Chicagos Techno-Exzentriker Green Velvet lädt auf "Whatever" ein zu einem weiteren Kapitel rauer, schräger Elektronik mit hoher Textlastigkeit. Und wieder wirf t sich die Frage auf: Ist sein Techno Anti-Hymne oder Verherrlichung? Neubesinnung oder Zynismus eines bekennenden Hedonisten? Yeah ... Whatever!
Text: Katja Hanke aus De:Bug 54

Polysemie-Pogo
Green Velvet

“Das Schöne an Kunst ist, dass sie viele Bedeutungen haben kann, dass man sie nicht auf eine Interpretation festlegen kann. Wenn ich ein Gemälde betrachte, ziehe ich lieber meine eigenen Schlüsse darüber, was es ausdrücken könnte, als mir vom Künstler anzuhören, was seine Motivationen waren. Das wäre mir zu unpersönlich.”
Für sehr persönlich hält Green Velvet auch seine eigene Kunst. Er hat viel zu sagen: Techno-Punk mit Mitteilungsdrang. Texte, die verschiedene Auslegungen zulassen, vorgetragen von einem psychotisch-wirkenden Zyniker. Die Anhänger des Entweder-Oder-Prinzips tun sich schwer damit. Manche mögen Green Velvet vorwerfen, dass er keine konsequente Meinung annimmt. Wie ist das nun mit “LaLaLand”, einem Stück über das Raven und gleichzeitig erste Auskopplung der neuen Platte? Nicht eindeutig zu sein, das mag er am meisten. Not to be too obvious, sagt er immer wieder. Die Leute könnten beim Hören der Musik doch etwas ganz anderes empfinden als er, etwas, das für sie zu einer “unique experience” führen könne. Erklärungen seinerseits würden dieses Einzigartige abschwächen oder gar nicht erst entstehen lassen.

Der Bowie des Underground
Der Mann hinter Green Velvet, Curtis Jones, hat Chicago-Musikgeschichte mitgeschrieben. Seine Labels Cajual (House) und Relief (Techno) trugen Beachtliches zur Wiederbelebung des Chicago-Sound Mitte der 90er Jahre bei. Als Cajmere veröffentlicht Jones seit zehn Jahren elegant-klassischen, oft vocaligen House. Mit Green Velvet begann er 1993 eine härtere Seite auszuleben: ein Techno-Grundkonzept mit Elementen aus Industrial, New Wave, Funk, Euro-Disco und Punk. Der Groove wird von apokalyptischen Gesängen zersägt. Mit freakiger, anprangernder Stimme berichtet Green Velvet von den Abgründen des täglichen Lebens. Auf der Bühne ist er – inspiriert durch Idole wie Bowie, Grace Jones oder Sly Stone – ein Entertainer im Superhelden-Glitzerkostüm. Die grüne Noppenkappe vergangener Jahre hat er inzwischen gegen einen verhältnismäßig konventionellen grünen Federmowhak eingetauscht. Ein schriller Show-Star in der sonst so unschrillen Welt der elektronischen Musik. “Ich denke, dass ein Durchschnittsjemand im allgemeinen mehr Interesse daran hat, eine Show zu sehen, als die Musik zu hören.” In einer Show können Leute erleben, wer genau hinter der Musik steckt und wie er als Künstler seine Musik interpretiert und auf der Bühne umsetzt. Jones scheint auf der Bühne juvenile Comicträume abzubilden: der Aufklärer aus dem Fantasy-Underground, der durch den Morast der post-industriellen Konsumgesellschaft watet.

