Stephen James Wilkinson hat eine Vorliebe für lebendige Sounds
Text: Ji-Hun Kim aus De:Bug 151

The Avalanches – Since I Left You (XL Recordings, 2000)

Bibio: Dieser Song hat eine schöne Textur, ist aber nicht kitschig. Irgendwoher kenne ich auch das Cover. Ich mag Sample-Musik, allerdings eher wenn sie kleinteiliger geschnitten und arrangiert wird, so dass wirklich neue Musik daraus entsteht. Das hier sind doch längere Samples, oder nicht? Erinnert mich an Easy Listening.

Debug: Hörst du Musik nach ihrer Sample-Tauglichkeit?

Bibio: Mir fällt schon öfters auf, dass ein Klang schöne Textur hat, eine gute Stimmung. Aber ich sample ja gar nicht so viel in meiner Musik, meistens spiele ich die Instrumente selbst ein. Wenn ich etwas sample, dann selten Musik die ich normalerweise hören würde. 80er Popscheiben zum Beispiel. Der Song an sich mag cheesy sein, aber ein isolierter Part macht wieder Sinn.

Debug: Wenn du von Texturen redest, was für eine Rolle spielt das in deinem Sounddesign?

Bibio: Die Textur ist mir enorm wichtig, weil sie die Art und Weise, wie wir Musik hören, beeinflussen kann. Technisch gesehen könnte man auch von einem Timbre sprechen oder von Klangfarbe. Und nicht nur jedes Instrument hat sein eigenes Timbre, auch eine Aufnahme hat ihre ganz eigenen Texturen. Wenn ich eine Klaviermelodie nehme und diese Melodie mit einem Diktiergerät aufnehme, dann kann die gleiche Melodie einmal sehr klar und direkt wirken, beim anderen Mal traurig, nostalgisch. Ich arbeite hauptsächlich mit analogen Geräten: Taperecorder, einem Röhrenverstärker, diversen Röhrenkompressoren. Sampler und Computer sind natürlich digital, aber so habe ich zwei Pole, mit denen ich arbeiten kann. Mit dem Rechner nehme ich eigentlich nur auf und editiere die Tracks.

Debug: Welche Instrumente spielst du selbst ein?

Bibio: Ich spiele Gitarre, Bass, Rhodes, Synthesizer, Marimbas, und Saxofon. Musik aus den 60er und 70er Jahren ist ein wichtiger Einfluss, auch weil ich mag, wie es aufgenommen wurde. Musik aus den 70er Jahren glüht so schön. Sie klingt nicht steril oder nach Plastik. Wenn man ein körniges Cover wie das hier sieht, dann entstehen visuelle Assoziationen. Und bei Musik geht es doch darum, eine Illusion oder eine Fantasiewelt zu erzeugen, so etwas wie Fluchtorte, in denen man sich verlieren kann.

Harold Melvin & The Blue Notes – Let Me Into Your World (Philadelphia International, 1972)

Bibio: Kommt mir bekannt vor. Das mag ich sehr, klingt sehr typisch für die Zeit.

Debug: Das ist Harold Melvin, Anfang der 70er aus Philadelphia.

Bibio: Damals wurden Tonnen solcher Platten aufgenommen, es ist erstaunlich, dass wirklich fast alles so geschmackvoll und gut gemacht ist. Für mich steht hier der Sound im Vordergrund: die Gesangsarrangements, die Klangqualität, die guten Musiker. So was hätte J Dilla doch auch gesamplet, oder nicht? Was ich aber wirklich toll finde, ist diese gewisse Traurigkeit und Melancholie, die dennoch hoffnungsvoll und optimistisch klingt. Als hättest du irgendwo in der Vergangenheit eine traurige Geschichte erlebt, blickst aber voller positiver Erwartungen in die Zukunft. Das ist eine meiner Lieblingsstimmungen, dass über einem die Sonne scheint, zu der man aufschauen kann.

Debug: Damals hatte man noch riesige Budgets für große Orchester und üppige Studioarrangements, wohingegen sich heute vieles auf den Laptop beschränkt. Du stehst in dieser Hinsicht wohl zwischen den Stühlen.

Bibio: Erstmal ist es nur positiv zu sehen, dass heute mehr Leute mit weniger Geld gute Musik machen können. Aber klar, diese Orchester gibt es nicht mehr. Das ist aber etwas, was ich immer umzusetzen versuche: im Schlafzimmer etwas zu schaffen, das diese 70er-Wärme ausstrahlen kann. Es ist fast unmöglich, ein ganzes Orchester zu simulieren. Aber man kann versuchen, ein Orchester anzudeuten, es so wirken zu lassen, als wäre im Hintergrund doch noch eines.

Debug: Woher kommt dann die Elektronik in deiner Musik, warst du mal Raver?

