Lass uns nicht über Virtuosität reden
Text: Ji-Hun Kim aus De:Bug 142

Die virtuelle Band swingt wieder. Guillaume Coutu Dumont beweist auf “Breakin The Fourth Wall”, wie spannend und umfassend House heute immer noch sein und gedacht werden kann. Seine klassische Ausbildung als Musiker ignoriert er dabei komplett. Wir waren mit dem Kanadier im Berliner Museum für Musikinstrumente und haben den feinen House-Groove geklöppelt.

Guillaume klopft von innen an die Scheibe und winkt. Eine kurze Lederjacke, der gelbe Hemdkragen ragt ungestärkt aus dem Pullover heraus, der Audioguide ist bereits auf seiner leicht zauseligen Kurzhaarfrisur installiert und drückt leicht auf das RayBan-Gestell. Wir stehen vor dem Musikinstrumenten-Museum neben der Berliner Philharmonie. Wie der große Nachbarbau ist auch das Museum vom Meister der organischen Architektur Hans Scharoun erbaut worden. Ein Leisetreter ist dieses Museum, das auch nur die wenigsten Touristen und Einheimischen kennen. Dennoch ein schönes Kleinod, voll feiner historischer Instrumente. Guillaume Coutu Dumont, der sich gerne als multiple, vielleicht gar schizophrene Musikerformation inszeniert, hat sich bereits eine halbe Stunde vor dem Termin im Museum umgeschaut und sich einen Eindruck verschafft.

Glückskind
Wenn es um Guillaumes musikalische Vergangenheit geht, kommt immer zuerst die akademische Ausbildung als Perkussionist und elektronischer Komponist auf den Zettel. Eigentlich fing er aber erst im Alter von 17 Jahren überhaupt an mit der Musik. Dass er dennoch an der Musik-Hochschule in Montreal angenommen wurde, mag ein biografischer Geniestreich gewesen sein. Seine kongenialen Tracks, seine enorm vielschichtige Herangehensweise, diese immer wieder faszinierenden, sich verlagernden und jazzigen Drum Patterns, die auch auf dem neuen Album “Breaking the Fourth Wall” einen unwiderstehlichen Reiz ausstrahlen, lassen indes keinen Zweifel an seinem musikalischen Ausnahmetalent aufkommen. Ganz davon zu schweigen, dass seine Grooves derart Ärsche treten, dass einem schwindelig werden könnte.

Ganz kokett-bescheiden betrachtet, sieht er sich selbst jedoch als ein Glückskind der Epoche: “Ich bin so froh, dass ich in dieser Zeit leben darf, vor 100 Jahren hätte ich wahrscheinlich nie Musik machen dürfen. Ich wäre Tischler geworden. Das ist der größte Dank, den ich elektronischer Musik aussprechen kann.”

Wider dem Orchestergraben
Zwischen Cembalos aus dem 16. Jahrhundert, einem Verrophon, Pilgergeigen/-flöten, die in Gehstöcken versteckt sind, und einer Art Glasklavier, wo feuchte Finger über sich drehende Glasscheiben wandern und thereminische Sounds erschaffen, erklärt er dennoch, dass der Orchestergraben für ihn nie eine Option war. Das mag aber auch familiäre Gründe gehabt haben. Sein Großonkel war Timpani-Spieler beim Sinfonieorchester der Stadt Montreal und spielte unter dem großen Maestro Zubin Mehta. Und Pauken in so einem Rahmen zu spielen, ist eine sehr schwierige Angelegenheit. Man wartet gefühlt Stunden und hat dann für drei Sekunden seinen Moment, wo alles stimmen muss.

Während einer Aufführung kam aber alles ganz anders: “Er muss mit seinen Gedanken irgendwo anders gewesen sein, denn als sein Einsatz kam, hätte er etwas sehr Feines, Dezentes spielen sollen, er aber knallte auf die Pauken, was das Zeug hielt. Es war ein Klavierkonzert und der Pianist versuchte daraufhin vor Lachen seinen Kopf in den Tasten zu verstecken. Aber Mehta hat daraufhin nie etwas zu meinem Großonkel gesagt.” Vielleicht macht das auch die Klasse eines solchen Dirigenten aus.

Klavierverstimmungen
Dass Monsieur Coutu Dumont lieber seine eigenen Ensembles digital dirigiert, will ihm, auch wegen solcher Geschichten, keiner verübeln. Als wir später vor einem riesigen Klavier-Gussrahmen stehen, erzählt er von einer weiteren Geschichte der Musikstadt Montreal, die sich in den 70ern in seiner Universität zugetragen haben soll.

“Ich glaube es war Iannis Xenakis, der den Auftrag bekam, ein Stück für präpariertes Klavier zu schreiben und aufzuführen. Als er ankam, hat er allerhand Dinge in und auf die Saiten gelegt, Federn, Nägel und all das Zeug. Zwei Tage hat er dieses Klavier für das Konzert präpariert, umgestimmt, modifiziert. Als Xenakis am Premierenabend vom Abendessen zurückkam, fand er eine an ihn gerichtete Notiz: Bitte hören Sie auf, Dinge ins Klavier zu tun, das ist nicht gut für das Instrument. Aber es ist für heute Abend gestimmt.” Der Klavierstimmer kam kurz zuvor in den Saal, er wusste, es würde ein Konzert stattfinden, also hatte er das Piano wieder ordnungsgemäß hergerichtet. Er machte nur seinen Job, aus dem Konzert wurde aber nichts.