Hypnotischer Techno-Punk
Eigentlich könnte sich die Vermutung aufdrängen, dass hier jemand durch Showeffekte und Personenkult von der Musik selbst ablenken möchte. So etwas hat Jones gar nicht nötig. Auf seinem neuen Album “Whatever” treibt er sein Green Velvet Konzept weiter voran: “Punk by electronic means”. Neben Punk sind die Einflüsse von Industrial / EBM und New Wave hier besonders dominant. Glücklicherweise führt diese Mischung in dem Fall nicht zu gewöhnlichen 80er-Retro-Klängen. Das wäre für Jones zu soft und viel zu einseitig allemal. Hier trifft Chicago-Sexyness auf Hardcore-Wahn, Punk-Rock auf Acid-Hypnose. “Ich liebe Musik, besonders elektronische. Ich liebe die Energie, die sie mir gibt, und wie sie mich irgendwie in eine andere Welt befördert. Musik ist für mich eine Flucht aus der Wirklichkeit. Sie macht das alltägliche Leben erträglicher.” Der totale Eskapismus ist jedoch nicht möglich; verhindert durch eine die Musik dominierende Stimme, die von Dingen aus der Wirklichkeit, der es zu entfliehen gilt, spricht. Für Jones hat diese Kombination einen SciFi-ähnlichen Effekt: es besteht ein deutlicher Bezug zur Realität und gleichzeitig ist da ein Element, das die Geschichte vollkommen von dieser wegtreibt. “Meine Tracks sind sehr hypnotisch, und ich denke, dass viele Leute sich vor allem durch das Textelement mit ihnen identifizieren können.”

Dark but not hopeless
Die Texte auf “Whatever” handeln von Paranoia, Drogenexzessen, Rassismus und dem Sich-Zurecht-Finden in einer harten Welt. Green Velvet hat nicht viel Schönes zu berichten. “I like to keep my music real.” Ja, es gibt auch schöne Dinge, doch dafür hat er Cajmere. Green Velvet geht es darum, die Rationalität zu ergründen, die das Handeln der Menschen bestimmt, und einen Weg zu finden, der letzten Endes zu einem positiven Ergebnis führt. “Das Leben ist dunkel, aber nicht hoffnungslos.” Das Leben anderer zu ändern, hat er nicht vor. “Ich finde es okay, wenn ich von meinen Erfahrungen erzähle. Und vielleicht helfen sie irgend jemandem, der gerade etwas Schweres durchmacht und sich mit den Stücken identifizieren kann.” Dann wären sie eine “helping hand, alles, was man manchmal braucht.” Das klingt äußerst engagiert. Wie ernst er es wirklich meint, wird unklar bleiben. Jones spricht überlegt und ruhig. Gelegentlich lacht er belustigt, so, als ob er selbst von seinen Äußerungen überrascht wäre. Immerhin ist er Green Velvet, der freakige Zyniker im Weirdo-Kostüm. Der helfende Entertainer? Ihn einzuordnen fällt schwer, und gerade darum scheint es zu gehen. Der konstante Drang nach Ambivalenz. Jones ist ein Meister darin. Kategorisierungen werden der Komplexität des Lebens nicht gerecht. Andere in Stereotype einzuordnen, zeugt von Unwissenheit. Doch ganz so ernst kann auch das nicht gemeint sein. Sein neues Album hat er schließlich “Whatever” genannt. Whatever als eine Art lockere Einstellung, als einfache Antwort auf Unwissenheit, auf Dummheit. “Manchmal, wenn du mit Unwissenheit konfrontiert wirst, bringt es nichts, darauf einzugehen und zu probieren, sie zu korrigieren. Manchmal musst du unwissende Leute einfach unwissend lassen, du kannst sie doch nicht überzeugen. Dann sagst du einfach: Yeah man, whatever.” Manchmal ist weniger nachdenken einfach mehr – auch im Bezug auf Green Velvet. “Ambiguity, that’s life.”

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Elektronische Lebensaspekte.