Bibio: Als Rave groß war, habe ich Heavy Metal gehört. Als Teenager war ich Metal-Hardliner. Erst Iron Maiden, später Sepultura, Slayer, Pantera, Mitte der 90er wurde es mehr Jazz. Elektronische Musik habe ich wohl mit Orbital angefangen wahrzunehmen. Portisheads erstes Album war für mich dann die große Wende, weil es technisch gesehen elektronische Musik ist. Sampler, Drummachines, und dennoch klingt es wie ein alter, vertrauter Schwarz-Weiß-Kinofilm, den man aber nie gesehen hat. Die Qualität der Aufnahme ist so stark, dass sie cineastische Bilder im Kopf entstehen lässt: Auf einem Stück gibt es diese Jazzgitarre und im Hintergrund sind Fußschritte zu hören. Jedes Mal, wenn ich die Platte anmache, habe ich dieselben Filmszenen im Kopf.

Später bin ich über die Karaokemaschine meiner Mutter mit zwei Tapedecks und Aufnahmefunktion gestolpert. Du nimmst erst was auf, spielt es wieder ab und nimmst währenddessen auf dem zweiten Deck wieder neu auf. Spur für Spur. So ging es immer weiter, bis man die Ausgangspur irgendwann kaum noch hören konnte. Diese Tape-auf-Tape-Technik benutze ich heute noch. Damals wollte ich eigentlich nur ein Mehrspurgerät simulieren, heute mache ich hauptsächlich Sounds damit. Ich mag dieses Staubige und Trübe von Magnetbändern.

Debug: Tapes scheinen überhaupt wichtig?

Bibio: Meine ganze Kindheit und Jugend hat sich um Kassetten gedreht. Ich bin in einer sehr kleinen Stadt aufgewachsen, habe mit einem Freund Autos gewaschen, damit man sich einmal die Woche eine Kassette im Laden kaufen konnte. Man hätte auch 3 Pfund für ein Magazin ausgeben können, aber dann hätte ich eine Woche lang keine Musik gehabt. Das klingt in heutigen Zeiten absurd.

Debug: Wieso keine Schallplatten?

Bibio: Vielleicht weil mein Bruder und ich bei uns im Zimmer nur einen Ghettoblaster hatten. Platten konnten wir damals nur im Wohnzimmer hören. Ich bin auch gerne draußen im Regen rumgelaufen und habe Iron Maiden auf dem Walkman gehört, weil ja sonst keiner auf der Straße war. Wir haben uns damals schon auf Kassetten aufgenommen, auf Keyboards rumgeklimpert, Filmszenen nachgespielt. Mein Bruder hörte dauernd Musik im Radio, woraufhin meine Eltern dachten, er wäre musikalisch und ihm eine Bontempi kauften. Er hat sie nie angerührt, woraufhin ich anfangen konnte, Musik zu machen. Als Ende der 80er die ersten Sample-Popsongs im Radio liefen, versuchten wir dann mit dem Pauseknopf am Ghettoblaster, die Samples nachzubasteln. Es kamen aber nur diese “Shhuipshhuiipsup”-Sounds heraus. Seitdem komme ich nicht mehr davon los. Irgendwann kam das erste Vierspurgerät, später ein Sampler, dann willst du ein 24-Spur-Mischpult. Das kann zur Obsession werden.

µ-Ziq – Auqeam (Rephlex, 1993)

Bibio: Das kommt mir bekannt vor. Darf ich mal das Cover sehen? Ich glaube, die habe ich auch, zumindest erkenne ich die Titel. Und das Cover hat Aphex Twin gestaltet!

Debug: Das wusstest du?

Bibio: Nee, steht hinten drauf. (lacht)

Debug: Du bist also ein Freund von Liner Notes?

Bibio: Ich mag noch immer das Format der Platte, auch die Fülle an Informationen, die man mit solchen Covern vermitteln kann. Von der visuellen Wirkung ganz abgesehen. Bei einer CD ist es auch OK, aber eine Datei ist und bleibt eine Datei und die erzählt keine Geschichte. Interessant auch, dass Rephlex heute fast historisch klingt. Ich mag diese analogen Bleeps, es hat auch einen anderen Raumklang als heutige Produktionen, sehr atmosphärisch.

Debug: Würdest du sagen dass du per se klassischere Arbeitsweisen bevorzugst?

Bibio: Anders, ich mag es nicht, wenn man zu viel dem Computer überlässt, alleine wegen der Physikalität. Musik, die ausschließlich auf dem Rechner gemacht wird, erklingt ja vorher nicht. Da gibt es keinen Bezug zur physikalischen Klangerzeugung. Womit ich nicht sagen will, dass es keine gute Computermusik gibt.

Debug: Geht es dabei um Verzerrung und Kompression?

Bibio: Es sind die Harmonien. Die Art und Weise wie Obertöne miteinander harmonieren und eine andere Form der Sättigung ergeben. Für das Video für “Excuses” habe ich mir einen Oszilloskopen gekauft, um den Song visualisieren zu können. Später habe ich meinen analogen Yamaha durchgejagt und mit Software-Synthies verglichen. Bei der Software waren die Graphen messerscharf, wie Computergrafiken, auch wenn man die Klänge moduliert hat, haben sie sich scheinbar perfekt bewegt. Der Yamaha hingegen spuckte viel wildere und lebendigere Formen aus. Das hat mir gezeigt, wie unterschiedlich Klangerzeuger sein können. Diese Unvorhersehbarkeit des Analogen, wie Obertöne sprichwörtlich aus dem Bildschirm springen. Bei reiner Computermusik, da sind doch keine Haare drauf.

