Die Kunstwelt hat wieder etwas gefunden, was sie an ihren Rand treibt: Sind Viren noch Kunst? Kann Hacken ein performativer Akt sein? Nur: Wird in den Austellungen zum Thema eigentlich noch irgendetwas anderes gehackt, ausser der Kunstwelt? Eine Rückschau.
Text: vera tollmann aus De:Bug 62

Netzkunst

Viren im Museum
Zur “Symbiose” von Kunst und Hacking

Kürzlich fanden zwei Ausstellungen statt, die thematisch auf Taktiken von Cyberangriffen referierten: “I love you – computer_viren_hacker_kultur” im Frankfurter Museum für angewandte Kunst und “Open_Source_Art_Hack” im New Yorker New Museum. Neu ist die Auseinandersetzung mit digitalen “Waffen” jedoch nicht. Schon die Ars Electronica 1998 hatte “InfoWar” zum Thema und diskutierte Implikationen von Code-Attacken in geheimdienstlichen wie in kulturellen Zusammenhängen. Neu ist aber, dass sich große Kunstinstitutionen auf das Terrain begeben.
Die also bereits länger anhaltende Konjunktur von Hacker-Taktiken im Kunstkontext soll zum Anlass genommen werden, hier per Ferndiagnose einen Blick auf ausgewählte Projekte dieser Ausstellungen zu werfen. Wie gehen die künstlerischen Umsetzungen mit dem Hackingvokabular um und was verbindet sie damit?

I love you

Beide Ausstellungen arbeiteten sich in ihrer Komplexität an Begriffsbestimmungen ab – wie schon die Titel signalisieren – und eröffnen ein breit gestreutes Feld. “I love you -…”, kuratiert von Franziska Nori, fragt nach dem künstlerischen Potenzial von Viren und Code. Im Katalogtext werden ästhetisch-literarische Scripte besprochen, wie einen in Flugzeugform abgedruckten Code, der, in Unix implementiert, eine Flugsimulation darstellt. Daneben gibt es Arbeiten, die sich nicht streng genommen auf Viren beziehen, wie etwa das Programm mit dem ironisierenden Namen “AntiMafia”: Das italienische Künstler- und Programmiererkollektiv epidemiC hat die Peer-to-peer Software Gnutella adaptiert; anstelle von mp3-Files sollen Links zu aktivistischen Websites gedealt, globalisierungskritische Aktionen koordiniert und zu einem vereinbarten Zeitpunkt in der “AntiMafia”-Gruppe durchgeführt werden. “AntiMafia” ist also ein Kommunikationsnetzwerk, das als Katalysator von Online-Aktivismus fungiert. Auf der dazugehörigen Website, von der man sich “AntiMafia” downloaden kann, imitieren epidemiC Design und Sprache von kommerziellen Software-Anbietern und attackieren zugleich deren ökonomische Logik.

Open_Source_Art_Hack

In der New Yorker Ausstellung, kuratiert von der New Yorker Künstlerin Jenny Marketou und dem Whitney Museum Kurator Steve Dietz, werden Projekte eingeführt, die “informationspolitische” Komponenten der Hacking-Taktiken anhand von designten Oberflächen visualisieren, wie etwa Tracenoizer. Tracenoizer ist eine Software der Schweizer Gruppe LAN, die dazu entwickelt wurde, eine personalisierte Instant-Homepage zu generieren. Man gibt zur Erstellung der Homepage einen Namen ein und Tracenoizer filtert via Suchmaschine beliebige Informationen zur Person heraus. Der Trick an der Sache ist, dass zu dem generierten Online-Content anderes Textmaterial gepastet wird. Mit dem Slogan “disinformation on demand” kokettiert Tracenoizer mit handelsüblichen Dienstleistungsangeboten zur Erstellung einer Website. Mit Hacking hat das allerdings wenig zu tun, vielmehr wird die ökonomische Dimension von Information thematisiert. Auch andere Arbeiten beschäftigen sich mit Hacking eher auf symbolischer Ebene, etwa die Software “Carnivore” von der Radical Software Group, die von der gleichnamigen Überwachungssoftware des FBI Carnivore ausgehend den Traffic in Intranetzen in eine grafische Form transformiert, ohne den Inhalt der gescannten Daten weiter zu beachten.

Die Grenze des Museums

Gegenläufig ist Minds of Concern von Knowbotic Research angelegt. Über das als Spielautomat gestaltete Webinterface soll man URLs von NGOs eingeben, woraufhin das Scannen der Ports beginnt. Wenn auch das Ergebnis nicht ohne Vorkenntnisse zu lesen ist, so ist dennoch klar, dass sich das Projekt genau an der perfiden Stelle von Sicherheit und Unsicherheit im Netz bewegt. Es steht im Interesse einer Politik der Sicherheit, das Netz verstärkt als sichere Datenstruktur zu reglementieren. Auf diesen Antagonismus zwischen der Logik einer regressiven Politik und betroffenen Open File-Archives weist Minds of Concern hin. Bevor die Ausstellungszeit zu Ende war, musste Minds of Concern für die restliche Dauer jedoch offline gehen, da der Provider nicht weiter bereit war, das Projekt zu unterstützen. An dieser Stelle muss zugleich berücksichtigt werden, dass eine Institution wie das New Museum Grenzen des Realisierbaren auferlegt. Kann es sich ein solches Haus überhaupt erlauben, an der Grenze zur Illegalität zu arbeiten? Dazu notiert Steve Dietz in einem E-mail-Dialog mit der Co-Kuratin Jenny Marketou: “Frankly, this forces institutions to scramble; to weigh the remote possibility of legal entanglement with the desire for integrity; to balance artistic freedom with institutional survival.”