Text: jan joswig aus De:Bug 22

Der Lacher im Auge des Chaos Green Velvet: “Constant Chaos” statt “Brighter Days” Jan Joswig janj@de-bug.de ”Ich habe immer gesagt, daß Silber meine Lieblingsfarbe ist,… aber das überdenke ich noch einmal.” Warhol 1975 Glamrock-Revival? Das ist ja wohl so herbeikonstruiert wie das 20er Jahre Swing-Revival. Antike Musik, die sich über das Aufladen aktueller Diskurse, Androgynität, zu entstauben versucht. Es gibt doch Versionen von Glamour, die sich nicht als Kostümfestspaß verharmlosen. Glamour ist eine Faust im grünen Samthandschuh. Grüner Samt statt Silberfolie. ”They were little green men or women. They had skin as soft as velvet. And then they started to do all these weird and unusual things to me. It wasnÕt like it was painful or pleasureful. It was like the two of them, so pleasureful it was painful”(Abduction-Tracklyrics) Curtis Jones schmiedet als Green Velvet an den ganz großen Existenzerfahrungseisen: Universe, Mind, Future, Body, Soul. Ein metaphysischer Erlebniszirkus in den Ruinen der industriellen Revolution, durch die Green Velvet als Cyber-Krieger mit grünem Noppenkopfputz, den Mosesstab in der Hand, voranscoutet. Green Velvet schreibt den Soundtrack zur verschatteten Seite der elektronischen Welt. Die Technorelativierung zu der ungetrübten Discoeuphorie der Housetracks unter seinem zweiten Künstleralias, Cajmere. Grinning Green Velvet statt Smiling Cajmere, “Constant Chaos” statt “Brighter Days”. Ein harttreibender Sarkasmus, der gegen den Fatalismus ankämpft, daß die Party vorbei ist, es aber keine Alternative zum Tanzen gibt. “WennÕs so weiter geht, dann wird unsere Zukunft nicht rosig aussehen.” Green Velvet-Tracks stellen das Lernprogramm, um sich in dieser Zukunft bewegen zu können. Mal langsam ”But then it stopped. No green men or women. There I was doing the dishes again.” Haha, 180 Grad Zurücknahme. “Wenn man sich das Cover von Constant Chaos näher ansieht, wirkt das schon etwas deprimierend. Aber das ist nicht so gemeint.” “Ich habe Humor.” Curtis Jones ist Entertainer, zuerst und zuletzt. Nicht bange machen. Sein künstlerischer Allroundentwurf, Musik wie Figur, soll vor allem den Unterhaltungswert eines Science Fiction-Reißers haben. Der Cyber-Krieger ist Cyber-Glam-Krieger. “Verärgert oder frustriert? Oh nein, ich liebe es zu feiern, ich liebe Partys.” Die Dias der Stahlschmelzöfen sind eine originelle Dekorationsalternative im Partykeller. Curtis Jones kommt von der Party, und da will er auch bleiben, erst als Gast, dann als DJ, besser Performer. Die Party ist seine Perspektive auf die Technokultur. Mit diesem Blick unterscheidet er auch Techno und House: “Zu Techno tanzt man generell alleine, der Fokus liegt auf dem DJ. Auf Housepartys tanzt man gemeinsam, als Paar.” Als Techno-DJ Green Velvet ist man bei solch Ausrichtung auf seine Person natürlich zu mehr Programm aufgerufen als bloßem Plattenwechseln unter der Sweaterkapuze. Wenn er von sich als Künstler spricht, meint er seine Auftritte als DJ/ Performer in voller Green Velvet-Superheldenkostümierung mit dem Kopfhörer als Mikrophon und nicht sein isoliertes Produzieren im Studio. Das Publikum nimmt erst seine Auftritte wahr, dann seine Platten: “Ich glaube daran, daß die Leute, die mich als Künstler mögen, auch meine Platten zu schätzen lernen.” Nicht umgekehrt. Was außerhalb seines Bewegungsradius als konkrete Person liegt, ist dann eher zweitrangig. Detroit gerät schon außer Reichweite: “Detroit ist so weit weg von hier, vier Autostunden Fahrt.” Und der Rest der Welt erst. SchaffÕ deinen Körper auf die Party ”Wenn du deine Person als visuelles Image benutzt, dann stößt dich das nicht aus dem Untergrund. Andersherum gibt es Rockacts, die sich nicht abbilden lassen. Die sind deshalb noch lange nicht Untergrund.” Für Curtis Jones sind die biologischen Grenzen des Körpers noch verbindlich, Email kann einen Händedruck nicht ersetzen. Der Jubel über die Befreiung vom Repräsentationszwang in Techno löst bei ihm deshalb nur ratloses Schulterzucken aus. “Ich wollte immer die Künstler