Der Kölner Heiner Kruse hat als Green Man und Basswerk-Labelbetreiber eine Menge Wasser im deutschen Drum and Bass-Strom aufgewirbelt. Jetzt produzierte er für Combination Records mit dem UK Wahlverwandten Klute und Spaß statt Dogmatismus sein erstes Album "You decide".
Text: orson sieverding | rp14600@online-club.de aus De:Bug 53

drum and bass

Nieder mit der Geschmackspolizei
The Green Man

In Köln Mühlheim, zwischen Fabrikhallen und Lagerhäusern, befinden sich die Basswerk Studios. Genauer die Studios von Heiner Kruse aka The Green Man und Laszlo Milasovszky aka Cheetah. Gemeinsam wird von hier aus Basswerk organisiert, Partys und Label gehören zu den beständigsten in der deutschen Drum and Bass Szene. Die Veröffentlichungen stehen für einen eigenen, straighten, gezielt experimentellen Sound. “You Decide” ist Heiner Kruses erstes Album, es ist soeben auf dem Düsseldorfer Label Combination Records, das von Philipp Maiburg organisiert wird, erschienen. Das Labelprogramm von Combination Records reicht von den verspielten, langsamen Ansätzen des Duos Fellman und Luise über den minimalen, funky, geraden Sound von Antonelli Electric und Michael Scheibenreiter als Swimmingpool hin zu “You Decide”. “You Decide” ist eine feine Mischung aus Hit und innovativem Experiment, die geradezu aus dem 12″ Drum and Bass Fach heraus springt, um sich einem größerem Publikum vorzustellen.

De:Bug: Inwiefern bezieht sich der Titel deines Albums “You Decide” auf deine Musik?

Green Man: Der Titel bezieht sich vor allem auf die Grundhaltung dahinter und den kleinen Text, den ich zu dem Album geschrieben habe. Zumindest hierzulande hat es jeder selbst in der Hand, etwas an seinem Leben zu ändern, wenn es ihm nicht gefällt. Sich z.B. nur dort anzupassen, wo man sich anpassen will, und auch mal gegen den Strom zu schwimmen und das Maul aufzumachen. Ich schreibe sowas, weil ich erstaunlich viele Leute sehe, die mit ihrem eigenen Leben nur unzufrieden sind und sich entsprechend benehmen, anstatt etwas zu ändern. Elektronische Musik ist da zum Glück oft eine rühmliche Ausnahme. Zwei meiner ältesten Kumpels sind mit Mitte 20 jung gestorben und ihnen ist zum Schluss bewusst geworden, was sie noch alles gerne tun würden. Die Musik bringt eine persönliche Stimmung rüber, und ich bin froh, dieses Album jetzt endlich gemacht zu haben.

De:Bug: Auf dem Album hast du zwei Stücke zusammen mit Klute produziert, wie sah die Zusammenarbeit aus ?

Green Man: Klute ist gelernter Drummer und war mal ein Bandleader, während ich DJ, ehemaliger Klavierspieler und halbwegs gelernter Tontechniker bin, da haben wir uns gut ergänzt. Wir teilen eine experimentelle und mit Spaß verbundene Einstellung und Arbeitsweise beim Produzieren, die auch beinhaltet, dass man sich mal amüsiert über den Kram, den man grade verunstaltet, und was Nettes daraus bastelt. Wir gehörten nicht zur mit Orden dekorierten Geschmackspolizei des Drum & Bass, auch wenn Klute grade von 31, Timeless und Metalheadz geadelt wird, sondern machen nur ein bisschen Musik und nichts weiter. Tom wird vor allem auch sein eigenes Label Commercial Suicide machen. Freut euch auf “Gluesniffer”! Chicks entstand im Frühling bei mir im Studio, Lost bei ihm in London.

De:Bug: Wie siehst du das Drum and Bass Netzwerk in Deutschland ?

Green Man: Ich find die deutsche Szene eigentlich ganz angenehm, es geht in erster Linie darum, wie man musikalisch zusammen passt. Ich glaube fast, dass es in Deutschland weniger um Politik geht als in England, wo viel mehr Geld an dem ganzen Zirkus dranhängt. Ich meine, dadurch dass noch nicht so viel Geld im Spiel ist, ist der Umgang noch ganz relaxed und die Szene locker, auch wenn hier und da manchmal Eifersucht entsteht. In Deutschland entwickelt sich das einfach ruhig und langsam. Das ist im Moment noch alles auf einer spannenden Ebene.

CDs brennen, bei Exchange schneiden, Kontraste suchen

De:Bug: Welche Produzenten interessieren dich zur Zeit ?

