In Hamburg lässt das Groenland Orchester mal alle Brüche links liegen, die Techno und House in Musikproduktionen eingeführt haben. Es zieht lieber eine gerade Linie zu serieller, minimaler, elektroakustischer Musik aus der Zeit vor den Umwälzungen.
Text: florian sievers aus De:Bug 45

elektronika

Ausweichroute um die Revolution
Groenland Orchester

Der Paradigmenwechsel, den Techno in Musikproduktion und -konsum eingeführt hat, ist einem als Twentysomething-Bewohner der westlichen Wohlstandsstaaten ja kaum noch bewusst. Ebenso wenig, dass es schon vor den 90ern einiges an Loop-Experimenten, seriellen Produktionsansätzen und Demontagen von Rockstartum gegeben hat. Wer älter ist als sagen wir – 35 – sieht wahrscheinlich schon eher die Kontinuität hinter dem Bruch. Und wenn man diese beiden Perspektiven schließlich unter einem Dach zusammenbringt, hat man wohl ein fruchtbares Spannungsverhältnis. So gesehen sind die beiden Mitglieder des Groenland Orchesters bestimmt eine gute Kombination: der 23jährige Jyrgen Hall ist nämlich fast halb so alt wie sein Partner Günther Reznicek, 41. Kein Wunder also, dass sich die beiden Hamburger bei elektronischer Musik nicht mit Aktuellem wie Laptop-Gerocke, urbanem Dub oder gar Club-Kompatibilität aufhalten, sondern lieber ziemlich klassische Ansätze zwischen Pop-Song und E-Musik-Komposition verfolgen. “Ich mag gerne Wechsel und Spannungsbögen, die von der Klassik kommen”, sagt Günther, “und so etwas fehlt mir bei der meisten Clubmusik.”

Das Groenland Orchester werkelt in Hamburg zusammen mit Typen wie Felix Kubin und Klangkrieg an einer Verkopplung von Elektroakustik, Klangkunst, Musique Concrète, zeitgenössischer Musik und Pop. Wegen ihres Hintergrunds klingen die Ergebnisse wie kaum etwas Anderes: sie verweigern den Funk und das Erbe schwarzer sonischer Revolutionen in elektronischer Musik und konzentrieren sich auf einen wuseligen, schwer einzuordnenden Kunstansatz, in dem eher an Sounds und Songs denn an Beats und Basslinien gefeilt wird. Vor Ort manifestiert sich diese Erscheinung an sozialen Orten wie dem Westwerk, der Astrastube oder der Hörbar. Günther und Jyrgen, der die finnische Schreibweise seines Namens bevorzugt, haben sich dort Anfang der 90er in einer, wie sie selber sagen, “Altonaer Hippie-Musik-Kommune” kennen gelernt. Jyrgen hatte vorher zwar auch nicht gerade Chicago-House-Maxis gesammelt, sondern klassische Gitarre und später Bongos im Park gespielt – aber bei ihm war ein größerer Teil seiner Musiker-Laufbahn den mit Detroit, Berlin, Chicago, London und Frankfurt verbundenen Ideen ausgesetzt als bei Günther, der sich schon etwas länger in Bandschleifen-Experimenten engagierte.

“Wir interessierten uns damals in der WG alle für dieselbe Musik, Post-Industrial, konkrete Musik und so, und stellten das dann auch selber her”, erklärt Günther. “Aber irgendwann kam dann auch das Interesse an Pop und rhythmisch strukturierter Musik zurück.” Also brachten die beiden das alles zusammen und gründeten 1998 das Groenland Orchester, dessen Mitglieder nicht sie, sondern die Klänge sind, die alle etwas zwischen E und U sagen wollen. Mit Techno und House hat das Groenland Orchester also nichts zu tun, auch wenn es jetzt auf denselben Plattformen verhandelt wird. Dann doch schon eher mit elektronischem Pop, der ja vor 20 Jahren schon mal eine Menge neuer Entwicklungen verhieß. Günther hatte 1996 eine CD auf dem Pariser Label “Odd Size” veröffentlicht, welche Staubgold, das Kölner Label-Mailorder-Kleinunternehmen für abseitige Elektronikmusik-Ansätze, im Programm hatte. So kam der Kontakt zu ihrer Veröffentlichungsplattform zustande, für die sie heute ihre verschrobenen Elektronik-Pop-Lieder auf primitiven Tracker-Programmen komponieren und dann im Klangkrieg-Studio mit gefundenen Klängen und Bandinstrumenten anreichern.

Neben dem Groenland Orchester arbeitet Günther als freier Grafikdesigner, macht gerne mal Theater-, Film- und Fernsehmusiken und produziert unter seinem Nachnamen Reznicek rein experimentelle Musik. Außerdem veröffentlicht er als Nova Huta auf den ebenfalls norddeutsch-außenstehenden Edition Stora und hat für seine zweite Nova Huta-LP gerade sein Zimmer mit Alleinunterhalter-Keyboards vollgestellt. Der studierte Physiker Jyrgen arbeitet zur Zeit als Webseiten-Programmierer, produziert solo als Gunter Adler zwischen Popmusik und Elektroakustik und erstellt gerade minimalelektronische Skizzen zusammen mit dem Ebenfalls-Hamburger Horst Petersen a.k.a. Jetzmann. Das alles vernebeln die beiden mit einem Haufen nett erfundener Legenden von falschen Zollbeamten, polnischen Onkels mit Jobs als Werksmusiker in alten Stahlwerken oder einsam gestorbenen Alleinunterhaltern. Auch nicht gerade das klassische Image-Repertoire zwischen Untergrund-Widerstand-Mythen, Hedonismus und Futurismus-Huldigungen. So kann wohl gerade der Weg außen um die Klang-Revolutionen herum interessante Beiträge zu eben diesen liefern. Besonders im traditionell verschrobenen Hamburg.

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Elektronische Lebensaspekte.