“Rettet die Wale” ist der Konsens-Hit der nicht-formatierten Radiolandschaft. Eva Jantschitsch startet die Revolution im Ich und hört bei der Globalisierung noch lange nicht auf.
Text: Sandra Sydow aus De:Bug 92

Dekonstruierte Walrettung
Gustav

In der Zentralen Randlage in Berlin schwitzt, schwatzt und trinkt der Pöbel Bier. Eine Frau, Ende zwanzig, betritt die Bühne, lächelt ins Publikum und postiert sich hinter ihrem Laptop. Wäre Eva Jantschitsch ein Junge geworden, hätte sie Gustav geheißen. Der Protest beginnt leise und unbemerkt. Eva Jantschitsch’ klare Stimme verschwindet fast in einem Klangteppich vieler verschiedener Sounds und Geräusche. Eher Performance als Konzert, verteilt sich die Musik im Raum wie warmes Öl. Eva aka Gustav entschuldigt sich für ihre heisere Stimme. Das Licht des Monitors fällt kühl auf ihr Gesicht, während sie von Genua singt. Hier ist mehr Mensch als Maschine. Gustav bricht mit Konventionen und Strukturen.

[Rettet die Wale und stürzt das System (Rettet die Wale) ]

Am nächsten Tag in einem Cafe spricht Eva über ihr Manifest “Rettet die Wale“, ein Album mit acht Dampfhammer-politischen Songs, erschienen auf MOSZ. Das CD-Cover schmückt eine idyllische Berglandschaft. Draußen begleitet ein Aufgebot von Polizisten eine samstägliche Kreuzberger Demo. Eva geht auch mal auf Demos und ihre Songs handeln von Regierungs- und Globalisierungskritik, Feminismus und gleichzeitig immer nur von ihr selbst. “Rettet die Wale“ ist persönlich. Eva ist Medienarbeiterin. Sie hat angewandte Kunst studiert und gehört einer Generation an, die, wie sie selbst zugibt, weniger aktiv als unbewusst allgemein-politisch involviert und bestimmt ist. Eine Generation, die sich automatisch durch das Wissen ums Tagesgeschehen und Erfahrungen politisch empfindet und definiert.
Ihre Texte erarbeitet sie sich wie eine großflächige Collage. “Die Texte entstehen in anstrengender Aufarbeitung. Ich weiß ungefähr, um was es gehen soll, was mich beschäftigt und feile dann manchmal wochenlang daran herum, bis ich an ihnen nichts mehr verbessern kann.“ Die parolenartige Textur unterstreicht die Dringlichkeit und den Politcharakter ihrer Lieder, macht sie schlicht, schön und einprägsam. Eva war nie in der Antifa oder bei Globalisierungsgegnern. Sie sagt, dass die Zeitungen, Bücher, das Fernsehen und die Auseinandersetzung mit anderen Medien einen zwingen, zuständig zu sein, etwas zu tun.

[Ich tanz die ganze Nacht und trotzdem bin ich allein (Linzserenade) ]

Es liegt nahe: Sie hat Performance, Videoarbeiten und Photographie zur Umsetzung ihrer Kunst verwendet. Ihr erster rein musikalischer Auftritt fand 2002 auf einem Frauenbandfestival in ihrer Heimat Wien statt. Die Musik dient auch hier nur als Material, als Trägermedium, ist das catchy Element ihrer eigenen, politischen Botschaft. Sie muss nicht laut und fordernd sein; melodisch und sanft, denn das ist Gustavs Stil. “Es ist meine ganz persönliche Verarbeitung. Es ist eine Art mich auszudrücken, und das spiegelt sich in der Musik und der Beschaffenheit der Texte wieder. Diese Ambivalenz zwischen einer sperrigen und gleichzeitig sphärischen Musik und den fast banalen, direkten Texten ist wichtig für meinen Ausdruck.“ Eva ist DIY-Verfechterin. Sie hat die Instrumente (u.a. Geige, Akkordeon, E-Gitarre, Xylophon, Klavier) selbst zu Hause eingespielt, ohne viel technischen Schnickschnack, das Album selbst produziert, genau wie das Artwork. Konsequent organisiert sie auch ihre Tour alleine, auf eigene Kosten, reist mit dem Zug und ist mit dem Taxi in der jeweiligen Stadt unterwegs. Anders als gewohnt, bildet elektronischer Sound die Grundlage für handfeste Statements. So liefert diese Walrettung eine Basis für die Dekonstruktion elektronischer Musik: Mensch und Maschine gleichwertig in praxisnaher Symbiose. Obwohl Eva live nur von ihrem Laptop begleitet wird, hebt sie das Menschliche, ohne in eine konstruierte Attitüde zu verfallen, dadurch besonders hervor.

[Lass uns Strand finden, unter dem Pflaster der Revolution (Genua) ]

Diese Umsetzung (Texte, Musik und Organisation), die sich, öffentlich gemacht durch jedes empfangende Subjekt, objektiv veräußert, macht hier wahrscheinlich das Besondere aus. Macht immer das Besondere aus bei Kunst, wenn sie funktioniert. Gustav scheint zu funktionieren. Vom Speziellen ins Allgemeingültige durch Individualisierung auf beiden Seiten. “‘Rettet die Wale’ ist mir jetzt nach der CD immer wieder als einschlägige Parole zu Ohren gekommen. Man merkt es sich, sogar wenn man es gar nicht gut findet, reduziert es darauf. Da hab ich schon gedacht: Oh, was hast du denn da angerichtet.“ Parolen sind Futter für die Masse und Bergsujets sind Heimatkitsch. Sie sind Symbol und Fetisch des gegenwärtigen “Wir“. Man will es in die Hand nehmen und besitzen, findet es gleichzeitig irgendwie unpassend und unglaublich spießig. Sie sind Teil des eigenen Lebens und gleichzeitig Abgrenzung davon. Der Spießer in jedem von uns. Die Menschenfalle. Gustav benutzt diese Falle elegant und arbeitet mit dieser Selbsterkenntnis, mit dieser Ironie. “Ironie ist ein Umgang mit ohnmächtiger Wut. Diese Wut resultiert aus Melancholie über Machtlosigkeit, die, wenn sie nicht in Lethargie enden will, sich wieder aufschwingt und sich äußert.“
Sich äußert in Ernst, in Idealismus, in Banalität und in Romantik. Im Künstlerischen muss sich der Inhalt abstrakt und explizit manifestieren, manchmal lächerlich wirken, um sichtbar zu sein. Aber jede kreative Äußerung leitet einen Wandel im Ich ein, jeder Wandel im Ich verändert das Außen. Vielleicht Revolution. Vielleicht Kunst, ohne Zweck. Oder man lässt sich ein und erkennt sich als das, was durch Gustav folgerichtig offiziell zitiert, propagiert und karikiert wird: radikal individualistisch.

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Elektronische Lebensaspekte.