Mit Beautiful Swimmers auf irrlichternden Tauchgang durch Dance-Geschichte
Text: Bjørn Schaeffner aus De:Bug 158


Foto: Shawn Brackbill

Psychedelisches Postpunk-Patchwork gefällig? Das Washingtoner Label Future Times reitet auf der Erfolgswelle und inszeniert House als irrlichternden Tauchgang durch die Dance-Geschichte. Auch klar: Für eine gute Platte würden die amerikanischen Retro-Futuristen ihr letztes Hemd hergeben. Aber lieber noch machen sie selbst welche.

Wenn das keine frohe Kunde ist: Vinyl, vom Postboten auf die Pforte gelegt. Vor seinem Heim in Silver Spring, einem Vorort von Washington, fand Andrew Field-Pickering neulich ein Paket aus England. Dieses offenbarte die 12″ “Tubular Bells” von Plutonic, eine Coverversion des Mike-Oldfield-Klassikers. Der Platten-Nerd war aber mehr an der B-Seite interessiert: “Amen” heißt das 1990 gepresste Kleinod. Mit Killerbassline, laszivem Vocal, Breaks und glitzernden Synths wird hier lässig dem Dancefloor-Irrsinn in die Arme geschlingert. Ein Track so sexy wie ein Tänzchen mit dem Teufel im Mondlicht. “Auf das Stück bin ich über einen alten Fabio- und Grooverider-Mix im Netz gestoßen. Der Track ist so was von weird. Das ist prähistorischer Drum and Bass, der eigentlich noch House ist. Genau auf solchen Sachen bin ich aus. Das klingt für meine Ohren völlig frisch.” Der Jagdtrieb nach dem Besonderen, dem Versponnenen, dem Unerhörten: Er durchdringt Andrew bis in den kleinen Zeh. Und natürlich muss einen schon ein gerüttelt Mass an Vinyl-Besessenheit beseelen, um ein so prächtiges Unterfangen wie Future Times zu veranstalten.

Dem Motto “Things Will Be Better In Future Times” begegnet man da immer wieder. Gute Zeiten sind es fürwahr: Die Bilanz sieht nach drei Jahren und elf Platten rosig aus, daran hat Andrew beträchtlichen Anteil. Als eine Hälfte der Beautiful Swimmers und dank seiner Solo-Produktionen als Maxmillion Dunbar hat er sich eine stetig wachsende Fangemeinde erarbeitet. Zusammen mit Mike Petillo, der seinerseits Teil des Duo Protect-U ist, zieht Field-Pickering die Fäden des Labels. Future Times ist eine family affair, die Platten stammen überwiegend von den Swimmers, Protect-U und dem geschäftigen Jason Letkiewicz, der hier unter nicht weniger als vier Pseudonymen releast: als Rhythm Based Lovers, Sensual Beings, Confused House und Steve Summers. Zur erweiterten Familie – sozusagen die lieben Verwandten aus Übersee – zählen auch die israelischen House-Experimentalisten Juju & Jordash sowie der Berliner Hunee.


Foto: Shawn Brackbill

Vinylisiertes Gold
“Wir kommen vom Punk. Hier gab es ja im Unterschied zu Europa kaum Raves. Die Szene um Acts wie Fugazi war schon immer sehr stark in Washington D.C. und dem haben wir als Kids auch in diversen Bandprojekten nachgeeifert”, sagt Mike. “Irgendwann war uns das aber zu abgedroschen und da zeigte mir Andrew einige klassische Dancetracks. Seither arbeiten wir uns durch die älteren Spielarten von Techno, House, Disco, Dub und Electro.” Als Vintage-Plattenkäufer, zumal als fanatischer Sammler, ist man in den USA verwöhnt: Schier endlos lässt sich in Second Hand Shops und Thrift Stores nach vinylisiertem Gold schürfen. Gerade in Washington haben sich in den letzten Jahrzehnten Myriaden von Platten und Kassetten aus aller Welt angestaut, was laut Mike damit zu tun hat, dass die amerikanische Hauptstadt ein Durchgangsort ist: Viele leben hier ein paar Jahre und ziehen dann wieder weg. Washington, das ist ein Umschlagplatz für Sounds jeglicher Couleur.