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

Die Kunstwelt hat wieder etwas gefunden, was sie an ihren Rand treibt: Sind Viren noch Kunst? Kann Hacken ein performativer Akt sein? Nur: Wird in den Austellungen zum Thema eigentlich noch irgendetwas anderes gehackt, ausser der Kunstwelt? Eine Rückschau.
Text: vera tollmann aus De:Bug 62

Netzkunst

Viren im Museum
Zur “Symbiose” von Kunst und Hacking

Kürzlich fanden zwei Ausstellungen statt, die thematisch auf Taktiken von Cyberangriffen referierten: “I love you – computer_viren_hacker_kultur” im Frankfurter Museum für angewandte Kunst und “Open_Source_Art_Hack” im New Yorker New Museum. Neu ist die Auseinandersetzung mit digitalen “Waffen” jedoch nicht. Schon die Ars Electronica 1998 hatte “InfoWar” zum Thema und diskutierte Implikationen von Code-Attacken in geheimdienstlichen wie in kulturellen Zusammenhängen. Neu ist aber, dass sich große Kunstinstitutionen auf das Terrain begeben.
Die also bereits länger anhaltende Konjunktur von Hacker-Taktiken im Kunstkontext soll zum Anlass genommen werden, hier per Ferndiagnose einen Blick auf ausgewählte Projekte dieser Ausstellungen zu werfen. Wie gehen die künstlerischen Umsetzungen mit dem Hackingvokabular um und was verbindet sie damit?

I love you

Beide Ausstellungen arbeiteten sich in ihrer Komplexität an Begriffsbestimmungen ab – wie schon die Titel signalisieren – und eröffnen ein breit gestreutes Feld. “I love you -…”, kuratiert von Franziska Nori, fragt nach dem künstlerischen Potenzial von Viren und Code. Im Katalogtext werden ästhetisch-literarische Scripte besprochen, wie einen in Flugzeugform abgedruckten Code, der, in Unix implementiert, eine Flugsimulation darstellt. Daneben gibt es Arbeiten, die sich nicht streng genommen auf Viren beziehen, wie etwa das Programm mit dem ironisierenden Namen “AntiMafia”: Das italienische Künstler- und Programmiererkollektiv epidemiC hat die Peer-to-peer Software Gnutella adaptiert; anstelle von mp3-Files sollen Links zu aktivistischen Websites gedealt, globalisierungskritische Aktionen koordiniert und zu einem vereinbarten Zeitpunkt in der “AntiMafia”-Gruppe durchgeführt werden. “AntiMafia” ist also ein Kommunikationsnetzwerk, das als Katalysator von Online-Aktivismus fungiert. Auf der dazugehörigen Website, von der man sich “AntiMafia” downloaden kann, imitieren epidemiC Design und Sprache von kommerziellen Software-Anbietern und attackieren zugleich deren ökonomische Logik.

Open_Source_Art_Hack

In der New Yorker Ausstellung, kuratiert von der New Yorker Künstlerin Jenny Marketou und dem Whitney Museum Kurator Steve Dietz, werden Projekte eingeführt, die “informationspolitische” Komponenten der Hacking-Taktiken anhand von designten Oberflächen visualisieren, wie etwa Tracenoizer. Tracenoizer ist eine Software der Schweizer Gruppe LAN, die dazu entwickelt wurde, eine personalisierte Instant-Homepage zu generieren. Man gibt zur Erstellung der Homepage einen Namen ein und Tracenoizer filtert via Suchmaschine beliebige Informationen zur Person heraus. Der Trick an der Sache ist, dass zu dem generierten Online-Content anderes Textmaterial gepastet wird. Mit dem Slogan “disinformation on demand” kokettiert Tracenoizer mit handelsüblichen Dienstleistungsangeboten zur Erstellung einer Website. Mit Hacking hat das allerdings wenig zu tun, vielmehr wird die ökonomische Dimension von Information thematisiert. Auch andere Arbeiten beschäftigen sich mit Hacking eher auf symbolischer Ebene, etwa die Software “Carnivore” von der Radical Software Group, die von der gleichnamigen Überwachungssoftware des FBI Carnivore ausgehend den Traffic in Intranetzen in eine grafische Form transformiert, ohne den Inhalt der gescannten Daten weiter zu beachten.

Die Grenze des Museums

Gegenläufig ist Minds of Concern von Knowbotic Research angelegt. Über das als Spielautomat gestaltete Webinterface soll man URLs von NGOs eingeben, woraufhin das Scannen der Ports beginnt. Wenn auch das Ergebnis nicht ohne Vorkenntnisse zu lesen ist, so ist dennoch klar, dass sich das Projekt genau an der perfiden Stelle von Sicherheit und Unsicherheit im Netz bewegt. Es steht im Interesse einer Politik der Sicherheit, das Netz verstärkt als sichere Datenstruktur zu reglementieren. Auf diesen Antagonismus zwischen der Logik einer regressiven Politik und betroffenen Open File-Archives weist Minds of Concern hin. Bevor die Ausstellungszeit zu Ende war, musste Minds of Concern für die restliche Dauer jedoch offline gehen, da der Provider nicht weiter bereit war, das Projekt zu unterstützen. An dieser Stelle muss zugleich berücksichtigt werden, dass eine Institution wie das New Museum Grenzen des Realisierbaren auferlegt. Kann es sich ein solches Haus überhaupt erlauben, an der Grenze zur Illegalität zu arbeiten? Dazu notiert Steve Dietz in einem E-mail-Dialog mit der Co-Kuratin Jenny Marketou: “Frankly, this forces institutions to scramble; to weigh the remote possibility of legal entanglement with the desire for integrity; to balance artistic freedom with institutional survival.”

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.