Nick Talbots Ein-Mann-Band Gravenhurst ist der Wolf in Warps Indierock-Schafspelz. Auf seinem neuen Album hat er das Distortion-Pedal entdeckt und seiner Liebe zu alten englischen Indie-Helden wie Spacemen 3 gefrönt.
Text: Christoph Jacke aus De:Bug 97

Ausbrechen mit Sick Nick: Gravenhurst

“Sick Nick“, so nannten seine Eltern den 28-jährigen Engländer Nick Talbot, weil dieser andere Leute in der Bibliothek mit Mörder- und Geister-Geschichten erschrak. Der Spitzname schien für ihn Programm, blieb Talbot doch Zeit seines Lebens Fan von Geistern, Horror, Morbidem und allgemein Myteriösem in Literatur, Film und eben auch Alltag.
Talbot ist ein hornbebrillter unkomplizierter Typ mit einer großen britischen Portion Selbstironie. Sein Projekt, ja mittlerweile spricht er sogar selbst von der “Band” Gravenhurst, scheint so etwas wie sein ganz persönlicher Ort zum Ausleben seiner überweltlichen Neigungen zu sein. Überhaupt geht es dem Engländer viel um Orte und Plätze, das beweist nicht zuletzt ein Blick in die Lyrics seiner unter dem Namen Gravenhurst bisher veröffentlichten vier Alben, insbesondere des neuen Werks “Fire in Distant Buildings”. Nick: “Klar fasziniert mich meine Umwelt. Aber im Grunde entwickeln sich die Texte dann erst zu den Songs. Ich schreibe die nicht vorher, um sie dann zu vertonen.“
Talbot ging es auch bei der Namensgebung seines Projekts um Geographisches: “Gravenhurst ein Kaff in England. Den Namen habe ich aus einem Pullman-Song und dachte, das hört sich nach so einem verschlafenen, spießigen Nest an, in dem merkwürdige Dinge geschehen.“ Dabei bleibt wichtig, dass Gravenhurst keine Assoziationen zu vollkommen durchgeknallten, abgespaceten oder überzogenen Shoegazer-Stilen provoziert. Gravenhurst begannen als Ein-Mann-Projekt, nachdem Nick den Vorgänger Assembly Communications aus persönlichen Gründen aufgelöst hatte: “Das erste Gravenhurst-Album ‘Internal Travels’ ist mir zu autistisch. Es ist wie ‘Flashlight Seasons’, ohne dessen gute Songs. Ich wollte damals mit dem Tod eines guten Freundes und Mitmusikers klarkommen.“ Also beginnen wir die eigentliche Zeitzählung erst mit dem umwerfenden Album “Flashlight Seasons“ von 2004 und der dazugehörigen E.P. “Black Holes in The Sun“ (inklusive der unglaublich düsteren Coverversion von Hüsker Düs “Diane“, bei der Talbots Akzent einen statt “Diane“ immer wieder „Dying“ singen hören lässt), dessen ambienter Acid Folk an kanadische Bands aus dem GodSpeedYourBlackEmperor!-Umfeld denken ließ. Sicherlich kennt und schätzt Talbot diese Musiker, aber er bezieht sich doch klar auf ältere Bands. Der Name Spacemen 3 fällt immer wieder, und auf eine gewisse Art erinnern vor allem seine sphärischen Songs an die einstigen Astronauten aus Moseley: “Spacemen 3 waren großartig. Auch die immer abgedrifteteren Solo-Arbeiten von deren Sonic Boom begeistern mich.“ Fragt man den studierten Philosophen aber nach einem musikalischen Wunsch, wie etwa einer Produktion mit Orchester und Chor, wie dies die Spacemen-Nachfolgeband Spiritualized vorgemacht hat, bekommt man eine überraschende Antwort: “Nein, das finde ich abgedroschen, over the top und viel zu glatt. Jason Pierce von Spiritualized hat es übertrieben. Ich sitze lieber zu Hause auf dem Bett, um meine Songs fertig zu stellen.“
Wie kam Talbot zu Warp, die ja eher für Elektronik stehen? “Warp waren die Einzigen, die mir einen Plattenvertrag anboten.“ Der anschließende Lacher signalisiert, dass Talbot Aphex-Twin- und Squarepusher-Platten zu Hause stehen hat. Zudem liebt er Broadcast, mit denen er auch in den USA und Kanada tourt. Ähnlich pointiert wie zur Label-Frage fällt auch Nicks Antwort auf die Frage aus, warum sich Gravenhurst hin zu einem durchaus auch noisigen und eruptiven Rock-Ding entwickeln. Wollte sich da jemand austoben, ausbrechen und laut werden? “Nein. Ich bekam 3000 Pfund für die Produktion der Platte und musste ja irgendwas damit anfangen. Also stellte ich eine Band zusammen.“ Das hat nicht geschadet, Gravenhurst mutieren auf dem neuen Album vom bittersüßen Acid Folk zu zehnminütigen Ausbrüchen zwischen Shellac – Bob Weston und Steve Albini kamen in einem Traum von Nick als Totengräber vor -, Postrocky und Weltallsymphonie der über allem thronenden Spacemen.

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Elektronische Lebensaspekte.