Mode bei Mad Men

Besser angezogen war das Fernsehen nie. Die Serie Mad Men ist sozialpolitischer Spiegel und Catwalk in einem. Mit viel Liebe zum Detail werden hier Outfits und Frisuren der damaligen Zeit nachempfunden. Die gestärkten Hemden und die Dauerwellen sind dabei die eigentlichen Erzähler. Gesamtgesellschaftlicher Umbruch zeigt sich erst in der subtilen Verschiebungen einer Krawattengröße.

Wenn am 6. Oktober um 22.30 Uhr die mehrfach mit dem Emmy und Golden Globe prämierte Serie Mad Men in Deutschland bei ZDFneo ihre Free-TV-Premiere feiert, geht in den USA die 4. Staffel ihrem Ende entgegen. Der Charakter des Hauptdarstellers Don Draper liegt in diesem Moment in Fetzen. Die gutgebügelten Werbemänner sind im Jahr 1965 angekommen. Die Zeit, in der die Beatles erstmals im amerikanischen Fernsehen auftreten, die Zeit Yves Saint Laurents und des Moments, in dem sich die Mode in Haute Couture und Prêt-à-porter aufzweigt und zu dem wird, als das wir sie heute begreifen: viele, kurzlebige Trends und die endgültige Verschiebung auf den Jugendlichen als Rolemodel und Hauptkonsumenten. Es ist der Beginn unserer Zeitrechnung, der Beginn des Pop. Und für die hochkonservative Clique um Don Draper ist das nicht gut. Selbst Pete Campbell, der junge, opportunistische Weichling mit den blauen, schon fast zu eng sitzenden Anzügen und dem schmalgeschnittensten Schlips bei Sterling/Cooper: Selbst er wird in diesem Moment von gestern sein.

Korsett
Draper selbst hat das letztlich mit vorbereitet. So schnittig wie seine Maßanzüge, so eiskalt sind stets auch seine Gedanken zur Lage: “Was Sie unter Liebe verstehen”, belehrt er eine Kundin bereits in der ersten Staffel, “wurde von Leuten wie mir erfunden, um Nylonstrümpfe zu verkaufen.” Mad Men erzählt die Geschichte der Emanzipation der Frauen, der Schwarzen und der Schwulen, und davon wie die Vormachtstellung des Mannes diese so lange verhinderte. Es erzählt von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz, von langsam gleichberechtigten Berufsleben, von einer Zeit, in der das gestische Inventar, das Alkohol- und Zigarettenkonsum mit sich bringen, noch nicht gänzlich halbstarken Rockmusikern überlassen ist. Die Serie handelt auch vom Leben in Suburbia, der entstehenden Konsumgesellschaft und der Verhaltenslehre der Kälte, die sich aus diesem Zusammenspiel ergibt. Mad Men erzählt davon wie viel Leben im Falschen ist.

Vor allem aber ist es eine Serie, die wie keine zuvor gesellschaftliche Zustände in den Räumen des Setdesigns und der Garderobe austariert und eine soziale Entwicklung, einen großen Umbruch erst durch subtile Verschiebungen einer Krawattengröße deutlich macht. Das Ende dieser Welt, das ist der große Schachzug Weinsteins Serie, wird nie in einem Knall inszeniert, sondern in der Verschiebung detaillierter Oberflächenmerkmale. Es ist das überkommene moralische Korsett der Zeit, auf das sich die Serienschreiber konzentrieren, sie inszenieren es styletchnisch aber in einer Perfektion, die einem Kostümfilm nahe ist. Zu Beginn sind es die Männer, die das moralische, wie aber auch das modische Korsett definieren. Sie, sind sie nur smart genug, und das sind die Ad-Men auf der Madison Avenue, beherrschen die Spielregelung und spielen in diesem engmaschigen Korsett ein Jungsspiel. Keiner beherrscht das so genau wie die Figur Draper. Wenn er morgens wieder einmal nicht nach Suburbia heimgekehrt und stattdessen unter dem Denkmantel der Überstunde Sex mit Hedonismus-Geliebten hat, sublimiert sich die weiße Weste, die er in der gesellschaftlichen Sicht auf ihn selbst nachträglich formieren möchte, nirgends treffender als in dem Schreibtischfach mit den zig gestärkten, gemangelten, blütenweißen Kantenhemden, die er sich und der Geschichte der letzten Nacht am nächsten morgen überzieht. Draper funktioniert immer nur dann, wenn er durch seine scharf geschnittene Kleidung Haltung hat. Sobald er sich seiner rahmengebenden Anzüge entledigt, liegt er in Betten von Frauen, und dann hat er nichts mehr zu sagen. Dann will er nur schlafen, oder ficken oder sich etwas erzählen lassen. Und hat Angst vor der falschen, vor der richtigen Frage.

