Text: vicky tiegelkamp aus De:Bug 03

Grrlmagazine
Es gibt eine Menge guter Frauenmagazine im Netz. Viele sind aus ähnlicher Motivation entstanden: Intelligente Artikel, coole Themen und gutes Design dem nervenden Frauenzeitschriften- und Werbeterror entgegenzusetzen. Vergeßt Cellulitis, multiple Orgasmen und die Trendfarben für Lippenstifte….
Von Vicky Tiegelkamp

no gender
“On the internet, there is no race…there is no gender…there is no age…”, wirbt eine amerikanische Telefongesellschaft. Im Internet sind alle gleich? Die Journalistin Eleanor R. Mason bezweifelt das. Alle Unterschiede aufzuheben, hieße, zu ignorieren, daß es sozialen Vorurteile gibt. Die soziale Veränderung sei doch eher durch Kommunikation und Interaktion herbeizuführen.
Masons Artikel “Resisting Erase-ism on the Net” ist in “Brillo” zu lesen, eines von mittlerweile zahlreichen amerikanischen Frauen-Netmagazinen. Sie haben sich ihre eigenen, individuellen Platz im Netz erobert und tragen so seltsame Namen wie Brillo, Minx, Geekgirl, Maxi oder Gurl. Auf unpretentiöse und selbstverständliche Art bieten sie Plattform für Diskussionen und Information. Die Redakteurinnen wollen die Welt mit den eigenen – nämlich weiblichen – Augen beobachten und darüber berichten. Hier geht es nicht um platte Durchhalteparolen, sondern um den Umgang mit dem Alltag, den Erfahrungen und Gedanken zu Themen wie Politik, Sex, Job bis Tampon. Häufig ist die Form der Artikel die subjektive, oft ironische Erzählweise. Es werden Dinge durchleuchtet, wie zum Beispiel warum es dem Drogerieverkäufer eigentlich so peinlich ist, Tampons zu verkaufen, und der verwunderten Kundin das Päckchen sogar noch in Packpapier schön einwickelt (“A Bloody Shame” von Fawn Fitter, Maxi). Diese Geschichten über den Alltag mit all seinen Absurditäten, haben einen Erzählcode entwickelt, der von Frauen länderübergreifend (Amerika/Europa) zu verstehen sind. Daß frau selbständig, -bestimmt und -bewußt lebt und arbeitet steht hier gar nicht zur Diskussion, sondern ist halt so. Und das es ein täglicher, entnervender Kampf ist, das alles und sich selber durchzusetzen, eben auch.

Viele der Magazine fallen in Yahoo unter die Kategorie “Grrls”, Abkürzung für “Riot Grrls”. “Riot Grrls” nannten sich Frauen aus dem Independent Musik Bereich Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre in den Staaten und erkannten, daß auch ihre Szene nicht frei war von frauenfeindlichen Strukturen.
Sie gründeten Bands wie Hole und Babes in Toyland und traten selbstbewußt auf. Einfach machen war Devise und sich nicht von anderen einschüchtern lassen. Die Frauen im Netz sympathisierten mit den Riot Grrls, waren häufig auch Fans dieser Musik, lernten die Netz Technik und veröffentlichten ihre Websites. 1994 /95 entstanden die ersten coolen Magazine wie das australische, cyberfeministische Geekgirl und die amerikanischen Bitch und Nerrdgrrl.

exclusively thinking about our relationships and our appearance
Während ihrer Arbeit an den Magazinen setzen sich viele der Online Redakteurinnen zum ersten Mal richtig mit feministischen Ideen auseinander. Häufig sind sie durch ihre Jobs in Internet-Projekte involviert und kamen so überhaupt erst auf die Idee ein eigenes Netmagazin zu machen. Einige haben vorher nie journalistisch gearbeitet und sind froh, daß sie sich ausprobieren können. Es herrscht nicht so ein Druck wie bei Printmedien. Die Themen sucht man sich selber aus und wenn es “denen da draußen” gefällt, gibt sofort ein elektronisches Feedback. Freie Autorinnen wie Eleanor haben keine Probleme Artikel in den Magazinen zu plazieren:”Für mich ist es viel einfacher per E-mail die Herausgeber zu erreichen, anstatt bei Printmagazinen anzurufen. Im Netz schick ich den Redaktionen mal einen Text zu und warte was passiert.”

