Dizzie Rascal ist ihr erster Majorstar: Die Londoner Grime-Szene vermischt den 2Step-Sound mit HipHop, verführt Neunjährige zum MCen und sorgt endlich wieder für frische Aufregung in den Keller-Pubs und Ghetto-Studios. Christian Fussenegger hat sich vor Ort ins Gedränge geschoben und den Vibe eingesogen, und ihr seid nicht um die Kunde betrogen.
Text: Christian Fussenegger aus De:Bug 82

Britische Bässe
Nach Garage kommt Grime

Es ist wieder soweit. In der Beton- und Ziegelwüste der Londoner Vororte braut sich was zusammen. Ganz unbemerkt. Geht man auf die Suche, findet man vielleicht eine Handvoll Plattenläden. Mit etwas Glück den ein oder anderen Piratensender im Äther. Vorbeifahrende Autos, deren Subwoofer-Basslines ein flaues Gefühl im Magen verursachen. Ganz sicher findet man aber in jedem Londoner Estate Horden von Kids, die 16, 32 oder mehr Takte Reime parat haben. ”Can you spray? Can you spit?” – diese Frage wird als rhetorisch belächelt, denn hier ist jeder MC. Fragt man weiter, wie sich ihre Musik nennt, bekommt man meist ein Schulterzucken. “I don’t know. It doesn’t have a name yet.“ – “It’s like HipHop, but British. It our own ting, innit!” – “Some call it grime. It’s grimey, like the streets.”

JUNG UND BRITISCH
Soho, Freitagmorgen. Im winzigen Keller von Uptown Records steht eine Gruppe Schulschwänzer. Die meisten sind 15 oder 16, einige nicht älter als 12.
Mit großen Augen begutachten sie die Wand hinterm Tresen. Eine Wand voller Whitelabels, 50 bis 60 Releases, Producer und Tracknamen mit schneller Hand auf die weißen Hüllen gekritzelt. Unterteilt in Kategorien wie Sublow, Eski-Beats, MC-Tunes, Riddims, 4/4, Dubstep oder Old-School. Die Musik ist ohrenbetäubend, 135-140 bpm, wüste Basslines und extrem krispe Beats. Und langsame Halftime-Tunes, die Timbaland zu denken geben sollten. Was hier im Keller verkauft wird, ist frisch aus dem Presswerk und entzieht sich einfacher Kategorisierung. In Sachen Tempo ist UK-Garage rauszuhören, produziert wird mit dem gesamten Wissen von Drum and Bass, aber erst im unteren Frequenzbereich entsteht der Vibe. Dancehall liegt in der etwas stickigen Luft, und vielleicht die Zukunft von R’n’B. Hinterm Tresen steht Cameo. Der 23-Jährige verkauft hier seit 2 Jahren die Tracks, die gestern erst im Kinderzimmer gebastelt wurden. An Wochenenden ist er als DJ unterwegs, “up and down the country“. Als der Begriff UK Garage zu eng wurde für das, was ihm täglich in den Laden geliefert wurde, begann er “Sublow” drüberzuschreiben. Dann kam Wiley mit seinen “Eski-Beats”. Und inzwischen gibt es Grime-Riddims wie den PumPum-Riddim, auf den Dutzende MC’s gepackt werden. Cameo ist stolz auf das, was hier entstanden ist. Innovate not imitate. “Was hier in den letzten Jahren entstanden ist, ist unser HipHop. Hier kommen zum Teil Neunjährige rein, die alle Tracks und jeden MC kennen. Diese Musik ist extrem jung, in der Szene gibt’s keinen über 25.“ Heute Morgen sind neue Tracks von Terror Danjah, DJ Wonder, Tubby und Wiley reingekommen. Und morgen schon wieder ausverkauft. Die Kids stopfen zwei, drei Platten in ihre Nylon-Turnbeutel und veschwinden.

CREW
Stratford, Samstagnachmittag. D Double E zieht noch mal tief. Gleich muss er bei seiner Mutter vorbei, das bedeutet: Rauchen verboten. D Double E ist im Moment einer der heißesten MC’s in London. Sein neuester Track “War wid” ist bei den Piratensendern quasi auf Heavy Rotation, jedes Kind im Viertel kennt sein Trademark-Intro-Geräusch, ein langgezogen-kehliges “Uhh-oh“. Mit im Auto hockt sein bester Kumpel, MC Monkee. Sie unterhalten sich leise über den Rave in Northhampton, bei dem D Double heute Nacht auftritt. Vor drei, vier Jahren waren beide noch “one hundred percent drum’n’bass“, versichern die Anfang-Zwanzigjährigen. D Double E ist inzwischen solo, das bedeutet, dass er nicht mehr als Teil der 15-köpfigen N.A.S.T.Y.-Crew auftritt. Seit sein Kumpel Dizzee Rascal letztes Jahr die nationalen Charts mit dem Sound der kaputten Wohn-Ghettos konfrontierte, ist alles anders. “Das Leben in einer Crew ist anstrengend. Da gibt es Typen, die nehmen dich in eine Crew, weil sie wissen, dass du gut bist – that u are a deep spitter. Aber in echt hassen sie dich. Es gibt viel Neid. Inzwischen haben die Majors von dieser Musik gehört, und von den Verkaufszahlen im Underground. Wenn sie dann anrufen, dann landen sie aber erst mal bei der Nasty-Crew. Das bringt mir gar nichts.“ Grime-MC’s wie D Double, Wiley, Kano, Durrty Doogz oder Crazy Titch sind genau genommen keine MCs mehr, sie selbst bezeichnen sich als “artists”. Also mit echten Lyrics statt leeren Hype-Phrasen. Und dabei doppelt so schnell wie gängige HipHop-MC’s.

