Seit den Anfängen der computergestützten Welt gibt es auch jene Menschen, die sich in Systeme einschleichen und Veränderungen vornehmen. Doch Hacker ist nicht gleich Cracker. Kindliche Robin Hoods für eine bessere digitale Welt.
Text: igor darv aus De:Bug 48

Kämpfer für die Freiheit des Wissens
Hacker

Die Kaffeemaschine röchelt in einer Endlosschleife. Nach einigen Tagen der digitalen Klausur – der “Larval Stage” – sehen die Augen des Hackers aus wie ein Fernseher, den man auf einen toten Kanal getuned hat. Sein Ziel: der größte virtuelle Einbruch in der Geschichte der Computerbranche. Die uneinnehmbare Festung: Microsoft. Neben dem Finanzamt und der Nasa das “Target Number One” für die Computerfreaks.
Er hat eigens spezielle Software programmiert, seinen Computer in ein durch und durch verkabeltes, multimediales Monster verwandelt. Wer schon den einen oder anderen Manga-Streifen gesehen hat, ist mit der Mensch-Maschine-Symbiose vertraut und so etwa hat es auch hier stattgefunden. Wenn man sich den Microsoft-Server als ein Bollwerk aus Stein vorstellt, so ist der elektronische Fassadenkletterer viele Male herumgeschlichen, hat jede Ritze, jeden Spalt, jede kleine Hintertür der Trutzburg in Redmond akribisch studiert, um schlussendlich einen kleinen Wurm durch ein Loch in der Mauer einzuschleusen, der ihm dann unbemerkt von innen aufsperrte und Zugang zur wertvollsten Schatzkammer der digitalen Ära gewährte: Der Entwicklungsabteilung des Tycoons Microsoft.
Dieser Coup fand Ende November 2000 statt, durchgeführt von einem mutmaßlich russischen Hacker und einem Virusprogramm namens Qaz.Trojan. Aber wer oder was sind Hacker wirklich? Was verbirgt sich hinter dieser sagenumwobenen digitalen Subkultur?

Sonic Youth

“Die Geschichte der Hacker ist genauso alt, wie die ihrer Werkzeuge,” erzählt Nemo im Interview. Offiziell ist Nemo Informatikstudent, inoffiziell ist er Hacker und “Hacker ist man erst dann, wenn andere Hacker einen als solchen bezeichnen”. Schon als die amerikanische Firma Bell Ende des 19. Jahrhunderts das erste transkontinentale Telephonnetz der Welt aufbaute, gab es ein paar junge Typen, die mit den zahllosen Möglichkeiten des Netzwerkes für einiges Chaos sorgten. Jahrzehnte später, während der 60er Jahre, als der Rest der Welt kiffte, freie Liebe propagierte und praktizierte und gegen das Establishment aufbegehrte, entstanden in den Labors für Künstliche Intelligenz am “Massachusetts Institute for Technology” (MIT) die ersten neugiergetriebenen Hacker, deren Ziel es war, die Möglichkeiten der damals riesigen und relativ primitiven Computerkolosse zu erweitern. Es wurde getüftelt und programmiert. Unter ihnen waren zwei Ikonen der Cyberwelt: Dennis Ritchie und Ken Thompson – bärtig, brillentragend, zugegeben ziemliche Nerds – die Schöpfer eines revolutionären Betriebssystems, das für die nächsten Jahre der Maßstab für die Programmiererszene sein sollte – UNIX.
Während in den 70ern John Travoltas Hüften wie von Pomade geschmiert kreisten, entwickelte das US Defense Department das erste Computernetz, genannt ARPANET und gab den Computerfreaks erstmals die Möglichkeit, schnell zu kommunizieren und sich zu einem “Network Tribe” zusammenzuschließen. 1971 fand der Vietnamveteran John Draper in seiner Packung “Cap´n Crunch” eine Trillerpfeife, mit der es ihm gelang, exakt die Frequenz zu reproduzieren, die damals ein Münztelefon freischaltete. Draper, ab diesem Zeitpunkt unter dem Pseudonym “Cap´n Crunch” im virtuellen Raum unterwegs, ist damit die Gallionsfigur einer Hackersplittergruppe, die sich auf das Knacken von Telefonnetzen spezialisiert hat. Die Phreaker.

