Vor zwei Jahren debütierte der brasilianische DJ Gui Boratto mit schillerndem Tech-House erfolgreich auf Kompakt. Mit dem Nachfolgewerk ”Taky My Breath Away“ hält ein krisensicherer Boratto am optimistischen Glamour fest.
Text: Sarah Brugner aus De:Bug 131


In seiner warmen, direkten Emotionalität könnte ”Beautiful Life“ eine leichtfüßig-tanzbare Übersetzung des schwerwiegenderen Louis-Armstrong-Songs ”What A Wonderful World“ in den Club sein. Nicht dass dieser mit Abstand bekannteste Track Borattos von 2007 die Bandbreite des vormaligen Produzenten und nunmehr DJs hinreichend treffen würde, dennoch gibt er eine gewisse Linie fern der politischen Dimension des Louis Armstrong Jazz-Klassikers vor.

Denn auch wenn das hierfür gedrehte Musikvideo das Leben einer obdachlosen brasilianischen Familie zeigt, so verblasst jegliche Gesellschaftskritik angesichts eines fast schon kitischigen Blicks auf deren bescheidenes Glück.

Es ist genau diese unbeschwerte Naivität, die bei dem in Sao Paulo lebenden DJ nicht nur oberflächliches Spiel, sondern optimistisches Programm ist. Dass ”Beautiful Life“ als epischer, fast schon organisch-melodischer Song Vocals enthält, die seine Frau eingesungen hat, und der selbst ernannte Familienmensch Boratto, der vormals auch in der Werbebranche tätig war, ihn erst kürzlich für den größten südamerikanischen Mobilfunkbetreiber, Claro, lizenziert hat, tut sein Übriges.

“Ich habe damit überhaupt kein Problem, wenn eine Firma mit meinem Song ein gutes Produkt bewirbt. Hier geht’s doch nur um Mobiltelefone: Glückliche Menschen werden miteinander verbunden. Das sehe ich durchaus gut, optimistisch und positiv.”

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Frohnatur
Mit einer ungekünstelten Freundlichkeit und Arglosigkeit bezeugt ein in rosa Hemd und schwarzsamtenem Sakko gekleideter Gui Boratto im Laufe des Gespräches in der Lobby seines Hotels in Paris, dass er tatsächlich allem Möglichen ”Gutes, Optimistisches und Positives“ abgewinnen kann.

Ein musikalisches Farbenspiel aus Emotionalität, Melodiösität und Detailverliebtheit neben Nummern mit deeperen, dröhnenderen Köln-Sound zeichnen das musikalische Oeuvre aus, mit dem der 35-jährige DJ die Schnittmenge zwischen Pop und Techno nicht scheut.

Bei der Singleauskopplung ”Atomic Soda“ und ”Ballroom“ vom aktuellen Album hat man sich für rollend-pumpende Clubtracks entschieden, doch Boratto stellt klar, dass ”Take My Breath Away“ als Gesamtwerk auf den Spuren seines Vorgängeralbums wandelt: “Take My Breath Away“ funktionert ähnlich wie ”Chromophobia“. Beide wurden nicht wirklich als Danceflooralben konzipiert. Mit der Wertlegung auf Harmonie, Melodie und einem gewissen Stimmungsbild sind sie mehr Easy Listening.“

”Making the Minimum Sound Like More“ beschrieb die New York Times den Boratto-Sound. Zum Auffetten des Minimal bedient sich Gui Boratto neben manchmal recht dick aufgetragenen Loops und Beats auch organisch-instrumenteller Anreicherung: ”Bei ‘Azurra’ habe ich den gesamten Bass akustisch eingespielt, was nach 80s und gleichsam Indie-Rock klingt, auf ‘No Turning Back’ singt erneut meine Frau in ihrer weichen, unbefangenen Art, ‘Godet’ ist ein Piano-Ausklang und ‘Les Enfants’ hat ein Live-Drum-Break.“

Auf die Frage, warum er mit ”Les Enfants“ einen französischen Titel gewählt hat, überlegt er kurz, spricht von der universellen Sprache der Musik und beschließt, dass es ihm wohl um den Klang ging und ”Les Enfants“ ”einfach mehr “Glam“ hätte als zum Beispiel die portugiesische Übersetzung des Titels, die er mir inzwischen fein säuberlich auf meine Unterlagen notiert hat.

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Super Old School, irgendwie
Dem Glam in der Musik steht konzentrierte Arbeit und ein unaufgeregter, fast schon biederer Lifestyle gegenüber: ”In einer gewissen Weise bin ich super old-school. Ich kenne einige Künstler, die ihre Tracks im Flieger zwischen zwei Terminen am Laptop machen. Das könnte ich nie. Ich brauche Zeit und Muße, Monitor und Kophörer – die ganze Palette. Außerdem bin ich ein absoluter Tagmensch. Meine größten Inspirationen überkommen mich in den Morgenstunden. Nach acht Uhr abends bringe ich nichts Gutes mehr zu Wege. Dann genieße ich die letzten Stunden des Tages mit meiner Frau und meiner Tochter, fernschauend oder sonstwie beschaulich. Ich sage immer: Um zwei Uhr nachts mit einer Flasche Scotch an der Seite ist das Ergebnis ein ganz anderes als nach einem Kaffee mit Milch um neun Uhr morgens.“

Dass man auch mit pragmatischem Zugang und konsequenter Arbeit über Umwege seiner Leidenschaft zum Durchbruch verhelfen kann, beweist Gui Borattos abgeschlossenes Architekturstudium sowie sein vormaliger Brotjob als Jingle- und Radiospotschreiber und als Produzent. Knapp zehn Jahre hat er Musik für andere gemacht, bevor er sich 2003 dem eigenen Werk zu- und von der Produzentenarbeit abwandte:

”Da gibt’s dann immer den Typen aus der Agentur, der dir kluge Tipps geben will. Da gibt es immer den Klienten, auf den das Produkt zugeschnitten werden muss. Kurz – es dreht sich immer ums Geschäft und das stutzt der künstlerischen Freiheit die Flügel. Es ist nichts Schlechtes, es ist halt ein anderer Job. Das war meine Entwicklung und irgendwann kam für mich der Punkt, die Musik zu machen, die meinem Inneren entspricht. Meine Musik muss nicht länger allen unter allen Umständen gefallen.“ Eine gewisse Anerkennung für die Schnittmenge von Kunst und Kommmerz kann er aber nicht leugnen: ”Es gibt schon ganz gute Jingles, zum Beispiel (singt) ‘Volare oh-oh-oh. Cantare oh-oh-oh’. Der Track wurde als Jingle für Alitalia konzipiert, war aber so nett komponiert, dass er ein Hit wurde. Manchmal ist Kunst selbst in einem Jingle enthalten.“
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Elektronische Lebensaspekte.