Die Instrumente
Auch wenn Guillaume bislang bei seinen Livesets immer mal wieder Percussion-Sequenzen live spielt, und so den Rahmen des Knöpfchendrücken ein Stück weit Richtung Instrumentarium rückte, geht er nun noch einen Schritt weiter. Auf der diesjährigen Mutek wird er die Uraufführung seines neuen Bühnen-Settings Guillaume & the Coutu Dumonts feat. The Side Effects präsentieren. Mit dabei sind Vocals, Keyboards, Gitarren und Saxophon. Das markiert auch eine Rückkehr zu seinen Anfängen, wo er in Projekten wie Egg oder Racam im Kollektiv und nicht solo die Räume beschallte.

Vor einem raren Trautonium erklärt er dann den Ansatz seiner Produktionen: “Wer hätte nicht gerne solche Maschinen bei sich im Studio stehen”, sagt er mit einem Glänzen in den Augen, als er den urgewaltigen Sound-Beispielen lauscht. “Wobei ich mit Klangsynthese nie wirklich warm geworden bin. Mir ging es schon immer eher um akustische Sound-Quellen, um die dann wiederum zu verdrehen und zu manipulieren. Ich finde es grundsätzlich interessant, Instrumente einzubinden. Aber es ist für elektronische Musik nicht notwendig. Wenn man zum Beispiel elektronische Tracks mit akustischen Instrumenten neu einspielt, fehlt am Ende immer etwas, gewissermaßen die Essenz des elektronischen Gefühls. Ich mag es einfach beides zu haben. Die Flexibilität und Musikalität eines Solos auf der einen Seite und einen straighten und starken Groove auf der anderen Seite. Das auszubalancieren ist aber gar nicht so leicht. Da muss man sehr vorsichtig sein.”

Keinen Schritt zu weit
Ein Drummer sei daher erstmal nicht eingeplant, viel lieber widmet Guillaume sich der langwierigen Disziplin, Loops und Grooves so klingen zu lassen, als wären sie eben nicht programmiert sondern gespielt. Organische Architektur, organische Elektroniksounds, irgendwie scheint das alles im Moment ganz gut zusammen zu passen. Wer Instrument sagt, reißt in dem Zusammenhang aber auch das Fass der Virtuosität auf. “Oh nein, lass uns bitte nicht darüber reden”, widerspricht er mit einem Lachen, nicht dem einzigen heute.

“Ich könnte dir eine Liste von 120 Produzenten machen, die mit so einem Konzept überhaupt nichts zu tun haben. Gut, ich kann Partituren lesen, aber wie oft mache ich das heute noch? Das ist Jahre her. Es geht darum, dass man Dinge anders sieht und anders interpretiert. Aber jemand, der viele Jahre produziert hat, kann sich genau so der Musik nähern. Das ist die Revolution der ganzen Geschichte. Man macht etwas und kann es auf der Stelle hören. Ich muss nicht erst Noten schreiben und ein Orchester zusammenstellen, um dann festzustellen, hoppla, da ist ein Fehler im System. Man tut es einfach, man hört sofort die Resultate, das ist ein anderer Musikzugang als klassische Komposition. Ich war noch nie jemand, der gesagt hat, dass ein Musikstudium oder Virtuosität Voraussetzung dafür ist, Musik zu machen. Viele große Komponisten der seriellen Musik hatten keinen akademischen Background. Was mir wichtig ist, ist das Ohr, das Wissen um die Musik und die Zeit, die man damit verbringt. Manchmal versteht man Dinge vielleicht schneller, wenn man studiert hat. Aber so viele Produzenten bringen unglaubliche Sachen raus, gerade weil sie ohne akademischen Background entstanden sind.”

Auch während seines Studiums schien sich sein sehr später Musikeinstieg bezahlt zu machen. Dass eine damalige Kommilitonin sagte, dass, egal was er komponiere, man immer seinen individuellen Strich hören könne, sieht er noch immer als eines der feinsten Komplimente, das ihm je gemacht wurde. Eine klassische Schulung bringt eben, wie in den meisten anderen künstlerischen Bereichen auch, seine Korsetts mit.

Felle und Rhythmen
Wenn Guillaume durch die Gegend flaniert, tippen seine Finger häufig einen Rhythmus. Dance Music ist eben Rhythmus-Musik. Kein Staatsgeheimnis. Viele internationale Stile haben sich auf den Tanzfluren des Westens um die Vierviertel niedergesetzt. Südamerikanisches, Afrikanisches und weiteres aus der ethnologischen Rasselkiste. Nach seinem Studium war Guillaume in einer Jazzformation namens [iks], er tourte unter anderem im Senegal, dort nahm er auch Samples verschiedener Trommeln auf, einige fanden in seinen Dance-Produktionen späterer Jahre Verwendung, zum Beispiel in seinem Debütalbum “Face à l’est”.