Atari Teenage Riot

Bis Ende der 80er Jahre entwickelte sich diese Subkultur wild in alle Richtungen. Manche nennen diese Zeit nostalgisch “The Golden Days of Hackerdom”. Hackerclans wie “The Legion of Doom” oder “The Masters of Deception” wühlten sich durch den elektronischen Untergrund des damaligen Internets. Die ersten “Personal Computer”, liebevoll “Trash 80” (Radio Shack TRS-80) oder “Commie 64″(Commodore 64) genannt, kamen auf den Markt. Es kam zu den ersten Cyber Crimes und dem legendären “Great Hacker War” von 1984-86, in dem sie sozusagen den Film “War Games” nachspielten. Die Regierung reagierte mit dem “Federal Computer Fraud and Abuse Act” und der Großaktion “Operation Sundevil”, bis sie die Anführer teilweise für mehrere Jahre hinter Gitter gebracht hatten. Phiber Optik, Anführer der “Masters of Deception” wurde zu einem schillernden Märtyrer einer jungen Generation und vom “New York Magazine” sogar unter die “100 Smartest People of New York” gewählt.
Langsam kristallisierten sich zwei sehr gegensätzliche Strömungen heraus – Hacker und Cracker. Es waren die Motivationen, die sie unterschieden. Cracker – die Jungen Wilden des Network Tribes – konzentrierten sich auf das Knacken von Security-Codes und das Raubkopieren und Verbreiten von Software. Cyber Crimes wurden nach und nach zu einem immer ernstzunehmendenderen Thema. Viel bedrohlicher ist die Tatsache, dass weltweite Industriespionage mittlerweile binnen weniger Augenblicke möglich ist. Eigenen Angaben zu Folge wurden etwa 72 Prozent aller amerikanischen Firmen bereits zu Opfern von Crackern. Laut einer FBI-Untersuchung entstand so – etwa durch den Diebstahl urheberrechtlich geschützter Informationen – ein Schaden in Milliardenhöhe. “Cracker unterliegen der Dunklen Seite der Macht,” meint Nemo, “wie bei Star Wars.”

Radiohead

“Durch das Knacken eines Sicherheitscodes wird man ebensowenig zum Hacker, wie man durch das Kurzschließen eines Autos zum Kfz-Mechaniker wird,” erzählt Nemo weiter. Wahre Hacker bauen auf, anstatt zu zerstören, so besagt es die Hackerethik. Ihr Interesse liegt darin, die Grenzen programmierbarer Systeme zu erforschen, auszudehnen und möglicherweise zu überschreiten. Dazu ist es erforderlich, virtuos mit den gängigsten Programmiersprachen, wie etwa HTML, C, Perl oder LISP und Programmen, wie in erster Linie UNIX, umgehen zu können. Wer das System versteht, der kann es verändern.
Die Hacker-Community selbst sieht sich als ein empirisch motiviertes Kollektiv von Individualisten. Es herrscht eine “Geschenkkultur”: Wer neue Software entwickelt hat, gibt sie weiter, teilt sein Wissen oder testet zum Beispiel die Programme anderer Hacker als sogenannter “Beta-Tester”. Nur dadurch ist es möglich, sich in dieser Community einen gewissen Status und den Respekt anderer aufzubauen. Karriere durch soziales Engagement, sozusagen.
Hackerdom lässt sich aber durchaus auch mit einem “normalen” Job verbinden. So stellen zum Beispiel viele Hacker ihr Wissen und Können in den Dienst der Allgemeinheit und arbeiten als Systemadministratoren oder Sicherheitsexperten für große Firmen. Der Hacker kämpft für die Freiheit des Wissens und der Information und bewegt sich dabei immer auf dem schmalen Grat zwischen ritterlichen Idealen und digitalen Verbrechen.
Ist der Hacker also eine Art moderner Robin Hood oder doch bloß ein leicht sozial gehemmter Computernerd, der sich im virtuellen Raum freier bewegen kann als in der Realität? Ein Mönch in digitaler Meditation? Oder kriminelles Meisterhirn mit anarchischen Weltherrschaftsplänen? “Mit der Hackerkultur verhält es sich wie mit der Entwicklung des Menschen. Die meisten werden erwachsen,” beendet Nemo. Er klickt auf den “Send”-Button seines Mailprogramms und schickt die Antworten auf meine Fragen auf die Reise durch den Cyberspace.

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Elektronische Lebensaspekte.

Michel Amato aka 'The Hacker' produziert Electro mit möglichst geringem Retro-Anteil. Bevor er erneut mit Miss Kittin an alte Hiterfolge anknüpft, beweist er solo, wie sehr man mit Electro 2000 das Gegenteil von Kajagoogoo sein kann.
Text: Kerstin Schäfer aus De:Bug 40