Die Redakteurinnen wehren sich gegen das von Mode- und Kosmetikindustrie geschaffene Bild des allseits bereiten, dürren Supermodels. Frauenzeitschriften sind vielleicht gerade mal gut für Momente in denen man nicht denken muß: beim Friseur oder in der Badewanne. Richtige Inhalte haben sie nicht, sondern bieten nur ein albernes Plaudergeplätscher als Dekoration für ihre Anzeigen. Die Netmagazine haben keine Anzeigenkunden. Die Frauen schreiben in ihrer Freizeit, bauen HTML Seiten und machen das Design. Es kostet viel Zeit und Nerven die laufenden Updates einzuhalten und nebenher den Job nicht zu vernachlässigen. Sie alle wollen eine intelligente und ehrliche Auseinandersetzung zu Themen wie Rollenverhalten, Körper, Jobs etc.. Die Redakteurinnen betonen, daß das Magazin Teil ihres Lebens ist und oft wird aus einem ärgerlichen Erlebnis im Alltag die nächsten gute Geschichte im Web.

throw your computer out the window
Bei vielen Magazinen ist nicht nur die inhaltliche Richtung ähnlich, sondern auch die Bildersprache. Bunt oder pastellfarben sind die Sites, kokettieren häufig mit Retrodesign oder verwenden comichafte Illustrationen – ganz anders als der momentane (männliche?) Trend schwarze, reduzierte Seiten zu gestalten. Die Navigation ist bei allen einfach und übersichtlich. Die Magazine sollen zum Lesen einladen. Kelly Alfieri, Creative Director von Minx Magazine meint:” Ein cooler Site bringt Dir nichts, wenn Du den Computer aus dem Fenster werfen möchtest, weil die Bilder so lange laden oder Du Dich überhaupt nicht mehr zurecht findest.”

pro woman. post grrl. maxi.
Das Magazine Maxi gibt es seit Februar und die Redaktion ist nicht an einen Ort gebunden, sondern auf New York und San Francisco verteilt. Molly Steenson, Janelle Brown, Heather Irwin und Rosemary Pepper haben sich durch Zufall getroffen. Janelle und Heather hatten gerade ihr erstes Onlinemagazin “Bitch” eingestellt, da Heather nach New York ziehen wollte. Molly und Rosemary wollten ein Magazin, ähnlich wie “Bitch” machen, aber mit einem breiteren Themenangebot. Eines Tages trafen sie sich zufällig in einem Cafe und die Idee zu Maxi war geboren. Alle haben auch beruflich mit dem Web zu tun. Janelle schreibt für Wired News, Molly arbeitet als Webmanagerin, Rosemary hat eine Zeitlang für Hotwired gearbeitet. Bei Hotwired gibt es nach ihrer Meinung viel zuwenig Frauenthemen: “Bei einem Meeting habe ich gefragt: ” Was macht ihr denn für Frauen?” Frauen und Männer nickten betroffen-artig, diskutierten fleißig, aber passiert ist nichts .”

Molly antwortet auf die Frage, warum sie so ein Magazin machen wollte:”Frauenzeitschriften sind normalerweise darauf fokusiert, wie man seinem Freund einen besseren Orgasmus beschert oder wie man seine Oberschenkel in Form hält. Unsere Welt ist komplexer. Auch viele Frauen-Webmagazine (wie http://www.women.com) streifen nur andere Themen. Wir wollten etwas machen, das wir selber gerne lesen würden und journalistisch mehr in die Tiefe geht.” Maxi hat jeden Monat ein neues Thema, um das sich die Artikel drehen. Es gibt zusätzlich Rubriken wie Film, Kunst, Konsum und Raw Nerve, wo man sich über die verschiedensten Themen (wie z.B. wieder mal ein ganz besonders blöder Artikel in einer Frauenzeitschrift) auskotzen kann. Eigentlich würden sie gerne auch eine Print-Version machen, aber das ist momentan nicht zu finanzieren. Außerdem bieten sie nicht nur subjektive, persönliche Artikel (die ja so gern von Männern als “langweilige Befindlichkeiten” abgetan werden…) – es gibt auch eine News Sektion. Hier werden tagesaktuell Frauenthemen aufgegriffen und kommentiert.
Sie lieben am Web, daß es einem großen Publikum zugänglich ist und es den direkten Kontakt mit den LeserInnen bietet. Alle Artikel haben Diskussionsforen, die rege genutzt werden. Das Feedback per E-mail ist überwiegend positiv und oft entstehen so auch Themen.