sehen, die mich berührten.” Das waren dann wohl Undisputed Truth und Kiss. Die Maschinen schaffen keinen neuen sozialen Raum, sie zerstören den sozialen Raum: “Die Maschinen haben ein entscheidendes menschliches Element in unserem Leben ersetzt. Die Maschinen sind das Problem, nicht die Menschen, die mit ihnen arbeiten.” Aber benutzt er nicht gerade Maschinen, um Menschen auf der Party zusammenzuführen? “Ich denke, meine Musik wäre besser, wenn ich mehr mit Musikern zusammenarbeiten würde, Bläser statt Bläsersample. Allerdings liebe ich auch den massiven Beat der Maschinen. Aber, weißt du, alles ist widersprüchlich…” Zum Beispiel auch, daß er ein “non-mechanistisches, warmes, menschliches Element” in seiner Musik erhalten will und das in prätechno New Wave-Sounds findet, die immer als Inbegriff androider Kälte galten. Entstellte, verfremdete Stimmen und Klänge, die nach einer Kombination mit Derrick Mays Yello-Remix rufen, als das menschliche Antlitz einer enthumanisierten Gesellschaft? Na klar, denn das ist ja eingebettet in den Humor des grünperückten Unterhaltungskönigs. Nichts ist menschlicher als Humor. Sein trainierter Oberkörper, bestens ausgeleuchtet, ist denn auch nur Beleg für ausdauernde Partybelastbarkeit. Der gestählte Bioorganismus als Äquivalent zu den stahlharten Maschinen, die Terminatoren als Freunde und Vorbilder, nicht Feinde, die Finger aus dem gleichen Material wie der Crossfader, fit für eine maschinendominierte Zukunft, solche Überlegungen interessieren ihn nicht: “If it looks cool, I do it.” Samt changiert, Op-Art aus den Boxen Das Triple-12inch-Boxset “Constant Chaos” demonstriert die Ambivalenz von dunkler, aggressiv-pessimistischer Ernsthaftigkeit (als Attitüde) und Alles-gar-nicht-so-gemeint-Lockerbleiben bis in die kleinsten Details. Das Stöhnen in “Coitus” über einem Giorgio Moroder-Beat kann man genauso als Liebesaktbegleitung wie als Todeskampfröcheln hören. Warum auch noch die rüdesten, dickbesohltesten Beats einen zum Lächeln statt zum Ducken bringen, bleibt ein Geheimnis, das wohl doch im Künstlernaturell des Menschen hinter den Maschinen verborgen liegt. Ravedramarturgie funktioniert nicht als die plumpe Psycho-Verführungsfalle. Die Technoelemente werden mit diesem wissenden Grinsen ausgestellt, die jeden Zuhörer zum Beobachter seiner selbst machen. Aber ironisch vorgeführt wird nichts. Und Karneval ist das schon gar nicht. So wie Public Enemys Flavor Flav der gefährliche Clown war, an den die Kinder ihre Eltern verrieten, so ist Green Velvet der verstörende Alleinunterhalter, dessen Musik genauso sehr von Bedrohung wie von Befreiung spricht. ”Das Symbol auf den EP-Labels meint “No Peace”. Es illustriert das “Constant Chaos”, denn im konstanten Chaos gibt es keinen Frieden. – Aber nicht, daß ich dafür werben würde.” Zitat: Detroit ist so weit weg von hier, vier Autostunden Fahrt Der gestählte Bioorganismus als Äquivalent zu den stahlharten Maschinen, die Terminatoren als Freunde und Vorbilder, nicht Feinde, die Finger aus dem gleichen Material wie der Crossfader, fit für eine maschinendominierte Zukunft. Servicekasten: ”Green Velvet” ist der Technocharakter des Chicagoers Curtis Jones, der als “Cajmere” andererseits (Vokal)house veröffentlicht. Mit seinem 1992 gegründeten “Cajmere”-Label “Cajual” und dem 1993 nachgeschobenen “Green Velvet”-Label “Relief” erweckte er Chicago nach dem Acidbacklash zur zweiten Elektronikmusikhochphase. Neben der “Underground Goodies”-Reihe, “U got me up” mit Dajae oder “Only for you” veröffentlichte er als Cajmere 1996 die “Brighter Days”-LP auf Emotive. Als Green Velvet brillierte er vor allem mit “Flash” und “Preacher Man”. Beide Label dien(t)en als Plattform für verschiedene, hauptsächlich Chicagoer Künstler wie Gene Farris, Paul Johnson, Mark Grant oder Boo Williams. Auf seine aktuelle Green Velvet Dreifach-12inch “Constant Chaos” auf Music Man Records wird demnächst eine EP mit einem “Abduction”-Remix von Surgeon und einem “Coitus”-Remix von Cajmere selbst folgen.

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