Das hermetische System, in dem Frauen sich strikt nach Männerblicken anziehen und frisieren, atmet den stets gleichen Mid-Century-Modernismus. Reiche und schwere Eleganz. Doch irgendwann zu Beginn der vierten Staffel lädt Sterling Junior in seinem neuen Büro zur Sitzung, plötzlich steht dort aber ein – runder – weißer – Plastiktisch + weiße – Stühle. Die neue, junge Frau habe es eingerichtet, weist Roger Sterling dieses Desaster von sich. Die Männer staunen, die Männer nicken. In Drapers neuem Büro steht mit einem Mal ein blauer, organisch geformter und irgendwie zu großer Aschenbecher. Als Draper etwas später beginnt Nerven zu zeigen, haut er einen plötzlich knatschroten, durchgehend geschwungenen Stuhl durchs Zimmer. Space Age ist da. Sich zu wehren ist für Draper zwecklos. Auch sein verstocktes weibliches Pendant Peggy muss sich von ihrem neuen Hippie-Kollegen anhören, dass sie zu steif sei, sie ziehen die Kleider gar aus, zum Nudisten-Brainstorm, mal locker machen. Die Pullover werden bunter, die Möbel werden fusseliger, knautschiger, die Krawatten bleiben gar weg. Und als Betty sich die ersten Gedanken zur Scheidung von Don macht, hat sie ein Kleid an wie vorher noch nie. Abstrakte, bunte Farben erinnern an YSL-Piet Mondrian.

Sex in the City
Mad Men ist das neue Sex and The City. Das ist auf den ersten Blick so verblüffend wie auf den zweiten naheliegend. Aber warum eigentlich? Beides sind große New- York-Serien, genau wie Gossip Girl. Auch noch im zweiten Kinofilm um Carrie Bradshaw werden nach alten Mustern topaktuelle Kollektionen gespottet und megafrisch angezogen. Neueste Mode, immer da gesehen, morgen dort gekauft. Es wird aktuelle Mode getragen, über aktuelle Mode gesprochen, die aktuelle Mode definiert. Und am nächsten Tag in den Mülleimer geworfen. Bei Mad Men geht es nicht um aktuelle Mode, es geht um die perfekte Inszenierung einer vergangenen Epoche, des Stils der endenden 50er und beginnenden 60er. Und genau dieser Retro-Chic hat gleichzeitig Kaufhäuser und Laufstege erobert, Kostümdesignerin Janie Bryant wird gefeiert wie zuvor SATC-Ikone Patricia Field. Und Star Jon Hamm, so wusste zuletzt die Gala, ist der neue “Mr. Big”. Mad-Men-Mode ziert die Schaufenster des New Yorker Edel-Kaufhauses Bloomingdale’s, der Herrenausstatter “Brooks Brothers” in der Madison Avenue präsentiert limitierte Mad-Men-Anzüge. Es ist auch der Stil, den Scott Schuman in seinem Blog Sartorialist verfolgt. Der bekannteste Modeblog ist eigentlich ein Männermodeblog, wie Mad Men eigentlich eine Männermode-Serie ist.

Schön hermetisch
Warum Mad Men allerdings von Beginn an unter dem Modeaspekt besprochen wurde, hat nicht allein mit einer Rückbesinnung auf Vintage zu tun. Sie zeugt von einer völlig anderen Auseinandersetzung mit Mode: In der stilprägendsten Fernsehserie der letzten drei Jahre geht es um zeitlosen Stil, nicht um die zeitnahe Vermessung einzelner Modetrends. Und damit befriedigt Mad Men nicht die aktuelle Mode, sondern die aktuelle Sehnsucht beinahe aller Modemenschen weltweit. Es ist eine TV-Serie über den klassischen, traditionellen Modebegriff, nämlich die Darstellung der Sitten und Gebräuche einer Menschengruppe in einem Menschenzeitalter. Klar: Tradition, Eleganz, Handwerk, Perfektion. Die Details der Frisuren, der Rocklängen, die Mathematik eines Einstecktuchs und die Charakterisierung, die sich aus einem Dreiteiler, wie Roger ihn trägt in Differenz zu der etwas weiter geschnittenen Variante von Don, ergibt. In der Verwendung der Mode in Mad Men zeigt sich eine perfekte und absolut konservative Re-Installierung eines authentischen Begriffs von Figurencharakter. Denn nur in dem dargestellten hermetischen System, das keine Zweideutigkeiten zulässt, wird eine Bewegung, wie die von Peggy oder Betty erst darstellbar und erkennbar.

Text aus De:Bug 146
Autor: Timo Feldhaus

8 Responses

  1. Tim

    Der absoulte Knaller der Serie sind einfach die Kostüme! Und da fällt einem mal wieder auf, wie lieblos das Kostümbild in Deutschland oft ist (beziehungsweise wie wenig Budget den Kostümen eingeräumt wird). Ich finde es erstaunlich, dass viele der Sachen, und damit meine nicht nur die Männer, heute wieder modern sind.