Rosemary findet es o.k. das die Artikel in Maxi von Frauen und über Frauen sind. “Wenn wir Männer aus dem Prozeß ausschließen, dann soll es halt so sein. Es gibt Unmengen an Inhalten für Männer im Print- oder Online-Bereich, aber es fehlt immer noch an guten Artikeln für Frauen. Ich würde gerne mehr Geschlechter-neutrale Inhalte sehen.”

minx: we LOVE men and want them to read it too
Seit Februar wird Minx wird von Janice Erlbaum, Shannon O’Kelley White und Kelly Alfieri aus New York herausgegeben. Alle drei haben sich bei Pseudo.com, einer Firma für Übertragungen von Audio und Video Shows ins Netz, kennengelernt und arbeiten auch immer noch dort (natürlich gibt es auch eine Minx Real-Audio Sendung: lustiger Mädchentalk über erotische Literatur, Mastrubation und Jungs, etc…). Shannon schrieb für Projekte bei Pseudo, Kelly, als Künstlerin, interessierte das neue visuelle Medium, Janice hatte für die feministische Gruppe Pussy Poet geschrieben. Bei Pseudo hatten sie das Gefühl, daß wenn sie sich nicht irgendwie zusammentun, würden sie nicht weiter gegen die Isolierung ankommen, die von den fast ausschließlich männlich Arbeitskollegen ausging und erdrückend war.
Die Artikel von Minx sollen sich die Waage halten zwischen Spaß und Originalität. “Wir wollen über Sex, Politik, Mode und Filme schreiben und zwar alles gleichzeitig in einer Ausgabe. Das sind die Dinge, die uns tagsüber beschäftigen. Exklusiv für Frauen wollen wir nicht sein-wir lieben Männer und wollen, daß sie das auch gern lesen,” sagen die Minx Frauen im E-mail Interview mit Re.Buzz.
Die Arbeit im Redaktionsteam läuft ruhig und harmonisch ab. Die Themen werden abgestimmt und eigentlich kommt es nie zu Streitereien. “Wir sind uns nicht immer bei allen Themen einig, aber das ist auch gerade gut so, da es uns mehrere Blickwinkel erlaubt”.

so they’re wasting space on the internet too?
Am liebsten würden die Redakteurinnen von Maxi und Minx ausschließlich ihr Magazin machen wollen, wenn man davon leben könnte. Vielleicht erkennt ja die Werbeindustrie bald, daß es bei der so beliebten weiblichen Zielgruppe “Frauen zwischen 20 und 30 Jahren” doch noch andere Themen gibt. Denn ein paar gutbezahlte Tampon-, Slipeinlagen- oder auch Lippenstift Werbebanner würden wohl kaum jemanden stören, wenn die Schreiberinnen die Chance haben, in Ruhe ihre guten Ideen ins Web zu bringen.

Oder wie Rosemary so schön in einer E-mail erzählt, daß ein Vater seine Tochter beim Maxi lesen *ertappt* und sagt:””so they’re wasting space on the internet too?” – Damn right, we are. And there’s no stopping us.

Links zu den Netmagazinen:

Brillo: http://www.virago-net.com/brillo
Maxi: http://www.maximag.com/
Minx: http://www.minxmag.com/
Geekgirl: http://www.geekgirl.com.au/
Gurl: http://www.gurl.com/
Nerrdgrrl: http://www.nrrdgrrl.com/
Riotgrrls: http://www.riotgrrl.com
Bust (Online Variante der Print Ausgabe): http://www.bust.com/
Sabotage (deutsches Magazin): http://www.sabotage.de

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Elektronische Lebensaspekte.