Mediale Kleingeistklammern wollen seitdem nicht mehr vom Bild des Ethno-Afro-Explorers weichen, was ihm allerdings nur genervte Töne entlockt: “Auf der aktuellen Platte sind so gut wie keine afrikanischen Instrumente zu hören, und wenn es nach mir geht, dann können wir das Thema gerne auch auf der Stelle einstampfen. Es hört ja einfach nicht auf. Give me a break, man! Ich war 2001 in Afrika und habe sieben Jahre danach das erste Album fertig gekriegt. Gut, ich habe einige Erinnerungen und Bilder von damals aufgearbeitet, auch habe ich dort einige Samples aufgenommen. Ich dachte, das wäre eine schöne Geschichte, der Platte irgendeinen narrativen Rahmen zu geben. Seitdem sind aber alle darauf hängen geblieben. Spiel mir einen House-Track mit afrikanischen Vocals vor: Yaboubou Yabou … oder was auch immer. Ich renne davor weg. Ehrlich, so was ist doch furchtbar”, kritisiert er seine von anderen gebaute Schublade.

Dennoch sind die Verbindungen von House und Afrika, wenn auch gedehnt, durchaus vorhanden. Tribale Rhythmus-Elemente in Tanz-Tracks hatten vor gar nicht allzu langer Zeit Hochkonjunktur, vielleicht noch immer. Auch die Renaissance klassischer Deephouse-Formeln ist um ein extatisches Percussion-Gerüst nicht verlegen. “Zwischen Sklavenarbeit und House-Musik gibt es sehr viel mehr, als dass man das eben so runterbrechen könnte. Es gibt Leute wie Ricardo Villalobos, die setzen sich meiner Meinung nach wirklich mit dieser Geschichte der Rhythmen auseinander, wo sie herkommen, was sie genau sind. Er hat ein einzigartiges Wissen, was das anbetrifft. Das, was er damals angestoßen hat, war für mich sehr produktiv. Jazz hatte diese Periode, wo nach Wurzeln gesucht wurde, im Soul gab es das ebenfalls, bei House gab es schon immer ein Interesse an der eigenen Vergangenheit. Clubmusik ist an sich ja etwas sehr Vergängliches, du machst einen Track und es gibt vielleicht tausend Nachkömmlinge, weil es natürlich auch immer um einen speziellen Moment geht, den man immer wieder reproduzieren will. Ich möchte das in keiner Form beklagen, finde diese Attitüde von Musik noch immer sehr cool. Aber wenn man einer nachhaltigeren Idee nachkommen will, dann musst du gezwungenermaßen tiefer in die Materie einsteigen, als nur ein paar Samples und Beats zu collagieren. Diese allzu typischen Strukturen – Beat, Breakdown, Sample – der gesamte Track läuft quasi in der Mitte und am Ende kommt wieder nur der Beat. Das ist natürlich extrem öd. Wir müssen damit aufhören, das führt zu nichts!”, erklärt er nach einem Schluck Cappuccino.

Nach der Ausstellung haben wir eines der umliegenden Touristen-Cafés aufgesucht. Als Berliner ist man sehr selten hier, auch Guillaume, der seit einigen Jahren in der Stadt wohnt, aber mit der semigrößenwahnsinnigen Neu-Architektur um den Potsdamer Platz ebenfalls nicht viel anzufangen weiß. Lieber tappst er auf der, wie er selber sagt, roten Linie seiner kanadischen Freunde, die sich hier niedergelassen haben. Zu Weihnachten gab er ein Truthahn-Dinner mit den für sein Heimatland typischen Meat Pies. “Auf einmal waren 30 Kanadier bei uns im Wohnzimmer”, erklärt er den Magnetismus der Exil-Mountie-Szene.

Wir reden im Transitlärm über Isolées Indie-Plattensammlung und Rockmusik. “Er spielte mir in Hamburg Sachen vor, die ich auch wirklich gut fand. Ich liebe einen guten Groove aber ein Rock-Groove ist nichts, was meinen Arsch sofort zum Wackeln bringt.” Am Ende entpuppt Guillaume sich noch als David-Lynch- und Pink-Floyd-Fan. Diese Momente zwischen tiefen Impressionen, Welten, die sich auftun können, ohne zu strengen Konzepten zu folgen, Szenenbilder oder Sounds, die Tage später im Kopf auftauchen und ein Eigenleben entwickeln können. Die begeistern ihn und ein wenig wünscht er sich diese Dinge auch für seine Musik, die es in seiner Feinheit schafft, weder Dancefloor-, noch Listening-Elektronika-Diktaten zu unterliegen. Dass seine Musik eben auch solche Geschichten erzählen kann, ohne zu direkte Vorgaben machen zu müssen. Guillaume meistert das in seinen Produktionen mit Grandesse, Chuzpe und Humor.

“Breaking The Fourth Wall” ist auf Circus Company/WAS erschienen.

http://www.circusprod.com