Attention, GusGus haben sich personell abgespeckt und ravig aufgespeckt. Mit neuer Sängerin und insgesamt nur noch vier Mitgliedern machen sich die Isländer auf, die Welt ein weiteres Mal zu erobern. Elektronischer und straighter als je zuvor. Island ist eine Disco, was sonst.
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 65

Auch Isländer können sich streiten. Das Klischee der Märcheninsel, hoch oben im Norden, mit Elfen, reichlich heißen Quellen, Björk, Múm, der Militärbasis und Bierpreisen wie auf dem Mars funktioniert bei Bands nur, bis es musikalisch nicht mehr weitergeht. Ein paar Jahre ist es her seit dem letzten Album “This Is Normal” und der kollektiven Weltübernahme. GusGus waren damals ein riesiger Haufen von Menschen, die oft kaum gemeinsam auf die Bühnen passten. Zwischen Videoleinwänden und einem schier unglaublichen Maschinenpark drehte sich das Gesangs- und Instrumentenkarussell unaufhörlich. GusGus live war nicht einfach ein Konzert, sondern ein lauter, greller Angriff auf alle Sinnesorgane. Die kleinen, verschrobenen Popsongs zwischen einer stolpernden Vorstellung von Funk und Groove wurden zu Ravemonstern und vor lauter Videos wusste man nicht, wo man zuerst hinschauen sollte. GusGus waren die beste Liveband der Welt.

All das ist lange her, jedenfalls irgendwie ein bisschen. “This Is Normal” scheint ewig her und “Attention”, das neue Album, setzt eher da an, wo die Konzerte damals aufhörten: beim kompletten Dancefloor. “Wir wollten uns völlig neu orientieren und im Zuge dessen haben einige Leute die Band verlassen”, erzählt Stef Stefansson, der gerade in Boston auf den Soundcheck wartet. Zwischen seinen kleinen Müdigkeitspausen prasseln immer wieder isländische Namen auf einen ein und euphorische “Berlin, Berlin”-Zwischenrufe. Ob ich wisse, wann die Band endlich wieder in Berlin spielen würde. Nein, tut mir leid, da muss ich passen. Aber wie ist das mit der Neuorientierung? “Bevor GusGus entstand, gab es ein Projekt namens ’T-World’. Das war ziemlich Club-orientiert. Dann kam GusGus. Leute wie Siggi kamen dazu, die nicht nur am Songwriting partizipierten, sondern sich auch um die Visuals kümmerten. GusGus war zu dieser Zeit eine Art multimediales Kollektiv, die Musik war nur ein Aspekt der Gruppe. Das hat für zwei Alben gut funktioniert, aber wir wollten straighter werden, mehr tanzen. Diese Entscheidung fiel und plötzlich waren wir nur noch vier.” Diese Dancefloor-Affinität gab es immer bei GusGus. “Attention” lebt von dieser komplett übertriebenden “Auf-die-12”-Mentalität, die so offenherzig mit auf seriösen Dancefloors längst in Vergessenheit geratenen Rave-Klischees kokettiert, dass man sich beim Hüpfen immer nur fragen kann, ob das ernst gemeint ist. Es ist. Die 909 schuftet, die Bassdrum drückt, gerne laut und übersteuert, Acid puckert genauso wie die absurdesten Trancehooks. Vielleicht war Technopop immer so gedacht. “Die neue Platte ist ein großer Schritt für uns”, schwärmt Stef. “So groß, dass wir beschlossen, bei unseren Konzerten komplett auf die alten Songs zu verzichten. Hier in Amerika hat das wunderbar funktioniert. Während 19 Shows haben sich höchstens drei Leute hinterher beschwert. Es passt einfach. Unsere neue Sängerin Urdur hat eine unglaubliche Präsenz. Die neuen Tracks greifen so perfekt ineinander, dass da einfach kein Platz mehr ist für ’Polyesterday’ oder so.” Haben das Verhältnis von Song und Track sich umgekehrt? “Genau. Bislang war es immer so, dass die Songs fertig waren und die dann instrumentiert wurden. Auf der neuen Platte lief es umgekehrt. Wir haben an Sounds gearbeitet, nicht gesamplet, sondern alles selbst mit alten Synthesizern gebaut, Schritt für Schritt. Aus diesen Sounds haben sich dann die Tracks entwickelt. Nenn es GusGus-Rave oder wie auch immer … Die Disco ist jetzt fertig.” Natürlich ist das alles irgendwie gelogen. GusGus sind immer noch GusGus, nur eben noch straighter als früher. Mit “Attention” füllen die vier Isländer die Lücke in der isländischen Musikszene, die noch besetzt werden wollte. Zwischen unglaublichen Gitarrenbands, ambitionierten Projekten wie Apparat, Weltstars wie Björk oder eben Bands wie Múm grabt sich die Inseldisco tief in die Ohren. Und was ist das Beste? “We sacked the guitars. Endgültig”. Das geht total ok.

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Elektronische Lebensaspekte.