So stößt man natürlich locker auf Trommelmusik aus Ghana, deutsche Krautrock-Platten, Warp-Produktionen oder obskuren House aus New Jersey. Die geborgenen Schätze bilden für Andrew und seinem Beautiful-Swimmers-Partner Ari Goldman einen quasi naturgegebenen Sample-Fundus. Und auch die Köpfe hinter Protect-U, Mike und Aaron Leitko, lassen sich tunlichst inspirieren.”Wir sampeln im Geiste mit, denken uns, oh, dieser Drumbeat ist wirklich cool, so was könnte man auf unseren Maschinen auch machen.”

Wanna get a cocktail?
“World Music” heißt nicht ganz zufällig ein Track von Protect-U. Mit im Delay wirbelnden Trommelpattern und Boogiebass geht es los auf einen zehnminütigen Trip, der irgendwann so irrlichtert, als würden Giorgio Moroder und Steve Reich gemeinsam im Schnellboot durchs arktische Meer zischen. Überhaupt diese aquatisch-schimmernde Ästhetik: Sie durchspült auch die Produktionen von Maxmillion Dunbar. Von einer kuriosen Larmoyanz wiederum ist der Swimmers-Hit “Big Coast”: Eine geisterhafte Reggae-Orgel trifft auf Silbenstotter-Soul und eine betrunkene Tröte. Dahinter steckt ein meisterliches Arrangement, das einen sinnieren lässt: Wer hat noch mal gesagt, dass House-Musik keinen Humor hat?

Es käme den Future-Times-Machern nicht im Traum in den Sinn, ein karges Whitelabel-Release zu machen, dem man schon von weitem ansieht: Achtung, hier spielt ganz tiefgründige Tanzmusik. “Nicht dass wir was dagegen hätten, im Gegenteil, wir lieben ja viele dieser Tracks, aber es ist halt einfach nicht unsere Art. Dafür sind wir zu sehr Clowns”, so Mike. Wobei es oft Insider-Witze sind, über die sich Mike und Andrew einen ablachen: etwa indem sie Macauley “Home Alone” Culkins Entsetzen über die verschwundene Familie in die Auslaufrille kratzen: “I made them disappear!”. Auf einer anderen Platte liest man: “Wanna get a cocktail?”. Das ist dann als hämische Hommage an einen nervtötenden New Yorker Party-Promoter adressiert.


Foto: Shawn Brackbill

Ostküsten-House
Da brodelt was an der amerikanischen Ostküste: Der Aufstieg von Future Times steht in direkter Verwandtschaft zum Erfolg befreundeter New Yorker Labels wie L.I.E.S. und W.T.. Und auch das kleine Washingtoner Disco-Imperium Peoples Potential Unlimited muss Erwähnung finden. “Das ist unsere Hometown. Ich bin mir nicht sicher, ob es eine wirkliche Szene ist. Aber vermutlich wird einmal ein Typ kommen, der unserem Sound einen ganz üblen Namen verpasst. Und dann werde ich mich furchtbar aufregen”, schmunzelt Andrew.

Und derweil die Kanonisierung des Labels sachte voranschreitet, freuen sich die Washingtoner Futuristen noch wie kleine Kinder darüber, wenn sie im Londoner Phonica-Plattenladen den kompletten Future-Times-Katalog auffinden. Bei einem kürzlichen Europaaufenthalt hatten die Beautiful Swimmers am Ende so viele Platten gekauft, dass sie all ihre Kleider mit der Post zurückschickten, um Platz für das Vinyl zu machen. “Es war schon fast tragisch, wie viele Platten wir da gekauft hatten. Ari und ich wissen ja eigentlich, dass wir uns zurückhalten sollten. Und dann haben wir der Airline wegen unserem Extragepäck den ignoranten amerikanischen Touristen vorgegaukelt. Der riesige Koffer mit unseren Klamotten befand sich fast einen Monat im Transit, so dass wir bis dahin ohne unsere Kleider auskommen mussten.”
Immer häufiger werden die Future-Times-Aktivisten auch nach Deutschland gebucht. Zum Beispiel ins Robert Johnson nach Offenbach, wobei im Frühjahr auf dem Label von Ata Macias und Oliver Hafenbauer auch eine Extended Version des Maxmillion-Dunbar-Tracks “Polo” samt Lauer-Remix erscheint. Und was ist mit Berlin? “Das ist natürlich im Unterschied zu Washington ein komplett anderes Ballgame hier. Ich liebe die Soju Bar. Ein fantastischer Ort, um die ganze Nacht lang aufzulegen. Das kann ganz schön freaky werden, da spiele ich auch Ambient oder Jazz. Oder Delphin-Geräusche. Ja, das Leben ist defintiv zu kurz, um nicht das zu tun, was man wirklich will.”

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Elektronische Lebensaspekte.

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