Mit Grizzly Bear baut Warp sein Standbein Indie weiter aus. Bedanken kann man sich bei der Großtante von Ed Droste, dem Chef der Band. Die starb mit großen Träumen an Leberzirrhose.
Text: Hendrik Lakeberg aus De:Bug 105

Indie

Nostalgische Spukgeschichten in Moll
Grizzly Bear

Als Ed Drostes Großtante in den Dreißigern nach New York zog, hatte sie wahrscheinlich nicht mehr als ein paar Koffer bei sich. Ein paar ansehnliche Kleider vielleicht und ein wenig Startkapital, das den Rücken frei halten sollte, um ihren Traum zu verwirklichen: als Sängerin New York zu erobern.

Doch Marla Droste scheiterte. Sie begann zu trinken und starb viel zu jung an Leberzirrhose. Zwei Generationen später entdeckt die Familie Droste die alten Aufnahmen und restauriert sie. Eine bis vor kurzem nicht mal existente Randnotiz der Popmusik wird unter den Händen Ed Drostes zu einer Geschichte tragischen Glamours. Mit seiner Band Grizzly Bear setzt er der früh gestorbenen Großtante ein kleines Denkmal. Er wählt einen der insgesamt 23 unbetitelten Songs aus, interpretiert ihn neu und veröffentlicht den Song auf der gerade erschienenen Grizzly-Bear-Platte “Yellow House”. Es ist ein Walzer, der davon handelt, wie Marla ihrem Vater, einem vergesslichen Professor, die verlegten Aufzeichnungen für seine Vorlesung zusammensucht. Unter den Händen von Droste und seiner Band wird das Stück zu einem schleppenden, unheimlichen Tanz, durch den der Geist der verstorbenen Großtante zu spuken scheint.

Auch Ed Droste zog vor einigen Jahren nach New York. Seine Visionen sind bodenständiger als die seiner Großtante. Andere Zeiten erfordern andere Strategien. Er studiert Englisch mit dem Ziel, als Journalist zu arbeiten. Die Musik, die ihn während der High School intensiv beschäftigt hatte, opfert er vorläufig für das College; los ließ sie ihn nie. Nach Abschluss seines Studiums ist die Zeit auf Ed Drostes Seite. Er schließt sich in seinem Bedroom-Studio ein und nimmt im Alleingang das versponnene Elektronika-Folk-Album “Horn of Plenty” auf. Das findet den Weg zu einem Warp A&R. Der meldet sich begeistert bei Droste mit der Ansage, dass sein nächstes Album unbedingt bei Warp erscheinen sollte. Eine kleine Blitzkarriere. Ein wenig von dem, was seine Großmutter damals nicht geschafft hat.

Im Haus ist Platz
Für “Yellow House” ist Grizzly Bear zu einer vierköpfigen Band geworden. Etwas jedoch bleibt von der Homerecording-Situation, die “Horn of Plenty” ausgemacht hat. Die detailliert ausgearbeiteten Songs, die feinfühligen, komplexen und versponnenen Arrangements – Ed Droste und seiner Band gelingt es die Homerecording-Intimität in das Band-Kollektiv zu retten. Die spontane, fragile Atmosphäre, die entsteht, wenn man allein in seinem Zimmer erst mal alles ausprobieren kann, was einem in den Kopf kommt, und ganz auf sich gestellt mit der eigenen Stimme experimentieren kann – ohne sich vor einem kritischen fremden Blick rechtfertigen zu müssen. Das hört man auf “Yellow House” immer noch. Jetzt allerdings in Cinemascope-Format. Aus dem zerbechlichen Falsett-Gesang sind Falsett-Chöre geworden, hinzugekommen sind bombastisch klingende Streicher-Ensembles, bei den Gitarren wird ab und an der Verzerrer aufgedreht und aus dem Bedroom-Studio ist das geräumige Haus seiner Mutter auf der nordamerikansichen Halbinsel Cap Cod geworden.
Da ist vor allem eine Spur, die in das Zentrum von “Yellow House” führt:
das Haus seiner Mutter, der Song seiner Großtante – durch “Yellow House” spukt ein Gefühl von diffuser Nostalgie. Ed Droste: “Eine Nostalgie für etwas, über das man sich nicht ganz bewusst ist. Manchmal höre ich zum Beispiel einen Song und er erinnert mich an etwas, von dem ich nicht genau weiß, was es ist. Das kann ein beruhigendes Gefühl sein, manchmal hat das aber auch etwas Geisterhaftes und Unheimliches.”

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Elektronische Lebensaspekte.