Green Man: Es gibt in Deutschland zur Zeit eine Menge weniger bekannten Nachwuchs wie z.B. SSB, Young Ax aus Berlin, Rawkus oder Telmo A , die sich sehr interessant weiterentwickelt haben. Da möchte ich auch nochmals auf das Thema CD Auflegen kommen. Natürlich ist es mir wichtig, das ich meine eigenen Stücke hören und nachbessern kann. Ein anderer Punkt aber ist, dass ich mit CDs viel eher in der Lage bin, ein individuelles Set zu spielen. Abgesehen davon gibt es von diesen ganzen deutschen Nachwuchsproduzenten Interessante Tracks, die ich auf CD habe und mit Hilfe von diesen pitchbaren CD Spielern genau so gut wie eine Platte spielen kann. Das mach ich dann auch, weil ich mir nicht monatlich 10 Dubplates leisten kann. Es geht eigentlich darum, dass du in der Lage bist, mit irgendeinem Medium die Dinge gut mixen zu können, und ob das jetzt mit MP3, Vinyl oder mit CDs ist, ist dann letztlich nicht so wichtig, auch wenn sich Vinyl natürlich am schönsten anfühlt. Ich meine, Dj Arbeit ist eigentlich redaktionelle Arbeit, ein guter Dj arbeitet wie ein Journalist, er muss möglichst viel an Musik kennen, durchhören und gut präsentieren. Das Gefühl für die Leute, Dramaturgie und die Mixtechnik muss man natürlich haben, aber das ist eigentlich die Pflicht.

De:Bug: Also bist du daran interessiert, dem oftmals vorherrschenden Aktualitätswahn und der damit einhergehenden Monotonie etwas entgegenzusetzen ?

Green Man: Ja, Kontraste auch mit puren Drum and Bass Sets. Aber wir werden zusammen mit Philipp Maiburg und Combination eine neue Party Reihe starten, wo wir das noch mehr aufbrechen wollen. Es ist ein Experiment und es passt zu dem Ansatz von Combination, eine weit gefasste Ästhetik, die sich unter dem Begriff Breakbeat, Drum and Bass, Techno zusammen fassen lässt, auch auf einer Party unterzubringen. Ich mag kontrastreiche Dj Sets. Ich finde es erschreckend, wenn du auf einem Drum and Bass Floor das Gefühl hast, es ist die ganze Zeit das selbe. Und nebenan auf dem Techno Floor spielt Luke Slater die Kontraste. Die Konsequenz ist nicht unbedingt, dass man ein 2 Step Set spielen muss, um diese Abwechslung zu schaffen, es gibt genug Möglichkeiten, in Drum and Bass Stücken selber für Kontraste zu sorgen.

De:Bug: “You Decide” hast du bei Exchange in London geschnitten, wie wichtig ist dir die Soundqualität deiner Produktionen ?

Green Man: Exchange schneidet lauter als in Deutschland geschnitten wird. Aber in Deutschland habe ich das Mastering komplett selber gemacht und Exchange hat noch zusätzlich zu meinem Mastering gemastert und Bass reingedreht, was mir teilweise zu viel ist. Aber es ist schon verdammt laut, besonders für die Seiten mit mehreren Tracks ist das superklasse. Bei Drum and Bass ist Sound immer wichtig. Aber ich würde jetzt nicht zu sehr einzelne Sounds sezieren und sagen, diese Snare ist aber besonders gut, wenn das Stück scheiße ist, umgekehrt kann natürlich auch eine falsche Snare ein gutes Stück versauen. Ich hab ja auch im Magazin Keyboards eine Serie Drum and Bass Workshops gemacht, so produktionstechnische Sachen. Mich interessiert, das so weiterzugeben, um den Leuten ein bisschen die Angst zu nehmen, dass sie mit ihrem eigenen Equipment nichts machen können. Wenn du dein Hirn einsetzt, Selbstbewusstsein entwickelst und ein paar Leute gesehen hast, die es selber machen, dann merkst du, die Kochen alle nur mit Wasser. In England wurden am Anfang auch mit minimalem Equipment die besten Tracks gemacht. Aber ich hab selber auch lange gebraucht, bis ich ernst genommen habe, was ich produziere. Da hat es geholfen zu sehen, jemand wie Klute lässt auch den Zufall walten und einfach irgendwelche Dinge zufällig geschehen und nimmt sich dann noch mal 10 – 15 Minuten, um ein bisschen was zu korrigieren. Das war’s dann aber auch. Aber das Wichtigste bleibt der Vibe, den das Stück verbreitet.

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Elektronische Lebensaspekte.