Text: johnnie stieler aus De:Bug 16

Hackbraten für den Frieden ÒHacksÓ – Ein Film von Christine Bader Johnnie Stieler johnnie@clubaudio.net Theoretische Systeme, die die Kommunikation mit der Außenwelt ablehnen, altern mit ihren Erfindern. Dogmatismus dient in solchen Theorien der Konservierung der gedanklichen Zombies. Ohne ausgefeilte Machtspielchen jedoch sterben auch die schönsten Utopien mit dem Charisma ihrer Entdecker, das für die nachfolgende Außenwelt einfach nur skurril erscheinen muß. In der Praxis äußern sich solche Phänomene in Manifesten, Heilslehren und Glaubensgemeinschaften. Hacken an sich Und so ist es auch deprimierend, wenn in Christiane Baders Film ÒHacksÓ Wau Holland vom Chaos Computer Club ein dreizehntes Gebot formuliert, das da heißt: ÒDu sollst nicht verwalten.Ó Das ist wohl wahr, hilft aber auch niemandem. Nur allzu oft ergibt sich der Eindruck, alternatives Gedankengut entstünde frei von Voraussetzungen und ohne Konsequenzen für die Außenwelt. Was keinem weh tut, enthebt sich meist der Kritik und damit auch dem harten Kampf um Position, These und Konzept. Der Film startet in bester Studentenmanier in einer Art buntem Familienalbum der Members & Friends des Chaos Computer Club. Gezeigt wird nur das, was man ohnehin beim CCC vermutet bzw. kennt. Etwas ältere langhaarige Menschen sitzen enthusiastisch vor hornalten Pcs und geben hin und wieder das klassische ÒIch hasse es!Ó, das in der CCC-Umgebung nahezu als Geheimlosung gelten kann, von sich. Die Freunde (z. B. Peter Glaser) berichten dann, daß der CCC so toll ist, und wie sich alles so entwickelt hat. Für den ganz unbedarften Zuschauer, der sich ohnehin nicht für den Film interessieren dürfte, gibt es dann eine recht eigenartige Internet-Definition, Stichworte: dezentral, Chaos, Selbstorganisation etc. Zum einhundertfünzigsten Mal muß man dann erfahren, daß es die ÒDigitale StadtÓ in Amsterdam und XS4ALL gibt, und daß dort auch Drogen und Sex eine Rollespielen. Und dann – zack – ist erst mal Schluß mit hacken, bevor da überhaupt was war. Wir lernen ein wenig über ein engagiertes Projekt namens ÒKommhelpÓ, das Behinderten den Zugang zur vernetzten Welt ermöglicht. Nach einigen weiteren unerwarteten Richtungswechseln zu ÒSocial EngineeringÓ (zwischen Telefonterror und Selbstverarschung), den Künstlern von FoeBud im Mediencafes auf der CeBit (der Dorfbrunnen im globalen Dorf von McLuhan, Kommentar überflüssig) landen wir dann auf See, genauer gesagt zunächst in und auf der MS Stubnitz, wo Befindlichkeiten, nette Seeimpressionen und Menschen bei der Ausübung ihres Verwirklichungsdranges abgelichtet werden. Daran gibt es ja kaum etwas auszusetzen – aber warum immer die gleichförmigen Off-Stimmen, Bekenntnisse über das traurige Ende der ÒMission MS StubnitzÓ? Ist denn das ÒHackerÓ-Leben so öde und muß immer durch verkrampftes Lächeln ein wenig nach vorn gebracht werden? Gibt es denn da keinen Spaß an anarchischer Illegalität oder an der manische Besessenheit an der Dekonstruktion von Machtkonzeptionen? Hacken für sich In ÒHacksÓ wirkt der Freiheitsdrang der ersten elektronisch vernetzten Generation wie ein klägliches Experiment der Achtundsechziger. Dabei hat doch gerade der CCC das öffentliche Bewußtsein für ein sorgsames Auge im Umgang mit autoritär vermittelten Datenströmen geschaffen. Der zögerliche Umgang mit Kreditkartennummern, Telefon- und Krankenkassenkarten und das Mißtrauen gegenüber zentral gespeicherten Personendaten ist doch eben dieser Generation leicht durchgeknallter Hacker zu verdanken. Der Film jedoch bleibt an der sichtbaren Oberfläche kleben, begnügt sich mit lauen Statements der etwas kommunikationsunwilligen Akteure und hat offensichtlich keine Zeit in die Themen einzudringen. Als dann jedoch plötzlich auf das Schiffsprojekt ÒSea SheperdÓ gezappt wird, reißt langsam der Faden der Geduld, und man hat den Eindruck, daß bei einem Arte-Themenabend die falschen Beiträge zusammengeschnitten wurden. Sicher ist das Engagement gegen den Walfang eine sinnvolle Angelegenheit, und vielleicht stimmt es ja auch, daß Greenpeace nicht so ganz effektiv arbeitet, aber das weiß doch inzwischen jeder Gymnasiast! Auch die verwirrende Diskussion um die Wertigkeit von menschlichem Leben und Bakterien im Darm kann hier kaum das Interesse des Zuschauers wecken. Im Stakkato hoppeln Zuschauer, Filmemacher und Kommentatoren durch die Abgründe der sterblichen Überreste des postmodernen Kapitalismus, wobei jedes Thema, das auf der ÒSea SheperdÓ im Sekundentakt abgehandelt wird, einen Selbstmord wert ist. Erleichtert landet der Film dann beim nächsten Zapping auf einem Campingplatz in den Niederlanden, auf dem gerade ÒHacking In Progress (HIP)Ó stattfindet, einer sehr interessanten international-temporären Community, die in Zelten beieinanderhockt und dort leider Dinge tut, die uns als Zuschauern vorenthalten bleiben. Stattdessen erfahren wir interessante Nebensächlichkeiten über leicht zu knackende Schlösser, Schlangen vor den Zeltplatzklos ‡ la ÒLustig ist das Hackerleben, faria faria hoÓ. Annonciert werden politische Themen, die leider im Dunkeln bleiben und die soziale und technische Vernetzung der Anwesenden, die wir allerdings auch nicht zu sehen bekommen. Input, Output, put put … Aufschlußreich hingegen ist das Statement von Starhacker ÒtronÓ: Offensichtliche Polizeipräsenz in Zivil, gescannter CB-Funk, ein komplett gesnifftes ÒHIPÓ-Netzwerk machen die echte Diskussion um die Praxis des Hackens unmöglich. Bleibt jedoch die Kontaktmöglichkeit zu Menschen, die man gern sieht. Nach Wau Holland ist der Knoten (in der Kommunikation) was tolles, weil man nicht genau weiß, wo’s zum Schluß eigentlich hingeht. Man spricht in Kamera und Mikrofon und weiß nicht, was dabei auf der anderen Seite rauskommt. Das ist zwar richtig, reicht aber als dramaturgisches und inhaltliches Konzept kaum aus. Damit das nicht falsch ankommt: Jeder Film, der sich nicht mit der schönen Informationsgesellschaft auf der Basis von WinNT, Siemens-Handies und Telekom beschäftigt, ist wichtig. Auch wenn der schrägste Theroretiker abstruse Theorien vertritt, sollte man genau hinhören. Kommt dann aber nur ein laues Lüftchen, ist Kritik nötig. Schade. —————————————- Zitate: Da ist Schluß mit hacken, bevor da überhaupt was war. Der CCC hat das öffentliche Bewußtsein für ein sorgsames Auge im Umgang mit autoritär vermittelten Datenströmen geschaffen.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.