Text: Birgit Herda aus De:Bug 62

Guido und ich

Zum ersten Mal begegnete ich Guido in Bonn. Den Frischlingen des Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums war je Klasse ein älterer Schüler als Mentor zugeteilt worden. Meine Sexta wartete auf Guido, Primaner, und also total alt, mindestens achtzehn, der uns etwas von seiner Oberstufen-Weisheit vermitteln sollte. Die Tür öffnete sich und da stand er: Blond, Brille, blühende Akne. Eben einer von den Großen. Wir waren 32 normale Zehnjährige, denen eine Freistunde lieber gewesen wäre. Guido versuchte es mit humorloser Sachlichkeit, wir alberten rum. Guido konterte mit lehrerhafter Strenge, wir wurden renitent. Nach einer halben Stunde gab Guido entnervt auf – und verließ heulend den Klassenraum. Kurz schwiegen wir betreten. Dann siegte der Eindruck der eigenen unvermuteten Macht . Einer riss die Tür auf und brüllte hinter Guido her : “Heul doch, Weichei!” Guido kam nie wieder. Heute wohnen Guido und ich beide nicht mehr in Bonn. Ich sehe ihn oft. Eigentlich ist er gar nicht zu übersehen. Er ist dann doch kein Lehrer geworden. Cooler auch nicht. Und jedes Mal liegt es mir wieder auf den Lippen: “Heul doch, Weichei!”

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Elektronische Lebensaspekte.