Jahren noch an Jacken abgehandelt wurde, kann heute am Schuh besprochen werden, eigentlich an der Schuhspitze.
 
Seit vier Saisons gibt es die Hybris aus klassischem Herrenschuh und coolem Sneaker. Wer zeigen will, dass er zur Hipster-Elite gehört, trägt die schicken weißen, vorne spitz zulaufenden Halbschuhe von Schmoove oder Swear. Als Accessoire zum schwedischen Klötenfresser von Acne oder Cheap Monday prägen sie die Galerieeröffnungen, heißesten Partys und was sonst so wichtig ist.
 
Nun hat das kleine schwedische Label “Gram” eine etwas andere Variante dieses Schuhs erfunden. Die sind zuerst nämlich eher nicht weiß, sondern passen sich den traditionellen schwarzen Chucks an. Mit der eigenwilligen Schnürung könnte man sie sogar einen Hauch fetischmäßig finden. Während Schmoove und Swear eigentlich durchweg aus Leder sind, kommen diese jedoch aus Stoff und sind deshalb von zartester Leichtheit. Sie sitzen am Fuß wie die Leggins um die Beine. Diese Leggins heißt als Jeans bekanntlich Acne und so langsam wissen alle, die macht es noch so ein halbes Jahr. Außerdem gibt es als Clou bei Gram noch das Wachs dazu, mit dem man ganz individuell verschiedene Modelle einwachsen kann – das gibt ihnen Wetterfestigkeit und individuellen Ton. Also auch was für Schriftsteller in Strickjacken mit Hornknöpfen. 
 
Bürohengst und Straßenclown
 
Komisch ist ja, dass die vorgestellte Hybris an spitzen Schuhen genauso wenig vom klassischen Herrenschuhträger getragen wird wie vom lockeren Turnschuhtypen. Die Modelle sind einfach zu affektiert. Zu sehr Robin Hood, Straßenclown und halbseidener Neorocker. Auch wenn mancher das gerne hätte, man kann sie nicht so einfach in Karlsruhe auf der Arbeit anziehen. Es ist zu viel überschwänglicher Hang zur Distinktion in sie reingeschustert, zu viel Eleganz.
 
Gram ist nicht nur die neueste, sondern wohl auch die unklarste, am wenigsten entschlossene und deshalb entspannteste Variante. Sie werden entschiedener von Männern gekauft, leicht gothig und haben von allen Varianten die meiste, ja, Bodenständigkeit. Trotzdem wird auch bei Gram Provinztauglichkeit nicht zum Zeichen von Qualität. Höchstens insoweit, wie die letzte Kollektion des avantgardistischen Designerclowns John Galliano als tragfähig und fast schlicht beurteilt wurde.
Die gewachste Variante mit Schnürschutz, den man in dieser Form ganz unumwunden “Gamasche” nennen muss, ist ein entschiedener Wink in die Zukunft. Denn nach Electroclash ist auch Rock’n’Roll als modische Stilvorgabe vorbei. Es geht nun zum Dandy. Das haben die letzten Schauen gezeigt und damit ist der Schuh voll auf Linie. Und vom Dandy ist es nicht weit zu Christian Kracht, der bekanntlich immer schon Clarks Desert Boots trägt. Und die sind ja so was von rund an der Spitze. 

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Elektronische Lebensaspekte.