Unterwegs im Raumgleiter

The Hacker

Die Achtziger stehen zwischen Tür und Angel und lugen frech in das Nuller-Zimmer herein. Als ob man nicht wüsste, dass sie ja sowieso schon da waren. Aber ganz so vorbehaltlos können wir uns ihnen nicht ergeben. Denn, zwischen der Economy-Aufbruchsstimmung des Jahres 2000 und dem Beginn der Achtziger liegen dann trotzdem zwanzig Jahre. Eben in diesen vollzog sich beispielsweise die Sozialisation einer Generation. Wenn man sich dann heute auf die eigenen Ursprünge bezieht, dann doch nur neu aufgekrempelt wie die Hosenbeine dieser Generation. Und Bezug zum Ursprung ist hier nur im Sinne der Nutzung von Zitaten gemeint. Denn, der Blick auf die Gegenwart und auch der nach vorne darf zuallerletzt nicht fehlen. Im Zusammenhang mit The Hacker, dem französischen Vertreter der Techno-Schule aus Grenoble, zeigt sich ganz klar, was gemeint ist: Technoider und dunkler Electro, der zwar ironisiert Bezug auf die eigenen Vorbilder der Vergangenheit nimmt, aber nie aus dem Blickwinkel verliert, dass es auch ein Leben danach gibt und das Techno früher eben in diesem Ausmaße nicht existent war. Mit dem im Juni auf dem eigenen Label GoodLife erschienen Album ‘Mélodies En Sous-Sol”, was soviel wie ‘Basement Melodies’ bedeutet, zeigt The Hacker alias Michel Amato, was mit Referenzen geschieht, wenn man sie aus dem Kontext von Vergangenem löst und ganz unprätentiös mit der eigenen Vorstellung von Welt und Techno verbindet, ohne dabei in der Retro-Schlinge zu landen. Denn das ist ihm wichtig.

Auf dem Asteroiden

Der vielbeschworene glittering und funny Flair von Pop, den man ja in diesem Kontext leicht annehmen könnte, fällt bei The Hacker weg. Mit der These von fluffiger Verspieltheit sitzt man hier auf dem falschen Planeten. The Hackers Album klingt eher nach dem Soundtrack eines ganz darken Endzeit-Science-Fiction-Movies. Als ob er mit auf dem Asteroiden sitzt, seine kleine Laserpistole putzt und sich dabei alte französische Thriller aus den Sechzigern anschaut, denen er damit Referenz erweist, dass sein Raumgleiter ‘Polar’ heißt. Mysteriös! Um mal wieder in der Gegenwart anzukommen, The Hacker bezieht eindeutig Stellung zur Entwicklung des Electro-Achziger-Dinges, dass man auch unter dem Synonym Electropop kennt. “Ich habe eigentlich immer gewusst, dass der Eighties-Style zurückkommen würde. Denn, Musik schaut immer zurück unter der Absicht, neue Sachen zu entwickeln. Und jetzt ist es eben Techno, der zu den Roots von elektronischer Musik zurückgeht. Es kann eine gute Sache sein, aber wir müssen wirklich aufpassen und es vermeiden, in die Revival-Falle zu tapsen.” Denn im Gegensatz zu anderen Acts, die noch schnell auf den fahrenden Zug aufspringen wollen, beschäftigt er sich schon relativ lange damit. Die immense Popularität dieses Sounds kommentiert er so: “Ich denke, es war schon vor zwei Jahren zu viel. Jeder hat dieses Eighties-Ding gemacht und keine Rücksicht genommen, dass es Überhand nehmen könnte. Im Moment bin ich ganz froh, dass sich diese Bewegung ein wenig zurückgenommen hat.” Schon mit siebzehn spielte er in einer Electro/Industrialband, die von damaligen Pionieren beeinflusst war.
“Als ich mit Musik anfing, haben mich DAF und Cabaret Voltaire und auch Bands wie The Normal, Fad Gadget und Soft Cell inspiriert. Die amerikanischen Electrosachen habe ich erst später entdeckt,” so Michel. Anfang der neunziger Jahre ereignete sich auch in Grenoble der Startschuss für Techno. Die Gründung des französischen Hardcoreprojektes XMF 1993 mit Benoit Bollini legte einen wichtigen Grundstein für Michel, um sich 1996 unter dem Pseudonym ‘The Hacker’ der später eindeutigen Präferenz für Detroiter Techno und Electro zu widmen. Die eigenen Interessen werden in Zusammenarbeit mit Miss Kittin im Sinne klassicher Eighties-Pop-Duos ironisch konkretisiert. Das Ergebnis waren die extrem erfolgreichen ‘Intimités’ und ‘Champagne’ EPs auf Gigolo, mit denen sie die Dancefloors rocken ließen. “Der Mix von Songstrukturen und Techno, also zwei völlig verschiedene Arten, Tracks zu bauen, war ein sehr interessanter Prozess. Und genau das ist es, was ich bei ‘Miss Kittin & The Hacker’ versuche.” Das langerwartete Album der beiden erscheint im Winter auf Gigolo. Auf seinem Label GoodLife, das er zusammen mit Olivier von Oxia und Alexandre Reynaud betreibt, erscheinen demnächst Remixe des Albumtracks ‘Fadin Away’ von Dima, Oxia und Heinrich Müller. Wir sind gespannt und warten darauf, per Anhalter mit in die Hacker-Galaxie genommen zu werden.

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