PERSPEKTIVE
Leytonstone, Samstagabend. Über eine schmale, steile Treppe gelangt man in ein kleines Kellergewölbe. “The Basement” wird das winzige Studio in der Szene genannt. Aufrecht zu stehen ist unmöglich, die wenigen Sitze belegen Kids “from the ends”, aus dem Viertel. Ratty quetscht sich also ins Gewölbe. Er ist hier, um neue Tracks von den Producern Jammer und Biggaman zu testen. Ratty ist 22 und produziert seit einem Jahr unter dem Titel “Lord of the Decks” eine CD- und DVD-Compilation. Einige Tausend hat er schon verkauft, ganz ohne Vetrieb. Früher war er in einem anderen Business, aber darüber will er nicht reden. “Die Regierung hat schwarzen Jugendlichen wie mir keine Perspektiven zu bieten. Und dann macht man Sachen, die man eigentlich nicht machen möchte, you get me, blood? Lord of the Decks, das ist mein eigener Job, ich bin dafür verantwortlich – and white man’s not giving me a job. Ich will diese Musik riesig machen, in Amerika, auf der ganzen Welt!“ Jammer nickt zustimmend und murmelt was von Supermarkt und Regale auffüllen. Im Hintergrund läuft ein Blaxploitation-Bassline-Monster auf 140bpm, die anwesenden MC’s murmeln geistesabwesend Texte, alle anderen nicken stoned zur Musik. Ratty muss los. Heute Abend will er seine Kamera in einen großen Rave schmuggeln – die 5000 Karten zu je 25 Pfund sind fast ausverkauft. Einige historische MC-Battles stehen auf dem Plan, und natürlich Ladies. Das Business schläft nicht.

DER MC UND DIE PARTY
Central London, Sonntagnacht. Die Straßen der City sind tot, hierher kommt man nur zum Arbeiten. Auf der Suche nach Earl’s Winebar sind Security Guards sehr hilfsbereit. “It’s a coloured people’s place, innit? I know it, it’s over there.” Earl’s ist tagsüber eine Weinbar für City-Banker, nachts ein Club, in dem sich ganz East-London trifft. Terror Danjah und seine Kumpels von der East Connection wollen auch rein. Sie kommen direkt aus dem Studio von Deja Vu FM, einem bekannten Piratensender im Osten der Stadt. Ihr Plan ist, bei der Party der Mo’Fire Crew das Mikro zu kidnappen, eine Art Überfall auf Freunde. In der völlig überfüllten Bar gestaltet sich das unmöglich. Der DJ wechselt, statt Dancehall kommt nun Grime aus den Boxen. Sofort schnappen sich die Zuschauer das Mikro und der Raum explodiert. Um das Mikro gruppieren sich 10 bis 15 MCs, die Zuschauer brüllen einzelne ihrer Textpassagen lauthals mit. Das Mikro wechselt schnell den Besitzer, wird förmlich aus der Hand gerissen. Nach 20 Minuten hat Terror Danjah genug. Seine Jungs waren nicht am Mic und nur noch wenige Mädchen tanzen. Terror Danjah arbeitet als Producer jeden Tag mit MCs zusammen. Aber er ist er einer der wenigen in der Szene, die auch Sängerinnen ins Studio lassen. “Viele der Tracks sind für MC’s gemacht, sehr minimal und dark. Aber wer will stundenlang MC’s hören? Zu Hause höre ich Zeug wie Musiq Soulchild. Ich mache Tracks, die die Party am laufen halten, ich mache Lieder. Wir müssen zeigen, was man mit dieser Musik alles machen kann.“ Vor der Tür warten die Jungs im Wagen, sie müssen gleich bei einer Party in Bow sein. Der verblichene R’n’B Star Shola Ama hat dort eine P.A. – sie versucht ein Comeback zu starten, mit einem Track von Terror Danjah. Die Chancen stehen gut, denn besser hat sie sich nie angehört.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.