Debug: Haare?

Bibio: Stammt nicht von mir, das habe ich in einem Produzenteninterview gelesen. Eine ziemlich große Nummer aus den 90ern, leider fällt mir der Name nicht ein. Auf jeden Fall kaufte er sich ein altes Röhrenradio, baute es auseinander, um Vocals und andere Spuren durchschleifen zu können. Dabei meinte er, dass er die Röhre benutze, um ein paar Haare wachsen zu lassen. Das leuchtete mir sofort ein.

Beach Boys – Pet Sounds (Capitol Records, 1966)

Bibio: Sind das die Beach Boys? Eine Instrumentalversion von irgendwas?

Debug: Nein, das ist das Titel-Stück von Pet Sounds.

Bibio: Auch wenn das peinlich klingen mag, ich stehe fast eher auf ihre Surfphase mit diesem Rock‘n‘Roll-Drive. Ich glaube ja, Künstler wie Brian Wilson hatten noch eine richtige Vision. Nicht unbedingt im Sinne von LSDs-Schmeißen, das waren richtige Geeks. In dem Buch “Behind the Glass” erzählt Wilson, von diesen riesigen Hallkammern, die es damals in den Studios gab. Man hat die Musik über Lautsprecher in die Kammer geschickt und am anderen Ende wieder mit einem Mikrofon aufgenommen. Was die alleine mit Mikrofonen experimentiert haben! Findet ihr nicht, dass die Aufnahmen viel epischer und ikonischer klingen als heutzutage? Da ist der amerikanische Größenwahn plastisch zu hören. Mit der Musik war es ja nicht viel anders als in Hollywood. Es wurde alles realisiert, was man mit Geld realisieren konnte. Kennt ihr die Four Freshmen? Ohne die wären die Beach Boys wohl gar nicht denkbar gewesen.

(Bibio sucht den Song auf seinem Handy und spielt ihn ab.)

The Four Freshmen – Their Hearts Were Full Of Spring (Capitol, 1961)

Bibio: Den Song haben die Beach Boys später auch gecovert. Auch zu der Zeit wurde ja viel von Band auf Band überspielt. Bei Vierspur musstest du irgendwann Gruppen auf eine Einzelspur überspielen, um weitermachen zu können. Und ich bin noch immer davon überzeugt, dass der spezielle Sound dieser Ära eng mit diesen Taperecordern und der Art und Weise wie damit gearbeitet wurde zusammenhängt. Diese Harmonien sind wirklich schön. Ich habe mir mal die MIDI-Daten aus dem Netz gezogen, um eine eigene Version des Songs zu basteln. Als MIDI klang es aber total schief, obwohl es die richtigen Noten waren. Da wird mit echt ausgefuchsten Stimmungen und Modulationen gearbeitet. Wenn du nämlich die Hauptstimme herausnimmst, wirst du feststellen, dass die restlichen drei sehr strange und offen klingen. Eigentlich ist es Jazz, zumindest was die Akkorde betrifft, sehr abgefahren. Nach Weihnachten klingt es auch.

Debug: Gibt es ein Bibio-Soundgeheimnis?

Bibio: Wenn es ein Geheimnis gibt, dann dass ich keine Tapes emuliere. Auch wenn es mühsam sein kann, 50 Spuren einzeln zu bearbeiten. Ich finde Tapes faken kitschig, wie Digitalfilme mit Schwarz-Weiß-Krümeleffekt. In einem Boards-of-Canada-Interview wurde mal folgendes erklärt: Wenn eine Kerze zwischen zwei Spiegeln aufgestellt wird, wird das Licht ja unendlich oft reflektiert. Die Reflektionen werden aber immer grünlicher, je tiefer du hineinschaust. Die Spiegelscheiben haben einen gewissen Grünanteil im Glas und je häufiger das Glas sich selber spiegelt, desto höher wird der Grünstich. Genauso verhält es sich wohl mit Tapes. Umso häufiger du auf einem Tape aufnimmst, desto mehr kommt sein eigener Charakter zum Vorschein.

Debug: Wieviele Taperecorder hast du überhaupt?

Bibio: Zwischenzeitig bis zu 30, vom Diktiergerät bis zur Reel-to-Reel-Maschine, viele funktionieren aber auch nicht. Die Spanne geht vom Bürogerät mit Minikassette bis hin zu edleren schweizerischen Modellen oder portablen japanischen Geräten mit Röhre aus den 70ern. So kann ich immer zwischen High Quality und LoFi entscheiden. Aber ich bin noch immer auf der Suche nach dem perfekten Recorder. Vielleicht gibt es den aber auch gar nicht.